Wie aus der Brüderbewegung das Brüdertum wurde

„Nein, aus einer Brüdergemeinde komme ich nicht. Naja, es ist schon eine Brüdergemeinde. Aber keine richtige. Wir sind anders.“

So beschreibt eine junge Frau im Rahmen einer Vorstellungsrunde ihren Gemeindehintergrund. Keiner in der Runde kennt ihre Gemeinde. Keiner weiß, wie dort die Verhältnisse sind. Sie hätte eigentlich gar keinen Grund, ihre Gemeinde von der Bewegung abzurücken, zu der sie nun einmal gehört. Sie tut es doch. Es bereitet ihr Unbehagen, aus einer Brüdergemeinde zu kommen. Was mag sie wohl für Erfahrungen gemacht haben?

»Wir sind keine Brüdergemeinde. Wir pflegen zwar Kontakte zu den Brüdergemeinden unserer Umgebung, aber wir sind keine«, meinte ein Ältester einer dynamischen Gemeindegründungsarbeit auf meine Frage, wie sie sich als Gemeinde im Spektrum der Bibeltreuen denn positionieren. Bevor er meine Frage beantwortet, hat er es ganz eilig zu erklären, was sie nicht sind: keine Brüdergemeinde. Mein Hinweis, dass sie im Blick auf ihre Ideale brüdergemeindlicher als viele Brüdergemeinden sind, vermag die deutliche Abgrenzung nicht zu erschüttern. Auch der Rest meiner Munition verpufft wirkungslos: Dass etliche ihrer Köpfe aus Brüdergemeinden kommen, dass sie sich der Literatur der Brüdergemeinden bedienen, dass sie ihre wesentliche Orientierung in Schulungen der Brüdergemeinden bekommen haben, dass sie immer wieder vollzeitliche Mitarbeiter der Brüdergemeinden einladen – keinen Millimeter Annäherung. Es bleibt dabei: »Wir sind keine Brüdergemeinde.«

Brüdergemeinden – ein verschmähtes Markenzeichen?

Jedes Jahr kommen Hunderttausende Schuhe mit dem Aufdruck »ADIDAS« in den Handel, an denen außer dem Schriftzug nichts wirklich »ADIDAS« ist. Markenpiraten verkaufen unter einem gut laufenden Label billige Schuhe zu hohen Preisen. Außen steht die Nobelmarke drauf, innen ist Billigware. In der Wirtschaft passiert das hundertfach: Die Marke wird kopiert, nicht aber der Inhalt.

Bei den Brüdergemeinden ist es genau umgekehrt. Es wird das »Label« »Brüdergemeinde« fast ängstlich gemieden, aber der Inhalt, die Kernelemente der Brüderbewegung werden hundertfach kopiert.

Darüber kann man sich wundern, ärgern oder auch freuen. Es nötigt uns, der Frage nachzugehen: Wie kommt es, dass man von Inhalten überzeugt ist, sich aber scheut, mit dem Erscheinungsbild der Bewegung in Verbindung gebracht zu werden, die sie hervorgebracht hat?

Im Folgenden sind vier Beobachtungen beschrieben, die an dieser Entwicklung jeweils einen Anteil haben mögen. Sie treffen nicht auf alle Flügel der Brüderbewegung und auch nicht auf alle örtlichen Gemeinden im gleichen Maß zu, sind aber in der Geschichte so häufig zu beobachten, dass man sie als typisch bezeichnen kann. Dass sie hier erwähnt sind, heißt nicht, dass sie heute immer noch die Regel sind. An vielen Orten arbeitet man längst an der Überwindung der beschriebenen Probleme, wenngleich der Stand sehr verschieden ausfällt. Und Rückfälle sind nicht ausgeschlossen.

1. Der Versuch, Geschichte zu konservieren

Wir leben mit der Herausforderung, mit einer konstanten Botschaft in einer sich ständig wandelnden Welt zu arbeiten. Im dritten Kapitel seines ersten Briefes an die Korinther äußert sich Paulus dazu: »Nach der Gnade Gottes, die mir gegeben ist, habe ich als ein weiser Baumeister den Grund gelegt; ein anderer aber baut darauf; jeder aber sehe zu, wie er darauf baut. Denn einen anderen Grund kann niemand legen außer dem, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus« (1. Korinther 3,10.11).

Wie wir auf dieser Grundlage bauen, ist in die Verantwortung der jeweiligen Generation gelegt. Es gibt also die Pflicht, im Inhalt konstant und abhängig von der Schrift, in der Form aber eigenverantwortlich zu sein.

Jede Generation trägt die Verantwortung, Gottes Wort zu entsprechen – aber die Form ist uns überlassen.

Der Gründergeneration unserer Gemeindebewegung und ihren ersten Nachfolgern kann man sicher bescheinigen, dass sie diesem Ziel nahekamen. Sie haben mit Hingabe versucht (gegen Widerstand und gelegentlich um einen hohen Preis), die in der Schrift erkannten Wahrheiten umzusetzen. Sie waren mutig und kreativ. Sie haben eine in dieser Art bis dahin unbekannte Gestaltung des Gemeindelebens entwickelt, eine Bibelübersetzung hervorgebracht, viele neue Lieder geschrieben, neue Formen regionaler Zusammenkünfte entwickelt, Zeitschriften und Bücher herausgebracht. Es war ein enorm produktives halbes Jahrhundert.

Spätere Generationen haben in guter Absicht versucht, das alles zu bewahren. Es ist so, als hätte man irgendwann um 1900 eine Momentaufnahme gemacht und in den folgenden Jahrzehnten versucht, genau dieser Aufnahme zu entsprechen. Das führte zu eigenartigen Zuständen – die man als Insider als ganz normal empfinden konnte.

Wieder kann uns die Erfahrung helfen, unsere eigene Geschichte zu verstehen.

Ich bin mit dem Liederbuch »Geistliche Lieder« aufgewachsen. Jahrzehntelang, für manche nahezu lebenslang, waren diese konstant 250 Lieder der Liedbestand des Gemeindelebens. Nicht, dass es keine neuen Lieder gegeben hätte. Aber sie waren in Nischen außerhalb des Gemeindegesanges verbannt: Chor, Kinderarbeit, Jugendarbeit, Freizeiten, später auch für Tonträger und das Radio – überall neue Lieder. Aber nicht im Gemeindeleben.

Man wollte gerne sein wie die Väter, hat aber – zumindest in diesem Punkt – lediglich verwaltet, was die Väter hinterlassen haben. Die Väter haben neue Lieder geschrieben bzw. übersetzt und in den Gemeindegesang eingeführt. Das ist ganz normal und ein Kennzeichen jeder lebendigen geistlichen Bewegung. Wer aber fortsetzen will, was sie begonnen haben, darf nicht nur ihre Lieder singen, sondern muss auch neue hervorbringen und sie in den Liedschatz der Gemeinde einfügen. Eine Gemeindebewegung, deren Philosophie es ist, in der Gemeindepraxis die Vergangenheit am Leben zu erhalten, entwickelt museale Züge und darf sich nicht wundern, wenn es nachfolgenden Generationen schwer wird, ein Gefühl von Identität zu entwickeln.

Zumindest im Blick auf das Liedgut hat sich in den letzten Jahren Beachtenswertes getan. Schon mit der Erweiterung von „Glaubenslieder 1“ und der Sammlung neuerer Lieder in „Glaubenslieder 2“ war das Ende der Stagnation erreicht. Mit dem neuen Liederbuch „Glaubenslieder“, seit 2015 im Handel, sind – soweit es den Herausgeber betrifft – mutige Schritte vollzogen worden: Kaum gesungene Lieder entfernt, neue Lieder sorgfältig ausgewählt und aufgenommen, Hilfen zum Lernen neuer Lieder bereitgestellt, auf Konferenzen und Tagungen neue Lieder gelernt – großes Lob! Wenn es gelingt, auf Ortsebene mit dem breiten Liedschatz zu arbeiten, werden alle Generationen Lieder finden, die ihrem „musikalischen Herzen“ sehr nahe sind.

2. Belohnung von Anpassung

Ein Beispiel aus meiner eigenen Familiengeschichte mag illustrieren, was ich damit meine. Irgendwann im letzten Jahrhundert in einer Bibelstunde geschah folgendes: Mein Großvater, zu dieser Zeit durchaus schon einer der Träger des Gemeindelebens, beteiligt sich am Gespräch über den Bibeltext. Ein anderer Bruder ist mit seiner Textauslegung nicht zufrieden und klärt ihn und alle Anwesenden auf, dass in der entsprechenden »Betrachtung« von Bruder XY zu diesem Text etwas anderes stehe. Großvater meint daraufhin, dass wir den Bibeltext betrachten und nicht die »Betrachtung«. Er hatte zwar Recht, aber es war trotzdem ungeheuerlich. Dafür musste er sich später entschuldigen.

Wo liegt das Problem? Welche Wirkung übt die Beobachtung solcher Ereignisse auf die Zuhörer aus? Sie nehmen den Eindruck mit, dass es riskant ist, ohne die entsprechende »Brille« einfach so über den Bibeltext nachzudenken. Da ist es besser, seine Gedanken für sich zu behalten oder nachzuerzählen, was in der Betrachtung steht. Wer sich in Wortwahl und Gedankenführung bis hinein in die Gebetsformulierungen an das Muster hielt, bekam dafür Anerkennung. Wer es nicht tat, machte sich verdächtig. Dann war auch der Vorwurf nicht mehr weit entfernt, den »Boden der Schrift« zu verlassen. Dabei ging es überhaupt nicht um Misstrauen gegenüber der Heiligen Schrift, sondern es wurden lediglich Auslegungen hinterfragt oder man hat sich für andere Varianten eines Textverständnisses interessiert.

Das ist eine Verfahrensweise, die dafür sorgt, dass es ein hohes Maß an Kontinuität in Lehre und Bibelverständnis gibt, die aber nicht zwingend ein gleich hohes Maß an Mündigkeit hervorbringt. Mündig wird, wer sich Positionen selbst erarbeitet, wer den Weg vom Text zur Lehre durchdrungen hat. Wer eine andere Meinung als die übliche äußern darf und einen Prozess der Meinungsbildung durchstehen muss. Mündig wird nicht, wer lediglich die Ergebnisse wiederholt, die ihm vorgesetzt werden.

Dieser Grund hat mit dafür gesorgt, dass es eine schmerzliche Abwanderungsbewegung geistig und geistlich wacher Leute in andere Gemeinden und Werke gab (und gibt). Es ist bemerkenswert, wo überall »Brüder« in verantwortlichen Positionen zu finden sind. Das mag manchmal mit Berufung zu tun haben, manchmal aber ist eine neue Aufgabe oder der Wohnortwechsel einfach ein guter Grund, ohne unbequeme Fragen zu gehen.

3. Hochmut

20 Jahre war ich alt, als ich als Bibelschüler in Burgstädt erstmals länger und intensiver das Lager der »Brüder« verließ und mit Baptisten und einigen Leuten aus Elim-Gemeinden zusammenlebte und -arbeitete. Ich zog dort mit dem Bewusstsein ein, dass die »Brüder« etwas deutlich anderes sind als der Rest der Christenheit. Diese Monate haben mein Gemeinde-Weltbild stark erschüttert. Neben vielen anderen Einsichten nahm ich wahr, dass Gottesfurcht, Liebe zur Heiligen Schrift und geradlinige Christusnachfolge kein Sondergut der Brüderbewegung sind. Die Kirchengeschichte begann nicht erst in der Mitte des 19. Jahrhunderts und Gottes Geist weht nicht erst, seit es uns gibt.

Gespeist wurde dieses Gefühl der Überlegenheit aus der Quelle mit dem Namen »Erkenntnis«. Das Neue Testament warnt schon vor der Gefahr, die mit der Erkenntnis einhergeht: Sie bläht auf (1. Korinther 8,1). Genau diese Nebenwirkung ist eingetreten und bewirkte, dass man von weit oben auf den Rest der Christenheit herabsah.

Natürlich stellt sich niemand hin und sagt, dass wir die Besten sind. Aber wie das Selbstverständnis ist, zeigt sich am Reden über und den Umgang mit anderen Christen: Manche scheuen ängstlich den Umgang mit »Nicht-Brüdern«, weil sie sich vor irgendeiner Art von geistlicher Infektion fürchten. Es zeigt sich am Reden vom »Leib Christi«, bei dem man an die Christen in aller Welt denkt, mit denen man sich ach so herzlich verbunden weiß, aber man dem Christen, der auf der anderen Straßenseite wohnt, nicht die Hand geben kann, weil er nicht alle unsere Erkenntnisse teilt. Es zeigt sich an der Denkweise: Kann ich mich freuen, dass das Wort Gottes nicht nur bei uns, sondern an etlichen anderen Plätzen der Stadt verkündigt wird? Können wir dafür beten, dass Gott sein Wort reichlich segnet, das in diesen Gemeinden verkündigt wird? Wir können wie die Pharisäer selbstgefällig den Kopf zum Himmel recken und merken gar nicht, wie uns andere Bewegungen rechts und links überholen.

Nein, wir sind keine Mannschaft, auf die Gott besonders stolz sein kann. Die Bewegung, die angetreten ist mit der Absicht, eine Plattform für alle wahren Gotteskinder zu sein, hat sich schuldig gemacht durch Abgrenzung, Trennung, Verachtung anderer Christen. »Einheit des Geistes«, »Leib Christi« – an starken Begriffen hat es nicht gefehlt, wohl aber an der Kraft, sie durchgehend mit Leben zu füllen. »Hochmut kommt vor den Fall«, lehrt uns die Schrift (Sprüche 16,18). Ohne Demut und Buße werden wir die in der Überschrift angesprochene Lähmung nicht überwinden.

Es ist richtig, Glaubensüberzeugungen zu haben und sie auch mit Entschiedenheit und Sachkenntnis zu vertreten. Jedoch gibt es zwischen Glaubensüberzeugung und Glaubensarroganz einen Unterschied, der so gut zu erkennen ist wie der Unterschied zwischen einem Kartoffel- und einem Maisfeld.

4. Verkrümmung nach innen

»Und er berief zwölf, damit sie bei ihm seien und damit er sie aussende zu predigen« (Markus 3,14).

Der Herr ruft Menschen in seine Nähe, um sie mit seiner Botschaft beladen wegzuschicken. Was hier in knappen Worten über die Jünger gesagt wird, gilt in ähnlicher Weise auch uns. Wir sind vom Herrn in seine Nähe gerufen, weil er uns senden will. Wir sollen aufnehmen, um weitergeben zu können. Das Hören ist nicht der eigentliche Zweck, sondern ist das Mittel zu einem Zweck, der darüber hinausgeht und mit den Menschen dieser Welt zu tun hat.

Gott möchte, dass wir ihm zuhören – damit wir von ihm weitersagen können.

Nun kann man eine natürliche Neigung beobachten: Gemeinden haben die Tendenz, sich je länger je mehr auf das »Innenleben« zu konzentrieren. Missionarische Gemeindegründungsarbeiten können nach 10 Jahren in ein träges Dasein versinken, bei dem man nur noch Hindernisse sieht, wenn es um Evangelisation geht. Ja, irgendwann kommt man dahin, dass es fast störend wirkt, wenn ein Gemeindefremder da ist. Freilich, theoretisch wünscht sich jede Gemeinde Bekehrungen und Wachstum. Und es wird sogar manches dafür getan: Man holt sich ein Zelt und mietet einen Evangelisten. Praktisch will man es eher nicht, weil man alles scheut, was mit der Begleitung von Neubekehrten zu tun hat: die Unruhe, die Fragen, die anderen Gewohnheiten, die unangepasste Kleidung und woran man sich sonst noch stören mag. Das merken diese Leute auch, so dass es kaum gelingt, sie in die Gemeinde zu integrieren.

Gegen dieses Gefälle zu einer menschenfernen Frömmigkeit hat jede Gemeinde zu kämpfen, ganz gleich, wie sie sich nennt. Brüdergemeinden sind in dieser Hinsicht besonders gefährdet. Die eben beschriebene Tendenz bekommt Unterstützung durch ihre Theologie. Eine fragwürdige Absonderungslehre sorgte dafür, dass man mit gutem Gewissen Abstand hielt: zuerst natürlich von den Menschen dieser Welt, dann aber auch von den Christen, die nicht sind wie wir. Also eigentlich von allen. An manchen Orten wurden Kinder von Eltern, die nicht zur Gemeinde gehörten, nur mit großem Unwillen in der Kinderstunde geduldet. Die könnten ja unsere Kinder beeinflussen!

Wer Jahrzehnte in dieser Denkweise lebte, hatte kaum noch ein Empfinden dafür, wie weit entfernt diese Einstellung vom Neuen Testament ist. Man lobt den Herrn, feiert das Mahl des Herrn und freut sich des eigenen Heils – ohne auch nur einen einzigen Gedanken an die zu verschwenden, denen dieses Heil auch zugedacht ist.

Gelegentlich kritisierten die Pharisäer Jesus, weil er nach ihrer Meinung viel zu dicht an den »Zöllnern und Sündern« dran war, um die sie ihrerseits einen großen Bogen machten. Es ist zu befürchten, dass die Brüderbewegung in dieser Hinsicht den Pharisäern näher stand als dem Herrn und seinen Jüngern. Vielleicht muss sich unser Denkansatz ändern. Wir denken gerne in der Kategorie von Veranstaltungen. Wir »machen« eine Evangelisation, einen Gästeabend. Wäre es nicht besser, »menschenorientiert« zu leben und zu denken? Ein großer Lebensmitteleinzelhändler wirbt mit dem Slogan »Wir lieben Lebensmittel«. »Wir lieben Menschen« – wäre das ein gutes Motto, das ein Gegengewicht gegen diese Fixierung auf sich selbst sein könnte? Es zielt auf eine Haltung, die Menschen dient – so ähnlich, wie wir das beim Herrn Jesus beobachten können.

Zum Schluss

Mit diesen vier Beobachtungen sind natürlich nicht alle Gründe genannt, die eine Gemeinde lähmen können. Es kann durchaus sein, dass in einer Gemeinde keins dieser vier Probleme eine Rolle (mehr) spielt, die trotzdem nicht das blühende Leben ist. Manche Fraktionen in der weiten Brüderbewegung bewegen sich zu wenig – das war Gegenstand dieses Artikels. Andere sind ständig in Bewegung, nehmen jede Idee auf, die ihnen über den Weg läuft und Wachstum verspricht. In der Hast der Veränderung ist schon manche Gemeinde in Turbulenzen geraten, hat an den Rändern Geschwister entwurzelt und nicht immer mehr gewonnen, als sie verloren hat. Aber das wäre ein anderes Thema…