Investieren statt konsumieren

Danke, Markus, dass du uns ein bisschen über deine Gemeindezeit erzählst. Welche Bilder hast du vor Augen, wenn du an deine Gemeinde denkst, als du zwischen 14 und 18 Jahre alt warst?

Ich habe träge Gottesdienste vor Augen. Ernste, bedrückte Stimmung. Starre Strukturen. Alte Lieder. Predigten, die wenig mit meinem Leben zu tun hatten. Junge Familien, die gegangen sind. Sture Leute und auch viel Oberflächlichkeit. Wenig dynamische Entwicklungen.

Wie hast du dich damals gefühlt?

Ich war frustriert, enttäuscht und habe mich selbst abgeschirmt – zwar immer nett die Hand gegeben, aber die Leute wussten nur wenig von mir. Im Gottesdienst war ich mit meinen Gedanken abwesend. Ich habe mich auf den Nachmittag gefreut, entweder aufs Zocken oder einen neuen Film – das war so das Highlight. Ich kannte Gemeinde aber eben nur so. Auf Freizeiten war es immer ganz anders. Das hat mich frustriert, und ich habe mich gefragt: Wozu gibt’s diese Gottesdienste überhaupt? Was hat das mit meinem Leben zu tun?

Hattest du Lust, deine Gemeinde aufzugeben und irgendwo anders hinzugehen? Oder komplett wegzubleiben?

Ich hatte mir fest vorgenommen wegzugehen. Was ich aber nie wollte, war vom Glauben wegzukommen. Ich wusste, dass Gemeinde wichtig ist, aber mit meiner Gemeinde konnte ich nicht viel anfangen. Deshalb hatte ich mir echt vorgenommen, mit 18 oder so zu gehen. Aber es kam dann doch anders.

Was war der Wendepunkt?

Wir hatten keine Jugend und ich hatte fast niemanden in meinem Alter – keine Freunde oder so. Jemand aus der Gemeinde entschied sich aber, einfach Jugendarbeit zu starten. Das hieß dann: Ich, als 15-jähriger, zusammen mit 3-4 anderen. Die Älteste war 30! Das war schon etwas krass (lacht). Der Jugendleiter hatte aber trotzdem ein Herz und wollte das machen. Es wurde unser Motto, dass Gemeinde vom Mitmachen lebt. Wir haben uns bewusst dafür entschieden, Gemeinde etwas umzukrempeln – schön geduldig. Es war dieser Jugendmitarbeiter, der in mir neue Energie entfacht hat, dass doch etwas bei Gemeinde geht.

Wir haben angefangen, in unsere Gottesdienste zu investieren. Am Anfang haben wir nur wenig Veränderung gesehen. Wir sind aber drangeblieben, haben Gespräche geführt und auch persönliche Kontakte zu schwierigen älteren Geschwistern gehalten und gepflegt. Wir haben uns über Gemeinde unterhalten. Diese Investition hat über Jahre eine neue Dynamik gebracht und eine Jugendarbeit entstehen lassen, die innerhalb der Gemeinde sehr ausgeprägt ist.

Was bedeuten dir heute Gemeinde und die Gottesdienste?

Wenn ich so zurückschaue, kann mir keiner erzählen, dass er keine örtliche Gemeinde braucht. Ich spüre einfach, dass Gemeinde der Dreh- und Angelpunkt für geistliches und christliches Leben ist. Das geht schlecht in Freizeiten, bei Events und Highlights, sondern im Alltag. Und das bedeutet mir: Jesus hat sein Blut gegeben, damit Gemeinde entstehen kann. Gemeinde ist also eine tiefe Gemeinschaft. Gemeinde ist mein Lebensraum. Gemeinde ist mein größtes Hobby geworden, weil ich da meine Gaben wirklich ausleben kann. Unbeschreiblich – nur erlebbar. Aber natürlich ist jetzt nicht alles toll bei unseren Gottesdiensten. Wir sind immer noch auf dem Weg. Manches würde ich immer noch anders machen oder austauschen. Ich merke aber, dass sich vieles geändert hat: Atmosphäre, Miteinander, Tiefe, Beteiligung. Die alten Strukturen sind aufgebrochen, und wir haben echte Beziehungen und nicht nur Veranstaltungen. Wir haben echtes Gemeindeleben. Das ist ein riesengroßer Segen. Deswegen ist Gemeinde für mich total wichtig geworden.

Was kann ein Jugendlicher tun, der in einer solchen Situation steckt, wie du damals? Muss man warten, bis ein guter Jugendleiter kommt?

Sich zusammenzutun ist auf jeden Fall gut. Das Wichtigste ist für mich aber: »Investiere dich statt zu konsumieren«. Wenn du anfängst die Gemeinde vor Ort als DEINE Gemeinde zu sehen, wird Gemeinde bewegt. Du solltest dich nicht irgendwie enttäuscht und resigniert zurückziehen, sondern positiv »aufständisch« sein und auch mal diskutieren. Suche Gespräche und Beziehungen. Du zeigst damit, dass du nicht über alles meckern willst, sondern etwas anpacken möchtest. Das ist ein Unterschied und wichtig.

Steh nicht um Gemeinde rum wie am Fußballfeld und kritisiere deine Mannschaft wie ein Zuschauer, sondern springe aufs Feld und misch mit. Ich kann ja nur etwas verändern, wenn ich mitmachen will. Außerdem zählt sehr viel Liebe und Geduld. Das klingt zwar so nach den Standardantworten, aber ich musste es selber lernen: Man kann Geschwister, die sich vor Veränderungen fürchten, nicht einfach so umdrehen. Deswegen braucht man wirklich Geduld. Bei mir waren es Jahre. Jahre, in denen sich wirklich etwas verändert hat.

Also noch mal kurz: Liebe + Geduld + investiere in + identifiziere dich mit Gemeinde.

(Das Interview führte Siegbert Krauss, zuerst veröffentlicht im Oktober 2016)