Nachdenken über die Mahlfeier (Teil 3/3)

Im ersten Teil dieser Serie klärt Andreas Ebert ein häufig anzutreffendes Missverständnis hinsichtlich der Geistesleitung in unseren Gemeindestunden. Anschließend zeigt er, wie nüchternes Nachdenken über Hinderliches und Hilfreiches eine lebendige Gestaltung fördern kann, auch ohne alles komplett durchplanen zu müssen.

Aus seiner langjährigen Erfahrung sowohl im Ältestendienst als auch in der Jugendarbeit beschreibt Lothar Jung im zweiten Teil die Spannungen, die in vielen Gemeinden bei der gemeinsamen Anbetung Gottes aufkommen. Wie können wir hier umgehen mit Freiheit, mit Ängsten, mit unterschiedlichen Formen, Stilen und Gewohnheiten? Wie können wir mit Alt und Jung zusammenfinden?

Im dritten Teil nun schildert eine traditionsreiche Gemeinde den Prozess, den sie im Nachdenken über ihre Mahlfeier durchlaufen haben. Mit einer gut nachvollziehbaren Herangehensweise kommen sie zu Ergebnissen, die ihren Geschwistern helfen – die an anderen Orten natürlich auch anders ausfallen können.

Dem Herrn begegnen an seinem Tisch – wie eine Gemeinde ihren Geschwistern dabei hilft

Besorgniserregend

Seit mehreren Jahren beobachteten wir diese Tendenz: Der Besuch der Mahlfeier nahm in unserer Gemeinde stetig ab. Vor allem die mittlere und junge Generation tauchte immer seltener auf. Ob die Beteiligung der immer gleichen, älteren Brüder, die schwermütige Stimmung und der routiniert wirkende Ablauf Folge oder Ursache dieser Tatsache waren, wussten wir nicht – vielleicht beides. Einige Gäste verließen die Gemeinde nach einiger Zeit wieder mit der Bemerkung: „Wir können uns mit eurer ersten Stunde nicht identifizieren, uns fehlt die Lobpreiszeit.“

Fragen

Wir fragten uns: Läuft bei uns etwas falsch? Viele von uns bejahten die Frage bereitwillig – aber was genau war verkehrt? War es primär ein geistliches oder ein strukturelles Problem – oder beides? Was ist Anbetung? Welche Rolle spielen Musik und Lieder beim Mahl des Herrn? Woher kommen unsere Form und unsere Praxis – was davon ist biblisch vorgegeben, und was könnte auch geändert werden? Wie können wir im Ziel treu bleiben, aber in der Gestaltung flexibel werden? Hat nur unsere Gemeinde dieses Problem?

Erneuerungsprozess

Ein Fragen und Suchen nach geistlicher und, wenn nötig, auch konzeptioneller Erneuerung begann. Es war klar, dass geistliches Verhalten nicht erzwungen werden kann. Der Herr muss an den Herzen wirken. Aber konnte es sein, dass wir mit unseren veränderungsresistenten Wegen Ihm im Weg standen? Wäre eine veränderte Struktur hilfreich? Könnten ein vorbereiteter Impuls, eine Moderation und vorbereitete Lieder mit Instrumentalbegleitung zur Erneuerung beitragen? Das Miteinanderdenken wurde manchmal zum Ringen, die Auseinandersetzung unter den Mitarbeitern und Ältesten war kräftezehrend. Es gab etliche Thesen und Argumente, die dagegen vorgebracht wurden und die wir zu prüfen hatten:

  • „Wer ein Bedürfnis hat, den Herrn anzubeten, der kommt auch zum Mahl des Herrn!“
  • „Wer wirklich will, findet auch den Zugang zur Beteiligung.“
  • „Ein öffentliches Gebet sprechen sollte jeder können.“
  • „Eine neue Methode ändert gar nichts.“
  • „Moderation ist keine Geistesleitung.“

Zunächst bearbeiteten wir diese Thematik im Ältestenkreis. Wir lasen Artikel zur Praxis des Abendmahls, tauschten uns mit anderen Brüdern aus, besuchten ein Seminar und beteten darüber. Als wir dann soweit waren und Klarheit über die nächsten Schritte gewonnen hatten, bezogen wir die Gemeinde mit in unser Nachdenken ein. Mit einer Predigt über das Mahl des Herrn stellten wir den Geschwistern sowohl den biblischen Befund als auch unsere Analyse der Ist-Situation vor. Wir legten dar, warum wir einen Prozess der Neubelebung und, wenn nötig, auch Neugestaltung der Abendmahlsfeier für notwendig hielten, und baten die Geschwister um ihre Gedanken und Anregungen dazu.

In den folgenden Wochen hatten wir drei große Aufgaben:

1. Aspekte verstehen und ordnen

  • Wir mussten unterscheiden, was genau biblisches Gebot ist und was biblische Beispiele sind. Wie haben wir die Letzteren zu gewichten? Und wo dreht es sich bei dem Thema um Einzelheiten, die wir frei gestalten dürfen?
  • Wir wollten das Zentrum der Mahlfeier erkennen. Was ist der Anlass dafür, was sind Folgen?
  • Wir versuchten, Form und Inhalt zu sortieren. Es war klar, es geht nicht um den formalen Akt des Brotbrechens und des Vorlesens von Bibelstellen. Kern und Ziel ist die Zuwendung des Herzens zu Gott. Mit der Form schaffen wir noch nicht das, was Gott sucht. Die Form ersetzt nicht den Inhalt – ein anbetendes, ergriffenes, bewegtes Herz!

2. Einseitigkeiten und Blockaden überwinden

  • Manche Geschwister verstanden unter der „Verkündigung des Todes des Herrn“ ausschließlich die Schilderung von Leid und Schmerz des Herrn. So wird sein umfassendes Werk aber verkürzt dargestellt.
  • Was auf viele wie „Beerdigungsstimmung“ wirkte, bezeichneten andere als „heilige Betroffenheit“.
  • Freude und Lobpreis über die Erlösung wurde von manchen als egoistische Selbstbetrachtung und Geringschätzung für Jesu Leiden gewertet.
  • Zu kurze Pausen zwischen den Beiträgen erschwerten gerade jüngeren Geschwistern die Beteiligung.
  • Lieder wurden vorwiegend von der älteren und mittleren Generation ausgewählt.
  • Fehlendes Hören aufeinander und mangelnde Abstimmung der Beiträge erschwerten den Teilnehmern die Ausrichtung auf Jesus.
  • Viele empfanden: „Die Herzen sind kalt – wir haben äußere Rituale und Formen statt erfüllte Herzen.“

3. Konkrete Voraussetzungen für eine Neubelebung schaffen

Es gab dabei Voraussetzungen, die der Einzelne zu schaffen hatte:

  • Den Sinn der Mahlfeier verstehen
  • Das Gebot Jesu ernst nehmen
  • Persönliche Bereitschaft Jesus nachzufolgen
  • Anbetung als Lebensstil entdecken
  • Bereitschaft zur Mitgestaltung

Aber es gab auch Rahmenbedingungen, um die sich die ganze Gemeinde (und zunächst wir als Leitungskreis) kümmern mussten:

  • Eine Form finden, die Geschwister beim Lob Gottes unterstützt: Ort, Zeit, Häufigkeit, Musikbegleitung, Lieder, Art und Weise der Beiträge
  • Eine ermutigende geistliche Kultur entwickeln: Aufeinander hören, einander achten (Alter, Prägung und Vorlieben), Atmosphäre der Natürlichkeit und Offenheit, Raum zum Lernen, Ermutigung und Anleitung.

Vier Monate später beriefen wir dann eine außerordentliche Gemeindeversammlung ein. Wir gaben einige einleitende Gedanken zum Thema Geistesleitung und unsere Verantwortung beim Mahl des Herrn weiter. Wir stellten die eingegangenen Anregungen aus der Gemeinde vor. Dann erklärten wir offen, wie wir uns künftig die Gestaltung unserer Mahlfeier vorstellen und baten die Geschwister um Rückmeldungen. Und dann haben wir das umgesetzt …

Wie wir seither den Herrn in unserer „ersten Stunde“ loben und anbeten

Die ersten 15 bis 20 Minuten werden gewöhnlich vorbereitet, die restlichen 25 Minuten verlaufen offen und spontan wie früher.

Den Rahmen im ersten Block leitet jeweils ein Bruder, vorzugsweise einer der Jüngeren, die wir gezielt darauf ansprechen. Sie erhalten bei Bedarf Unterstützung von erfahreneren Brüdern und haben bei unserem 12-Wochen Plan genug Zeit, sich darauf vorzubereiten. Dieser „Impulsgeber“, wie wir diese Funktion schon mal nennen, begrüßt die Gemeinde zu Beginn und betet mit uns. Dann singen wir unter Leitung eines unserer Musikteams zwei bis drei alte und neue Lieder, die sie, vor allem in der Anfangsphase, ausgesucht und vorbereitet haben. Gelegentlich bringen sie uns dabei auch ein Lied bei, das wir noch nicht kannten – so erweitert sich unser Repertoire als Gemeinde immer wieder. Anschließend hören wir von dem erwähnten Bruder einen geistlichen Impuls: eine Schriftstelle mit einigen Gedanken dazu, oder eine Aneinanderreihung von Bibelversen zu einem bestimmten Thema, die unsere Gedanken weiter auf das Lob Gottes lenken. Wie er das gestaltet, ist ihm überlassen. Damit leitet er zum offenen Teil der Zusammenkunft über.

Oft schließt sich eine Gebetsgemeinschaft an, Lieder werden vorgeschlagen und vom Musikteam begleitet. Wir hören Schriftstellen, kurze Beiträge und Zeiten der Stille wechseln sich ab. Wir teilen das Mahl des Herrn miteinander und beten dabei oder danach wieder mit mehreren. Abschließend bringen wir in einer Gebetsgemeinschaft auch die Fürbitte unserer Gemeinde gemeinsam vor Gott. Bei all dem können im zweiten Teil alle Brüder das beitragen, was sie dem Herrn an „Opfern des Lobes“ bringen möchten.

Was hat sich geändert?

Unsere Auswertungen nach zwei und nach vier Jahren haben ergeben, dass der Besuch der Mahlfeier nachhaltig gestiegen ist. 64 % der Geschwister, die zu uns gehören, sind jedes Mal dabei, weitere 29 % kommen aus verschiedenen Gründen unregelmäßig, nur 7 % überhaupt nicht. Die Hälfte der unregelmäßigen Besucher ist jünger als 30 Jahre alt, da (aber auch in den Generationen darüber!) gibt es also noch Luft nach oben.

Etwa zwanzig Brüder dienen uns mit einem Gedankenanstoß aus der Schrift im ersten Teil (Alter: 5 x 21 bis 30 Jahre, 6 x 31 bis 50 Jahre, 9 x 51 bis 70 Jahre), andere könnten noch hinzukommen. Am Gebet beteiligen sich die Altersgruppen 16 bis 25 und 40 bis 50 deutlich mehr als noch vor einigen Jahren. Durch die Einführung des neuen Liederbuchs „Glaubenslieder“ und das Zusammenspiel aus vorbereiteten Liedern durch Impulsgeber / Musikteam und freier Liedwahl aller Brüder ergibt sich eine gute Mischung, die auch die jüngeren Generationen nicht außen vor lässt. Die Begleitung dieser Lieder mit Klavier oder Gitarre, manchmal auch Flöte, Geige und Cajon ist hin und wieder immer noch ein Reizthema, und phasenweise haben wir zu wenig Musiker.

Im Ablauf ist ein Grundmodus meist erkennbar, aber die Freiheit zu Abwandlungen wird ebenfalls genutzt. Die Vielfalt der Beiträge variiert. Manche Geschwister haben weiterhin Vorbehalte gegen den vorbereiteten Einstieg und die „Moderation“. Neue Impulsgeber brauchen Rückmeldung und Unterstützung, um ihre Gedanken verständlich und hilfreich für die Geschwister kommunizieren zu können.

Fazit

Wir sind sehr dankbar für die Veränderungen, die unser Herr in diesem Bereich geschenkt hat. Mehr Geschwister sind dabei, die Beteiligung ist aktiver und vielfältiger, mehr und jüngere Brüder lernen, Gedanken aus Gottes Wort weiterzugeben. Nicht jeder bei uns ist gleich zufrieden damit, und natürlich gibt es noch Raum für Wachstum. Wir vertrauen dem Herrn aber, dass er uns weiterhin zeigen wird, wie wir ihn „in Geist und Wahrheit anbeten“ können.

Email über: info@gesunde-gemeinden.de

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