Vom Umgang mit Andersdenkenden unter Christen

In der christlichen Gemeinde denkt nicht jeder gleich. Das muss auch nicht sein (Kol 2,16.17; 1Kor 6,12). Und doch ist natürlich sofort die Frage akut, wo im Bereich der christlichen Überzeugungen und der Lehre Grenzen zu ziehen sind, was jemand beispielsweise als wahre Botschaft des Evangeliums bezeichnen darf und wo das nicht mehr der Fall ist, oder was als angemessenes Verhalten unter Christen gelten kann und was ggf. nicht. Sehr drastisch wird das ja bekanntlich vom Apostel Paulus im Galaterbrief ausgedrückt: „Wenn jemand euch etwas als Evangelium verkündigt entgegen dem, was ihr empfangen habt: Er sei verflucht“ (Gal 1,9). Denn das, was den christlichen Glauben auszeichnet, besteht ja nicht einfach nur aus willkürlichen, subjektiven „Meinungen“, sondern aus verbindlichen Weisungen des Willens und Wortes Gottes, die uns als Christus-Gläubigen vorgegeben sind. Wie steht es da mit dem „Andersdenken“? Kann man da alles denken und meinen, was man will?

Nach der Heiligen Schrift zu urteilen geht das offensichtlich nicht. Man kann zwar alles denken, aber man kann eben nicht alles als Ausdruck des gesunden christlichen Glaubens persönlich oder öffentlich vertreten. Da gibt es Grenzen, die gezogen werden können und auch gezogen werden müssen.

Wie gehen wir als Christen damit um, dass es unter uns Christen Andersdenkende gibt? Welche biblisch abgeleiteten Kriterien können uns da zur Orientierung dienen, wie wir miteinander umgehen sollten, wo das Andersdenken ganz okay ist und wo das nicht mehr der Fall ist? Ein paar Impulse zum Weiterdenken:

Von Milch-Christen und Schwachen im Glauben

Innerhalb der Gemeinde Jesu gibt uns die Schrift verschiedene Hinweise, wie wir dort mit Andersdenkenden umzugehen haben. Da wären zunächst einmal die Brüder und Schwestern im Herrn, die noch sehr frisch oder ungeübt im Glauben sind. Die bedürfen der „Milch“ (1Kor 3,2; Hebr 5,11-14). Ohne Bild gesprochen: Sie bedürfen sehr grundlegender Unterweisung und Nahrung im christlichen Glauben. Diese werden gelegentlich die Angelegenheiten des Glaubens noch etwas „unfertig“ oder sogar „schief“ beurteilen, also anders denken, als ein reifer, erfahren Christ es tun wird. Mit solchen „unerfahrenen“ Christen muss man pädagogisch weise umgehen, sie weder verprellen, noch erzürnen, aber auch nicht willkürlich ungeübt laufen lassen. Beispielsweise in Hebräer 5,13.14 steht: „Denn jeder, der noch Milch genießt, ist richtiger Rede unkundig, denn er ist ein Unmündiger; die feste Speise aber ist für Erwachsene, die infolge der Gewöhnung geübte Sinne haben zur Unterscheidung des Guten wie auch des Bösen.“ Unkundige und solche, die noch ungeübte Sinne haben, haben gelegentlich in christlichen Angelegenheiten eine andere Meinung, die erst noch zurechtgebracht werden muss, wie auch der Evangelist Apollos als Unkundiger Hilfe zum besseren Verstehen bekam. So sollen wir es ebenfalls untereinander machen, in Liebe und Geduld und mit Weisheit und Verständnis und durch gute Lehre die Unmündigen auferbauen und festigen (Apg 18,26).

Und unter uns in den Gemeinden kann es außerdem auch solche geben, die Paulus als noch „schwach im Glauben“ bezeichnet (1Kor 8,1-13; Röm 14,1-23). Diese Geschwister im Herrn haben bestimmte Zusammenhänge des christlichen Glaubens noch nicht richtig begriffen, z. B. ob man Fleisch vom heidnischen Schlachter auf dem Marktplatz essen darf oder ähnliche Fragen, die das Leben als Christ betreffen. Das Gewissen derer ist noch nicht frei, sich darauf einzulassen, wie es eigentlich „in Christus“ sein dürfte. Die Ermahnung des Apostels lautet im Umgang mit solchen, die anders denken in Bereichen, in denen man eigentlich längst Klarheit haben sollte: „Seht aber zu, dass nicht etwa diese eure Freiheit den Schwachen zum Anstoß werde!“ Im Umgang mit solchen „Schwachen im Glauben“ soll nicht das Besserwissen oder die Erkenntnis regieren oder die Überheblichkeit und Arroganz des Starken im Glauben, der damit die Schwachen brüskiert, sondern die Liebe, die den Bruder oder die Schwester ermutigen und in der Erkenntnis vorwärtsbringen will (1Kor 8,1), soll den Umgang bestimmen. Dabei braucht es mitunter Geduld, weil diese „glaubensschwachen“ Andersdenkenden nicht aus dem Stehgreif zu einem anderen Denken geführt werden können. Da braucht es Fürbitte füreinander, Geduld miteinander und Liebe zueinander.

Von Widerspenstigen, falschen Brüdern und Irrlehrern

Dann gibt es aber innerhalb der Gemeinden gelegentlich auch solche Andersdenkenden, denen gegenüber ein besonderes Verhalten notwendig ist. Da gibt es Widerspenstige, die nicht einsehen, dass sie falsch liegen in ihrem Urteil oder in ihrem Lebensstil, ohne dass das alles bereits Sünde sein muss, was sie tun oder sagen (vgl. 1Kor 6,12 usw.). Paulus will Verirrte und Widerspenstige „gewinnen“ (1Thes 2,7; 3,2; 2Kor 2,4), sie zurechtbringen.

Manchmal gibt es auch solche Andersdenkenden in der Gemeinde, die eine ungesunde Motivation in sich haben, warum sie etwas tun, vielleicht sogar eine negative Motivation, die sich gegen andere in der Gemeinde richtet. So war es auch bei Paulus in der Gemeinde in Philippi (Phil. 1,15-18). Doch empfiehlt da Paulus einen weisen Umgang, der auch durch das Höher-Achten des anderen als sich selbst in der Nachfolge Christi geprägt sein darf (Phil. 2,1ff.). Und alle Briefe des Neuen Testaments bezeugen, wie die Unterweisung und die gesunde Lehre dazu führen sollen, den Willen Gottes zu erkennen und zu tun. Im Miteinander kann es da unter den Christen vor Ort zu einmütigen Überzeugungen kommen, die dem HERRN gefallen.

Es gibt aber auch sogenannte „falsche Brüder“ und Irrlehrer, die schlimme Verwirrungen innerhalb der Gemeinde anrichten, durch falsche Lehre oder durch falsches Verhalten, die Gott nicht gutheißen kann (Gal 2,4; 2Kor 11,26; Phil 3,2). Was macht man dann? Diese Andersdenkenden sind nicht harmlos, denn sie sind Durcheinanderbringer und Verführer. In solchen Fällen – wenn Gespräche und Ermahnungen im kleinen Kreis nichts gebracht haben – bleibt oft nichts anderes übrig, als den Gemeindeausschluss als schmerzhaften Schritt zu vollziehen (vgl. 1Kor 5,11-13; Jud 17-23 u. ä.): „Nun aber habe ich euch geschrieben, keinen Umgang zu haben, wenn jemand der Bruder genannt wird, ein Unzüchtiger ist oder ein Habsüchtiger oder ein Götzendiener oder ein Lästerer oder ein Trunkenbold oder ein Räuber; mit einem solchen nicht einmal zu essen. (…) Richtet ihr nicht, die drinnen sind? Die aber draußen sind, richtet Gott. Tut den Bösen von euch selbst hinaus!“ Doch ist solch ein Schritt gut abzuwägen; er ist unter den Verantwortlichen im brüderlichen Geist einmütig zu vollziehen und das Urteil muss ganz klar sein, dass es sich der Sache nach wirklich um gravierende Verführung oder Sünde dreht (vgl. Gal 1,6-10; 1Kor 5,13). Geht es jedoch lediglich um unreifes, zweifelndes oder unweises Fehlverhalten, das in Liebe und Geduld mit Bindung an die Wahrheit korrigiert werden kann, dann muss anders gehandelt werden. Ein Ausschluss wäre dann fatal und falsch.

Was tun angesichts der Spaltungen unter Christen?

Zu guter Letzt noch ein paar Bemerkungen zu dem Problem, dass Christen weltweit eben zu unterschiedlichen Gemeindearten und Gemeindebewegungen gehören. Es steht bei diesen Menschen außer Frage, dass sie i. d. R. tatsächlich Christen sind, „wiedergeboren zu einer lebendigen Hoffnung“ (1Petr 1,3). Und doch versammeln sie sich nicht in Einmütigkeit, wie es die Einheit des Leibes Christi vor Ort eigentlich erwarten sollte, sondern sie repräsentieren insgesamt eher das Bild, das im 1. Korintherbrief als nicht optimal und als „fleischlich gesinnt“ beschrieben wird, in Spaltungen (1Kor 1,10-17; 3,1-11). Das ist die bedauernswerte Wirklichkeit weltweit.

Wer nun die „wahren Rechtgläubigen“ in diesen Gemeindeformen und Konfessionen sind, ist heutzutage eine müßige Frage. Sie kann kaum weise beantwortet werden, ohne dabei dann zum „Pharisäer“ zu mutieren. Wenn Paulus demnach urteilt: Durch eure Spaltungen in Gruppierungen verhaltet ihr euch letztlich „fleischlich. Denn wo Eifersucht und Streit unter euch ist, seid ihr da nicht fleischlich und wandelt nach Menschenweise?“, dann verdeutlicht er, dass dieser „fleischliche“, unreife Zustand unter Christen zumindest nicht gewünscht ist.

Die Spaltungen, Denominationen und Konfessionen unter Christen vor Ort und weltweit, die wir heute überall vorfinden, sind daher im Urteil Gottes als „unmündig, unreif, fleischlich“ zu bezeichnen, also letztlich als bedauernswert. Doch ringt Paulus in seinem Brief gerade mit Leidenschaft und väterlicher Weisheit mit diesen „unreifen“ Korinthern darum, dass sie sich eines Besseren belehren lassen und sie u.a. zur Einmütigkeit und Einheit in der Liebe zur Wahrheit zurückfinden. Das bedeutet für mich, dass, wenn wir die oben genannten Kriterien der Schrift beherzigen, die Zugehörigkeit eines Christen zu einer bestimmten Gemeindeform, die verschieden zu der eigenen sein kann, nicht pauschal und undifferenziert als „irregeleitet“ oder „verführt“ abgeurteilt werden darf. Denn ob dieses Urteil zutrifft, das entscheidet sich daran, was dort in zentralen Punkten gelehrt und wie die Ethik praktiziert wird. Pauschal jemanden im Sinne von 1. Korinther 5,11-13 die Gemeinschaft zu entziehen, weil er einer anderen Denomination oder Gemeindebewegung als der eigenen angehört, wäre daher verkehrt, auch wenn solche Spaltungen insgesamt als „unmündig-fleischlich“ und bedauernswert bezeichnet werden müssen.

Auch in diesem Bereich, wo es untereinander viele andersdenkende Mitchristen gibt, benötigen wir Geduld und Weisheit, wie wir als Christus-Leute miteinander umgehen und einander dienen können, um vorwärtszukommen im Verstehen des Willens Gottes. Möge der Herr Jesus uns dabei helfen und gnädig sein bis zum Tag seiner Wiederkunft, wenn Er unsere „Fleischlichkeit“ beenden und die Einheit der Gemeinde in Wahrheit wiederherstellen wird, die den Leib Christi immer schon auszeichnete und die über die Jahrtausende seit Pfingsten nie verloren ging, wenn sie auch nach außen hin nicht selten ein trauriges Abbild der „Kirche Gottes“ (ekklesia) darbot, vor dem der Apostel warnte und das nicht dem Willen Gottes entspricht.