Wie gehe ich mit unzufriedenen Jugendlichen um?

Es klingelt. Tom steht vor mir und sieht ziemlich niedergeschlagen aus. Er schaut verlegen auf den Boden und scheint das Muster auf der Fußmatte zu zählen. Zögernd fragt er: „Kann ich dich mal sprechen? Habe zurzeit ziemlich Frust.“ – „Komm rein!“, heiße ich ihn willkommen. „Um was geht es denn?“, erkundige ich mich.

Bei einer Tasse Tee im Wohnzimmer öffnet er sich langsam. Dann sprüht es immer impulsiver aus ihm heraus: „Ach weißt du“, platzt er los, „ich weiß auch nicht, was eigentlich los ist. Sowohl in der Jugendgruppe, als auch in der Gemeinde, ist seit einiger Zeit alles völlig anders! Alle hängen bloß ab, keiner kommt mehr aus dem Quark. Nichts läuft mehr. Früher haben wir immer zusammen was unternommen. Voll Action war das. Nee, nicht so Party und so. Haben uns bei allen Aktionen immer über Jesus und die Bibel unterhalten. Und Einsätze gemacht. In der Fußgängerzone und so. Waren bei Freizeiten und Missionscamps dabei. War echt eine gute Zeit. Das hat mich total mitgerissen. Wir haben viel mit Jesus erlebt. Und auch in der Gemeinde war es voll cool. Immer neue Leute kamen, haben total gut mitgemacht. Gute, knackige Predigten, die überzeugten. Ich war echt begeistert von unsrer Clique und von der Gemeinde, echt krass war das!“ Toms Gesicht glüht bei der Erinnerung an die Zeit damals. Plötzlich werden seine Augen leer und er senkt seinen Blick auf den Teppich. „Aber heute“, meint er resigniert, „heute ist nichts mehr los! Keiner hat mehr Zeit für andere. Jeder ist nur mit sich selbst beschäftigt. Und in den Gemeindestunden? Der Gesang ist lahm, die Gebete zäh, die Predigten reißen nichts mehr. Und anschließend sind alle gleich weg. Jeder hängt alleine rum, keiner hat mehr Zeit. Was soll das Ganze noch?“

Frustriert – wie komme ich raus?

„Und weshalb kommst du jetzt zu mir?“, erkundige ich mich. „Was erwartest du von mir? Wie meinst du, soll ich dir helfen?“ – „Tja, ich dachte…“, antwortet er zögernd, „könntest du nicht am Sonntag mal so eine richtige Hammer-Predigt losmachen, dass alle echt wach werden? Das wäre es doch, oder?“ – „Nun“, gebe ich zu bedenken, „würde die dich wieder flottmachen und motivieren? Oder möchtest du eine Predigt, die ich für die anderen halten soll?“ „Naja“, meint er und schaut mich zögernd an. „Vielleicht beides, oder?“

„Pass auf “, rege ich an, „ich glaube, es ist das Beste, dass wir beide erst einmal auf die Knie gehen und die Sache unserem Herrn bringen. Ich glaube, es ist gut, wenn er unser Anliegen in die Hand nimmt. Vielleicht macht er uns auch klar, wie wir vorgehen sollten. Danach drehen wir beide mal ’ne Runde durch den Park. Wie sagte Spurgeon einmal: Nebst dem Heiligen Geist ist oft die frische Luft das Zweitbeste in unserem Leben.“

Nachdem wir Toms Not unserem Herrn und Heiland im Gebet gesagt haben, machen wir zwei uns auf den Weg. Beim Gehen lässt es sich oft viel leichter über Probleme reden. Dann sitzen wir nebeneinander auf einer Bank und genießen den Sonnenschein und die herrliche Aussicht.

„Sag mal, Tom, was hast du eigentlich in der vergangenen Woche so mit deinem Herrn erlebt?“ – Fragend schaut er mich an: „Ich?“ – „Ja, du!“, antworte ich. „Häufig – so habe ich es bei mir erlebt – liegt das eigentliche Problem nicht bei den anderen, von denen wir erwarten, dass sie sich endlich verändern, sondern bei uns selbst.“

Immer noch schaut er mich verdutzt an. „Ja, aber“, meint er, „die anderen sind doch so lahm geworden! Da habe ich auch die Lust verloren. Wenn bei denen wieder Schwung reinkommt, dann hau ich auch voll rein! Echt!“ Tom grübelte nach: Früher hatte er das gar nicht bemerkt, war einfach wie selbstverständlich zu den Gemeindestunden gegangen, hatte sich über die guten Predigten, den frischen Gesang und die frohe Gemeinschaft gefreut. Doch seit einiger Zeit schien plötzlich alles anders zu sein. Spannung lag in der Luft. Er spürte sie, fast zum Greifen nah. Und doch: Man versuchte sie krampfhaft zu vertuschen. Bei der Begrüßung verzog man zwar die Mundwinkel zu einem Anflug von Lächeln, gab sich pflichtbewusst die Hand, vermied aber möglichst jeden Blickkontakt. Tom beobachtete die Gemeindeglieder und die Jugendlichen zunehmend erstaunt. War es nur sein Empfinden oder klang der Gesang in den letzten Wochen träger als sonst? Jedenfalls stimmte man auffallend oft bereits nach der zweiten Strophe einen Ton höher an, weil man so gesunken war.

Schaute er die anderen vielleicht heute kritischer an als am Anfang? Hatte er sich verändert oder die anderen? Der Umgangston war schärfer geworden, jeder formulierte punktierter und betonte jeden Satz akzentuiert. Früher war man viel natürlicher, offener miteinander umgegangen. Was war nur los? Die fröhliche Stimmung war verschwunden. Es kam jetzt sogar ab und zu vor, dass es in den Jugendstunden zu einem heftigen Disput oder zu längeren Auseinandersetzungen kam. Man unterstellte sich gegenseitig Spitzfindigkeiten und sah in jeder Äußerung des anderen eine heilsgefährdende Bemerkung.

Zunehmend hatte Tom keine Lust mehr, zur Jugendgruppe zu gehen und ertappte sich dabei, dass er vor jeder Stunde tatsächlich überlegte, ob er nicht einen guten Grund finden könnte, um zu fehlen. Sollte er etwa die Gruppe wechseln, wie man ein altes Hemd wechselt? Er war sich nicht sicher und deshalb zu mir gekommen.

Was motiviert mich eigentlich?

Doch ich reagiere offenbar anders, als er es erwartet hat. „Nun“, hake ich nach, „was hast du in der letzten Woche mit deinem Herrn erlebt?“ – Zögernd kommt seine Antwort: „Eigentlich nichts. Und ich habe auch – ehrlich gesagt – seit einiger Zeit mit dem morgendlichen Bibellesen und dem Beten aufgehört.“ – „Warum?“, will ich wissen. – „Ich hatte keine Motivation.“

„Warum hast du dich eigentlich bekehrt?“ – Erstaunt blickt er auf. „Na klar, weil ich Frieden mit Gott haben wollte und Vergebung meiner Sünden!“ – „Ja, das ist prima. Aber schlag mal 1. Thessalonicher 1 auf und lies den 9. und 10. Vers.“ Tom zieht seine Taschenbibel heraus und liest: „Ihr habt euch von den Götzen zu Gott bekehrt, um dem lebendigen und wahren Gott zu dienen und seinen Sohn aus den Himmeln zu erwarten.“ – Fragend schaut er mich an: „Was willst du damit sagen?“

„Ich nehme einmal an, dass deine Motivation, um dich in der Jugendstunde und in der Gemeinde einzusetzen, deine Dankbarkeit für die Vergebung war. Außerdem kam sie offenbar aus der guten Gemeinschaft mit den anderen Christen. Die Dankbarkeit und die Gemeinschaft sind anscheinend sehr abgekühlt. Deine Motivation ist von anderen abhängig. Die Thessalonicher aber hatten sich bekehrt, um Gott zu dienen! Ihre Motivation kam von Gott und aus der Erwartung, dass der Herr Jesus wiederkommt. Denk mal darüber nach.“

„Du meinst also, das Problem liegt zuerst in mir und weniger in den anderen?“ Es ist, als wenn ihm ein Licht aufgeht. „Das heißt also, wenn ich mich wieder mit meinem Herrn beschäftige und ihm diene und ihn erwarte, dann kommt auch die Motivation zum Dienst zurück?“

„So ist es!“, sage ich ihm. „Und damit dir das leichter fällt, schlage ich vor, dass wir uns in der nächsten Zeit einmal pro Woche treffen und gemeinsam die Bibel lesen und miteinander beten. Einverstanden?“ Dankbar schaut er mich an: „Danke, ich werde kommen!“ – „Ich gebe dir noch eine Hausaufgabe mit“, füge ich hinzu. „Wir können uns beim nächsten Treffen darüber unterhalten: Lies einmal 2. Timotheus 2 durch und bereite eine Jugendstunde daraus vor. Abgemacht?“

Als er sich verabschiedet, ist sein Blick offener geworden: „Das ist so etwas wie ein Silberstreif am Horizont. Danke.“