Was ich aus einer Gemeindespaltung gelernt habe

Vor einigen Jahren erschütterte eine Gemeindespaltung das Leben unserer Stadtmissionsgemeinde. Ein Drittel der Gottesdienstbesucher, unter ihnen zehn Gemeindeglieder, trennten sich von unserer kleinen Evangelisch Freien Gemeinde. Ich habe dieses Drama als Pastor der Gemeinde miterlebt, und weil wir auch persönlich als Pastorenehepaar sehr stark im Kreuzfeuer der Kritik standen, hat mich das Ganze damals in meinem Glauben und Dienst tief erschüttert.

Viele Fragen tauchten auf. U.a.: Wie konnte so etwas passieren? Was war falsch gelaufen? Wie hätte es verhindert werden können? Wie ist es möglich, dass Glaubensgeschwister, mit denen wir zum Teil über 10 Jahre  freundschaftlich verbunden waren, mit denen wir viel Schönes in unserer Gemeindeaufbauarbeit erlebt hatten, nun meinten, mit uns keine geistliche Gemeinschaft mehr haben zu können?

Wie in den meisten Gemeindekonflikten gab es natürlich Konfliktthemen und –fragen, die zu den Spannungen geführt hatten. Aber eigentlich waren die Positionen gar nicht so weit auseinander, dass man nicht in gegenseitigem Respekt damit hätte leben können. Auch objektive Berater von außen konnten keine unüberbrückbaren Gegensätze oder gar Irrlehren bei den Konfliktparteien erkennen. Trotzdem gab es kein Miteinander mehr und unsere Freunde und Glaubensgeschwister trennten sich von uns. Solche Gemeindespaltungen sind kein Einzelfall. Und immer wieder tauchen die gleichen oder ähnlichen Themen auf, die für Konfliktstoff sorgen. Im Folgenden nenne ich einige Problemfelder. Manche dieser Themen spielten auch eine Rolle in unserer Gemeindekrise:

  • Ehescheidung und Wiederheirat
  • Tauffrage: „Wiedertaufe“, „Glaubenstaufe“, Kindertaufe
  • Frauenfrage: Stellung und Aufgaben der Frau in Ehe und Gemeinde
  • Gemeinde-/Kirchenfrage: biblische Gemeindestrukturen
  • Vereinbarkeit von Seelsorge und Psychologie bzw. Psychotherapie
  • Evangelisationen und Gottesdienste mit modernen Formen und moderner Technik
  • Christliche Rockmusik, Theaterstücke, Fernsehen, Internet …
  • Endzeitfragen
  • Verhalten gegenüber Charismatikern oder Beurteilung von Phänomenen wie Prophetie und „Zungenreden“
  • Zusammenarbeit mit Christen anderer Prägung, aus anderen Kirchen

Die Frage nach der „Biblischen Wahrheit

Die Diskussionen und Auseinandersetzungen über diese Themen führen unter uns Christen leider oft dazu, dass wir uns von Glaubensgeschwistern dianzieren, die anders denken als wir selbst, ja dass wir sogar vor ihnen warnen oder sie bekämpfen. Und ich habe den Eindruck, dass die Frage nach der „biblischen Wahrheit“ dabei oft genug für die Rechtfertigung der eigenen Rechthaberei, Arroganz und Lieblosigkeit herhalten muss.

Ich möchte nun im Folgenden konkret und ausführlicher beschreiben, was Gott mich durch diese schmerzliche Erfahrung der Gemeindespaltung gelehrt und wie er mich innerlich verändert hat.

Was sich bei mir verändert hat

1. Ich betone und sehe heute mehr die Bedeutung und Wichtigkeit der Liebe als oberstes Ziel aller Verkündigung/Lehre und als Dreh- und Angelpunkt des Christen- und Gemeindelebens. Früher habe ich gewusst, dass die Liebe wichtig ist, heute weiß ich durch eigene Erfahrung, wie wichtig sie ist! Natürlich kannte ich schon immer die einschlägigen Bibeltexte über die Wichtigkeit der Liebe. Aber in der Praxis – in meinen Worten und Verhaltensweisen – habe ich diesem Liebesgebot nicht das nötige Gewicht und die zentrale Stellung eingeräumt, die es haben muss!

Ich kann noch so rechtgläubig sein und glauben, die biblische Wahrheit zu vertreten, ich werde aber Gott und auch den Menschen nicht richtig dienen können, wenn dabei nicht all mein Tun aus Liebe und mit Liebe geschieht. Jesus sagt uns: „Liebe den Herrn, deinen Gott, von ganzem Herzen, mit ganzem Willen und mit deinem ganzen Verstand!  Dies ist das größte und wichtigste Gebot. Aber gleich wichtig ist ein zweites: Liebe deinen Mitmenschen wie dich selbst! In diesen beiden Geboten ist alles zusammengefasst, was das Gesetz und die Propheten fordern“ (Mt 22,37-40). Und Paulus schreibt: „Jede Unterweisung der Gemeinde muss zur Liebe hinführen, die aus einem reinen  Herzen, einem guten Gewissen und einem aufrichtigen Glauben kommt“ (1Tim 1,5-7).

2. Ich bin vorsichtiger geworden in der Beurteilung anderer Christen und Gemeinden (Gemeinderichtungen). Ich habe am eigenen Leib erfahren wie schmerzhaft es ist, von Brüdern und Schwestern ungerecht oder lieblos beurteilt zu werden. Ich will die Warnungen der Bibel ernst nehmen: „Euer Urteil wird auf euch zurückfallen, und ihr werdet mit demselben Maß gemessen werden, das ihr bei anderen anlegt“ (Mt 7,2).

3. Ich glaube nicht mehr so schnell alles, was man mir von „Skandalen“ über andere Christen und Gemeinden erzählt; all dass, was diese angeblich „Schlimmes“ gesagt oder getan haben sollen. Ich weiß, wie schnell Gerüchte entstehen und wie einseitig man eine Sache darstellen kann. Ich halte mir die Weisheit von Sprüche 18,17 vor Augen  und richte mich nach dem Motto: „Wer als erster … aussagt, scheint recht zu haben; dann aber kommt sein Gegner und zeigt die andere Seite auf.“

4. Ich bin gegenüber meiner eigenen Bibelauslegung und Erkenntnis skeptischer geworden und betone mehr die  Wichtigkeit christlicher Toleranz. Ich habe erlebt, wie liebe Freunde, die Gottes Wort lieben und Jesus ernsthaft nachfolgen wollen, persönliche Erkenntnisse für „biblische Wahrheit“ halten. Ich habe gesehen, wie sehr ein Christ sich verrennen kann, wie er den Kampf für die biblische Wahrheit mit lieblosem Rechthabenwollen verwechselt.  Darum bin ich vorsichtiger geworden und bereiter, gut auf Erkenntnisse anderer Christen zu hören und mich von  ihnen in Frage stellen zu lassen. Paulus rät uns: „Niemand soll sich über andere erheben und höher von sich denken,  als es angemessen ist. Bleibt bescheiden und sucht das rechte Maß“ (Röm 12,3). Eine andere Übersetzung  spricht hier von „nüchterner Selbsteinschätzung“. Also: Ein bisschen mehr Selbstkritik und Demut schadet nichts.

Ich meine nun nicht, dass alles, was die Bibel sagt, relativ und schwammig ist und sich nichts Genaues über die christliche Lehre sagen lässt. Es gibt unter den Jesusnachfolgern Einigkeit über die grundlegenden Themen des Glaubens, aber es gibt wohl genauso viele Themen, über die wiedergeborene, bibeltreue Christen heute sehr unterschiedlich denken (s.o.). Es ist eben nicht immer so ganz leicht und einfach zu erkennen, was die biblische Antwort auf unsere Fragen ist. Unsere Erkenntnisfähigkeit ist begrenzt (und jeder von uns liest außerdem die Bibel durch eine subjektiv gefärbte Brille!). Natürlich dürfen und sollen wir im gemeinsamen Gespräch darüber „streiten“, welches wohl die richtige „biblische“ Haltung bei all diesen umstrittenen Fragen und kontroversen Themen ist.

Aber ich will nun bei solchen Diskussionen Folgendes beachten:

  • Die Auseinandersetzung mit dem jeweiligen Thema sollte nie zur Auseinandersetzung (Auseinander-Setzen zur Distanzierung) mit meinem Bruder, meiner Schwester führen.
  • Ich will davon ausgehen, dass der Andere genauso den Heiligen Geist hat wie ich das für mich selber in Anspruch nehme. Ich darf nicht automatisch unterstellen, dass seine Beziehung zu Jesus nicht so eng ist wie meine. Paulus machte die andersdenkenden Christen in Korinth bei den damaligen Diskussionen auf diesen Punkt aufmerksam, indem er ihnen sagt: „Aber ich glaube, dass auch ich den Geist Gottes habe“ (1Kor 7,40). Und: „Wenn jemand von euch den Anspruch erhebt, Christus zu gehören, darf er nicht übersehen: Ich gehöre Christus ebenso wie er“ (2Kor 10,7).
  • Ich will immer wieder ganz neu mit innerer Offenheit die Bibel studieren. Und es soll bei mir ein demütiges Hören da sein auf das, was Gott meinem Bruder, meiner Schwester vielleicht klarer gezeigt hat als mir. Ich muss damit rechnen, dass ich meine bisherige Position ändern muss, weil sie nicht in Übereinstimmung mit Gottes Wahrheit ist. In Philipper 2,3 heißt es: „Habt alle dieselbe Liebe … seid bescheiden und achtet den  anderen mehr als euch selbst.“
  • Ich will bei – vielleicht weiterhin – unterschiedlichen Standpunkten den Anderen nicht verketzern, sondern mich nach der Devise des Paulus richten: „Das soll jeder so halten, wie es nach seiner Überzeugung richtig ist“ (Röm 14,5). Das bedeutet für mich eine positive, christliche Toleranz zu haben.

Was ich bedenkenswert finde und mir zu Herzen nehmen will

  • Jesus hat das Markenzeichen der Christen „Liebe“ genannt (Joh 13,34-35), und er nennt es wohl aus gutem Grund nicht „Wahrheit“.
  • In der Aufzählung der Frucht des Geistes in Galater 5 suchen wir interessanter Weise den Kampf für die Wahrheit vergeblich. Stattdessen steht an der ersten Stelle die Liebe und dann folgen weiter: Frieden,  Freundlichkeit und Bescheidenheit (Sanftmut).
  • Und der Apostel Paulus betont in 1. Korinther 13,2: „Wenn ich … alle himmlischen Geheimnisse weiß und alle  Erkenntnis besitze, … aber ich habe keine Liebe – dann bin ich nichts.“ Die Liebe ist das Wichtigste, das  Größte! Es gibt nichts, was die Liebe an Bedeutung übertrifft. Es wäre viel gewonnen, wenn wir das wirklich glauben würden.