Wo bin ich zu Hause? Wo werde ich geliebt? Wo werde ich gebraucht?

Ich bin Pastor und Seelsorger in einer großen diakonischen Einrichtung in Norddeutschland. Zu meiner Arbeit gehören auch Ethik-Kurse im Berufsbildungswerk, wo einige hundert junge Leute zwischen 18-25 Jahren eine Ausbildung durchlaufen. Eine Facette meiner missionarischen Arbeit schildere ich im Folgenden:

Die allermeisten jungen Leute im Berufsbildungswerk sind Atheisten. Ich muss mich darauf einstellen. „Religion ist unwissenschaftlich!“, sagen sie und meinen damit: Es lohnt nicht, über den Glauben nachzudenken.

Im Ethik-Unterricht sprechen wir über den Sinn des Lebens. Immer, wenn ich das Thema ankündige, stöhnen die meisten dumpf auf. Sie sind davon überzeugt, dass das Leben keinen irgendwie fassbaren Sinn hat. Sie finden, man könne nur versuchen, möglichst viel Spaß herauszuholen. Gleichzeitig brennt aber in vielen von ihnen die Frage nach dem Sinn des Lebens lichterloh.

Wir nähern uns dem Thema unter anderem mit drei Fragen: „Wo bin ich zuhause? Wo werde ich geliebt? Wo werde ich gebraucht?“ – Diese drei Fragen stammen aus der Sinn-Theorie, und es ist für mich immer wieder erstaunlich, was sie bei den jungen Leuten auslösen.

Es ist, als ob tonnenschwere Betondeckel über lange verschlossenem Leid plötzlich hochklappen. Erschütternde Einzel- und Familienschicksale werden erzählt. Viel, viel Einsamkeit, Verlorenheit und Ratlosigkeit kommen heraus. Viele wissen nicht, wo sie zu Hause sein könnten. Es gibt für sie keinen Ort, wo sie verlässlich geliebt und wirklich gebraucht werden. Und manchen dämmert jetzt zum ersten Mal, dass ihr Leben vielleicht deshalb so sinnlos ist, weil diese drei Fragen bei ihnen überhaupt nicht beantwortet sind: „Wo bin ich zu Hause? Wo werde ich geliebt? Wo werde ich gebraucht?“

Zu einem späteren Zeitpunkt lade ich die Teilnehmer zu einem Gedankenexperiment ein. Ich platziere ein geräumiges Holzhaus-Modell auf dem Tisch.

„Stellen Sie sich vor, dies sei Ihr Lebenshaus“, sage ich. „Und gehen Sie nur für die nächsten 30 Minuten mal davon aus, dass es Gott tatsächlich geben könnte. Vielleicht kommen wir der Antwort nach dem Sinn Ihres Lebens damit näher.“ Die meisten nicken. Sie haben Feuer gefangen beim Thema.

„Also“, fahre ich fort, „stellen Sie sich vor, dass Sie Gott eines Tages in Ihr Lebenshaus eintreten lassen. Er kommt ja nur herein, wenn man ihn ausdrücklich bittet. Was, meinen Sie, passiert dann?“ – Unschlüssiges Schweigen.

„Naja“, sage ich, „die Bibel betont, dass Gott Licht ist. Also wird es wahrscheinlich ziemlich hell, wenn er Ihr Lebenshaus betritt.“ – Zögernde Zustimmung.

„Ok, und nun sagt Gott zu Ihnen: ‚Wenn ich schon mal da bin, könntest du mich eigentlich ein bisschen in deinem Lebenshaus herumführen.‘“ – Allgemeines zustimmendes Grinsen.

„Sie gehen also mit Gott die Treppe hinauf in Ihr Wohnzimmer. Dort befindet sich eine gemütliche Sofa-Gruppe, ein überdimensionaler Fernseher, eine ausladende Konsole und ein schönes Panorama-Fenster. ‚Schön hast Du’s hier!‘, sagt Gott. ‚Wirklich gemütlich! Aber was ist mit dem Zimmer gleich nebenan?‘ Ein bisschen zögernd gehen Sie mit Gott dorthin. Das Zimmer ist fest verschlossen. An der Tür hängt ein Zettel: ‚Bitte nicht eintreten!‘ – ‚Was ist mit dem Zimmer?‘, fragt Gott. Und Sie sagen: ‚Da sind meine gesammelten Verletzungen drin. Alle in Regalen aufgestapelt.‘“

Einer der jungen Leute unterbricht mich: „Bei mir reicht ein Zimmer dafür nicht. Bei mir müssten es zwei sein.“ Andere nicken stumm.

„‚Wir könnten in das Zimmer hineingehen‘, sagt Gott. ‚Ich könnte Deine Verletzungen berühren. Dann hören sie auf, Dich zu quälen.‘ Ihr betretet das Zimmer. Es ist dunkel dort und riecht muffig. Gott zieht die Rollläden hoch und öffnet das Fenster. Es wird hell. Er geht von Regal zu Regal. Und Sie bemerken, dass all die Verletzungen Sie nicht mehr so stechen.“

„Dann“, sage ich, „gehen Sie weiter hinauf, in die zweite Etage. Dort ist ein Zimmer, das mit Schlössern und Ketten gesichert ist. ‚Auf keinen Fall eintreten!‘ steht an der Tür. ‚Was ist mit dem Zimmer?‘, fragt Gott. ‚Dort sind meine gesammelten Enttäuschungen aufbewahrt!‘, antworten Sie. Und wieder geschieht das Gleiche. Mit Gott an Ihrer Seite öffnen Sie ängstlich die Tür. Auch hier öffnet Gott Rollläden und Fenster. Auch hier wird es nun hell, und auch hier geht Gott mit Ihnen von Regal zu Regal. Und wieder erleben Sie, wie die alten Enttäuschungen ihre Schrecken verlieren.

‚Was ist auf dem Dachboden?‘, fragt Gott schließlich. ‚Oh, da sollten wir besser nicht hingehen!‘, wehren Sie ab.“ – Die jungen Leute blicken mich fragend an. „Tja, mit dem Dachboden hat es eine Bewandtnis“, sage ich. „Sie gehen mit Gott schließlich doch noch dorthin. Und der Dachboden ist voller Bücher. ‚Hier‘, sagen Sie zu Gott und zeigen auf all die Bücher , ‚sind meine gesamten Zweifel an dir auf-bewahrt.“

Die Teilnehmer schnaufen. „Kann man Gott mit den eigenen Zweifeln konfrontieren?“, fragen sie. – „Ja, man kann!“, antworte ich. „Gott ist allemal groß genug, um sich unsern Zweifeln zu stellen und sie so zu überwinden.“

„Und jetzt?“, fragen die Teilnehmer. – „Jetzt“, sage ich, „gehen Sie mit Gott in den letzten Teil des Hauses, wo Sie noch nicht waren: in den Keller.“ – „Oh, oh“, kommt es spontan zurück. „Was da wohl zu finden ist …“

„Sie gehen mit Gott die Kellertreppe herunter“, fahre ich fort. „Dort sind drei große Räume. Sie sind mit Ankerketten und Eisenbalken gesichert. ‚Unter keinen Umständen eintreten!‘ steht in großen Buchstaben an den Türen. Und Gott sagt: ‚Was ist mit diesen Räumen?‘ – ‚Hier lagern all die Dinge, die ich falsch gemacht habe in meinem Leben‘, antworten Sie. ‚Dunkle Dinge, für die ich verantwortlich bin.‘ – ‚Ich mache dir einen Vorschlag‘, antwortet Gott. ‚Wir betreten jetzt diese Räume und schaffen den ganzen Müll nach draußen. Ich habe extra schon einen Müll-Container bestellt.‘ Und so geschieht es. Und als Sie später wieder durch Ihr ganzes Haus gehen, stellen Sie fest: Es ist richtig hell geworden und Sie haben so viel Platz gewonnen. So viele Zimmer – zum Leben!

Und Gott sagt zu Ihnen: ‚Ich bin gekommen, um zu bleiben, wenn das in Ordnung ist.‘ Und Sie spüren: Jetzt wissen Sie, wo Sie zu Hause sind. Mit Gott ist Ihr Lebenshaus zum Zuhause geworden. Jetzt wissen Sie auch, wo sie verlässlich geliebt werden: In Gottes unmittelbarer Nähe. Und schließlich wissen Sie auch, wo Sie wirklich gebraucht werden: An Gottes Seite und in den guten Plänen, die er für Sie hat.“

Am Ende des Ethik-Kurses bedauern viele, dass die Zeit schon vorbei ist. „Über sowas müsste man öfter reden!“, sagen sie.