Sechs Gründe, warum junge Leute unsere Gemeinden verlassen

Ein Wort an die ältere Generation – besonders an die Leiter

FSJ/Bufdi. Ausbildung. Studium. Arbeitsplatz. Heirat. Mit dieser Art von Abgängen hat jede Gemeinde zu tun. Da kann auch keiner was dafür. Vielleicht mit einer Einschränkung – für manche jungen Leute sind diese Anlässe eine willkommene Gelegenheit, um lautlos und unspektakulär zu verschwinden. Es hat sie schon lange nichts mehr in ihrer Gemeinde gehalten. Jetzt haben sie einen Grund gefunden zu gehen. Und ich meine beobachten zu können: Am neuen Wohnort schließen sie sich eher einem anderen Gemeindetyp an als dem, wo sie zuvor waren. Sieht man dies negativ, dann könnte man sagen: Aus Frust wenden sie sich vom alten Gemeindetyp ab. Sieht man es positiv, könnte man sagen: Sie wollen einfach mal ihren Horizont erweitern.

Ein komplexes Thema

Die Frage, die diesem Thema zugrunde liegt, ist komplex. Es gilt vieles zu bedenken, z.B.:

  • Hat der junge Mensch unter der Gemeinde, wo er aufgewachsen ist, gelitten? Dann kann es sein, dass er mit einer seelischen Hypothek rumläuft, die ihm sein Leben lang Mühe macht.
  • Mit welchen Augen sieht der junge Christ seine Herkunftsgemeinde? War er Mitläufer-Christ und sieht daher seine Gemeinde mit den Augen eines Konsumenten? Dann war ihm seine Gemeinde möglicherweise nicht attraktiv genug. Konsumenten kann man es selten recht machen.
  • Oder hat er versucht in seiner Gemeinde mitzuarbeiten, aber man hat ihn nicht rangelassen? Vermutlich ist er nun enttäuscht und logischerweise erscheint in einer neuen Gemeinde alles viel besser als in der alten.
  • Oder ist er in seiner alten Gemeinde des Öfteren angeeckt? Dann wird er vermutlich verärgert sein und der alte Gemeindetyp ist auf ewige Zeiten unten durch.

Wie auch immer. Wer in Bezug auf seine eigene Gemeindegeschichte mit solchen Blessuren geschädigt ist, der braucht Hilfe. Altes unter den Teppich zu kehren nutzt nichts. Verletzungen brauchen Seelsorge, die zur Vergebung führt und zur Versöhnung mit seiner Vergangenheit. Das ist mir sehr wichtig. Lasst uns dafür beten, dass Gott Heilung schenkt.

Hinzu kommt, dass junge Leute heute nicht mehr viel mit Konfessionalismus anfangen können. Die Frage, ob die eine Gemeinderichtung jetzt besser ist als die andere, langweilt die meisten. Sie betonen viel lieber das, was verbindet, als das, was Gemeinden unterscheidet. Auch diese Sichtweise beinhaltet ein Für und ein Wider. Ich persönlich kann ihr allerdings viel Positives abgewinnen.

Man muss jedenfalls sehr differenziert über dieses Thema nachdenken. Und wir brauchen eine gute Portion Demut. Denn es gibt weder die vollkommene Gemeinde, noch gibt es den perfekten jungen Christen. Und auch die Gemeinde-Ältesten sind Menschen mit Fehlern und Schwächen. Egal aus welcher Perspektive der Leser das Thema betrachtet: Mut zur Selbstkritik und Ehrlichkeit werden hilfreich sein, Antworten zu finden.

Wenn junge Leute unsere Gemeinden verlassen, kann das viele Gründe haben. Nicht immer sind es negative Erfahrungen – manche wollen auch einfach ihren Horizont erweitern.

Sechs Gründe, warum junge Leute unsere Gemeinden verlassen:

1. Streit in der Gemeinde

Leider wiederholt sich dies immer und immer wieder: In einer Gemeinde gibt es Streit. Die Auseinandersetzungen schwelen schon seit Jahren. Die Gemeinde teilt sich in zwei Lager. Viel Trouble wird in die Familien hineingetragen. Die jungen Leute bekommen mit, wie ihre Eltern sich fetzen und verletzen. Die Spannungen springen möglicherweise auf sie über. Schließlich zerreißt die Gemeinde. Ganze Familien verlassen die Gemeinde. Manchmal bilden sich Zwei-Lager-Gemeinden. Oft gehen dann als Folge von Streit und Spaltung die jungen Leute über Bord. Einige sind nachhaltig gemeindegeschädigt. Manche verlieren sogar ihren Glauben.

2. Mangelnde Veränderungsbereitschaft

Eine Gemeinde hatte eine große Jugendgruppe. Die Jugend war evangelistisch aktiv. Sie informierten die Gemeinde über ihre Aktivitäten. Sie baten um Gebetsunterstützung. Sie versuchten sich und ihre Erfahrungen in die Gemeindestunden einzubringen. Sie suchten das Gespräch mit den verantwortlichen Brüdern. Sie hatten Ideen, wie man die Gemeindestunden beleben könnte. Sie brachten sich mit ein. Aber als Reaktion nahmen sie nur Teilnahmslosigkeit wahr. Es kam ihnen so vor, als wollten die älteren Geschwister ihnen sagen, dass es doch am besten wäre, wenn alles so bliebe wie es war. Nach und nach verschwanden die jungen Leute. Heute ist diese Gemeinde stark geschrumpft und überaltert. Leider kein Einzelfall.

3. Mangelnder Raum für Mitarbeit

Sorry, nachfolgende Auflistung ist bewusst überzeichnet:

  • Junge Leute wollen sich mit Musikinstrumenten miteinbringen. Die Gemeinde möchte keine Instrumentalbegleitung.
  • Junge Leute wollen eine Gemeindestunde gestalten. In der Gemeinde hat man keinen festgelegten Plan. Wer will, kann sich ja frei beteiligen.
  • Junge Leute wollen in der Gebetsstunde persönliche Gebetsanliegen vorstellen. In der Gemeinde möchte man aber nicht, dass einzelne Anliegen und Personen herausgestellt werden. Man möchte allgemein beten, damit auch keiner vergessen wird.
  • Junge Leute möchten gerne einen Gottesdienst an Heiligabend anbieten. Das hat man in der Gemeinde aber noch nie gemacht. Eine Gemeindestunde am 1. oder 2. Feiertag reicht doch aus.
  • Junge Leute haben die Idee, dass ein Gemeindeinfobrief sehr hilfreich sein könnte, damit alle gut informiert sind. In der Gemeinde möchte man das aber nicht. Dadurch entstehen nur unnötige Kosten.
  • Junge Männer möchten gerne an der Brüderstunde teilnehmen. Darüber müssen einige Brüder erstmal beraten. Eine Antwort aber bleibt aus.

In dieser geballten Form sind mir solche negativen Haltungen noch nie begegnet. Aber jede einzelne von ihnen ist – leider – genauso vorgekommen. Wenn wir jungen Leuten immer wieder – verbal oder non-verbal – signalisieren, dass ihre Mitarbeit nicht, oder jedenfalls nicht so, gewünscht ist, dann werden wir die Früchte ernten müssen, die wir säen.

4. Angst vor Fehlern

Woran liegt das? Jeder weiß doch, dass niemand fehlerlos ist. Aber immer wieder ist von jungen Leuten zu hören: Ich beteilige mich nicht am Gebet. Es könnte ja sein, dass ich nicht die richtigen, würdigen Formulierungen gebrauche. Ich schlage kein Lied vor. Vielleicht ist es ja nicht ganz passend. Und ich stelle auch keine Fragen bzw. sage auch nichts zum Bibeltext. Es könnte ja sein, ich bekomme eins auf den Deckel. Offensichtlich gelingt es uns nicht gut genug, eine Kultur des Vertrauens und der Sicherheit zu schaffen. Ob das etwas damit zu tun hat, dass uns Kritik leichter über die Lippen geht als Lob? Wenn wir unsere jungen Leute behalten und gewinnen wollen, dann brauchen wir ein Empfinden für das, was sie ängstlich und unsicher macht.

5. Probleme (Verantwortung) abzugeben

Das Problem „nicht abgeben zu können“ kann man schon in der Kinderstube beobachten. „Meins“ gehört zu den ersten Worten, wenn ein Kind zu sprechen beginnt. Leider sind auch wir als Erwachsene nicht selten Meister im Festhalten. Wir tun uns schwer damit, Aufgaben an Jüngere abzugeben. Besonders trifft das auf Leiter zu. Wer aber integrieren will, der muss etwas übergeben. Der muss dem anderen etwas zutrauen, ihm etwas anvertrauen und ihm auch gewisse Gestaltungsspielräume geben. Sonst bleibt der junge Christ in der Zuschauerrolle, er macht keine eigenen Erfahrungen, er integriert sich nicht und folgerichtig identifiziert er sich auch nicht.

Klug sind wir als Leiter und Mitarbeiter, wenn wir das unglaubliche Potenzial erkennen, das Gott in junge Menschen hineingelegt hat und dies durch dosierte Verantwortungsübergabe Schritt für Schritt freisetzen.

Achtung: Andere Gemeinden oder Initiativen entdecken die Fähigkeiten unserer jungen Leute nicht selten schneller als wir!

6. Mangelndes gegenseitiges Verständnis

Seit dem Bestseller von Gary Chapmann „Fünf Sprachen der Liebe“ wissen wir, dass Menschen auf unterschiedliche Weise ihre Liebe zum Ausdruck bringen. Zwischen Jung und Alt scheint es ähnlich zu sein:

  • Junge Leute lieben Echtheit (Authentizität). Ältere Menschen bleiben gern in ihren Rollen und legen großen Wert darauf, nach außen ein gutes Bild abzugeben.
  • Junge Menschen lieben Offenheit. Ältere bevorzugen es distanzierter zu bleiben und lassen sich nicht so schnell in die Karten schauen.
  • Junge Leute bringen ihre Lebensgefühle durch Emotionen zum Ausdruck. Ältere bevorzugen Nüchternheit und Sachlichkeit.
  • Junge Leute wollen das Leben entdecken und möchten Dinge verändern. Ältere pflegen gerne das Vertraute und wollen Dinge bewahren.

Was aber passiert, wenn jeder nur seine Sicht der Dinge betont? Ganz einfach: Dann werden wir uns gegenseitig in Schubladen einsortieren und es wird kein Verstehen zustande kommen. Wenn wir negativ über einander denken und reden, dann werden wir irgend – wann getrennte Wege gehen.

Was nun?

Nun könnte man umgekehrt zu dem Schluss kommen: Wenn wir diese sechs Fehler vermeiden, dann werden wir auch unsere jungen Leute halten können. Wer ein bisschen nachdenkt, wird sehr schnell merken: Ganz so einfach ist es wohl doch nicht. Fehlentwicklungen zu analysieren und zu beschreiben ist nicht besonders schwer. Doch ohne Abhängigkeit von Gott, ohne sein Eingreifen und ohne seine Hilfe, wird es uns nicht gelingen einen einzigen jungen Menschen zu gewinnen. Ich möchte uns, wie oben schon gesagt, Mut machen zu Demut, Selbstkritik und Ehrlichkeit.

Junge Leute suchen nicht die perfekte Gemeinde. Das Zauberwort der jungen Generation heißt Authentizität. Damit meinen sie: Echtheit, Glaubwürdigkeit, Sicherheit, Verlässlichkeit, Wahrheit und Zuverlässigkeit.

Wenn wir Wege finden und junge Leute nah an uns selbst heranlassen, wenn wir die Sonntags-Gemeinde-Distanz überwinden und private, persönliche Nähe zulassen, mit all unseren Fehlern und Schwächen (die wir alle haben), dann werden wir junge Leute erreichen und gewinnen. Dann werden wir in eine Beziehung mit ihnen finden. Distanz wird verschwinden. Ein Miteinander wird entstehen.

(Zuerst veröffentlicht Oktober 2016)