Singen und Loben dem Herrn

Wir haben in unserer Christlichen Gemeinde in Augustdorf häufig ein buntes Durcheinander von alten und neuen Liedern. Ich bin des Öfteren erstaunt und erfreut über junge Brüder, die unbekümmert alte Lieder vorschlagen, die mir selbst seit Kindertagen (ich bin 61 Jahre alt) vertraut sind, von der Melodie her gesehen wirklich nicht „up to date“ sind und eher Ernsthaftigkeit verbreiten. Andererseits bin ich ebenso erstaunt und erfreut über ältere Brüder, die begeistert neue Lieder vorschlagen, deren Melodie und Rhythmus selbst für jüngere Geschwister eine Herausforderung darstellen und für den einen oder anderen vielleicht eher Emotionalität widerspiegeln. Es ist bei uns normal geworden, dass Alt und Jung gemeinsam mit Freude aus dem neuen Glaubensliederbuch singen, ohne Verurteilung bestimmter Lieder.

Stolperfallen

Wenn wir zum Singen, Loben und Anbeten in der Gemeinde zusammenkommen, sind wir bekanntlich noch nicht im Himmel, sondern körperlich auf der Erde. Gedanklich sind somit menschliche Faktoren nicht auszuschließen. Nach Kolosser 3,14-16 sollen wir die Liebe anziehen, und der Friede des Christus soll unsere Herzen regieren. Somit können wir trotz unserer Unterschiedlichkeit schon hier auf der Erde unserem Gott mit Psalmen, Lobliedern und geistlichen Liedern singen. Wo kann sich das besser zeigen als in den Stunden, in der unser Herr im Mittelpunkt steht, Alt und Jung miteinander den Herrn Jesus loben, preisen und anbeten wollen?! Allein das Wollen garantiert aber bekanntlich noch nicht automatisch das Vollbringen.

Mögliche Konflikte in der Praxis

Liedgut

Alte Lieder werden freudig gesungen, neue Lieder aber bewusst abgelehnt und nicht mitgesungen. Oder: Neue Lieder werden begeistert gesungen, alte aber sehr verhalten höchstens mit Mundbewegungen kommentiert. Das vermittelt dann eher den Eindruck des Nichtverstehens oder im schlimmsten Fall der Ablehnung, natürlich „geistlich begründet“. Ein freudiges Miteinander von Alt und Jung im Singen aus vollem Herzen ist aber wünschenswert zur Ehre unseres Herrn Jesus und unseres Gottes und Vaters (Psalm 66,2.8; 89,2).

Liedinhalt

Nachsicht zu üben gegenüber Brüdern, die nicht in „Versammlungskreisen“ groß geworden sind und z. B. in der Anbetungsstunde vermeintlich unpassende Lieder vorschlagen, ist kein geistlicher Niedergang. Der Geist der Sanftmut und Besonnenheit kann hierbei sehr hilfreich sein.

Musikinstrumente als Begleitung

In der Stunde mit der Wortverkündigung ist die instrumentale Begleitung eigentlich eine Normalität geworden, in der Anbetungsstunde wird es in manchen Gemeinden als ungeistlich empfunden. Auch hier steht uns die eigene Tradition oft im Wege. Eine freudige musikalische Begleitung kann unterstützend sehr wertvoll sein und einen stimmlich mageren Gesang zur Ehre unseres Herrn geradezu aufblühen lassen.

Weiteres Konfliktpotenzial liegt in den Fragen: Welche Instrumente dürfen wann gespielt werden? In welcher Lautstärke? Welches Tempo soll vorgegeben werden? Darf ein Klavier, eine Gitarre, eine Trommel oder sogar ein Schlagzeug eingesetzt werden? Diese Fragen führen häufig zu großen Differenzen und gegenseitiger Ablehnung. Letztlich kann jedes Instrument den Anlass, zu dem es gespielt wird, unterstreichen oder auch konterkarieren. Daher sind Einfühlungsvermögen und Empathie gefragt. Um hier ein gemeinsames Miteinander zu erreichen, ist es hilfreich, sich die Frage zu beantworten: Gibt es eindeutige Aussagen darüber in der Schrift, welches Instrument wann gespielt werden darf? Da es diesbezüglich offensichtlich keine eindeutigen Anweisungen für unsere Zusammenkünfte in der Schrift gibt, ist ein friedliches Finden im Miteinander zwischen Alt und Jung sehr wichtig.

Die Frage „Wie wollen wir es für uns in unserer Gemeinde halten?“ muss letztlich jede Gemeinde für sich beantworten. Wir in Augustdorf haben eine kurze Zeit ein Schlagzeug – dezent gespielt – als Begleitung in unserer Gemeinde in Augustdorf bewusst zugelassen, um jüngere Geschwister, die dieses Ansinnen vorgebracht haben, nicht zu enttäuschen und ihnen zu signalisieren, dass sie uns wertvoll sind. Im Laufe der Zeit hat sich das dann von selbst erledigt. Das Schlagzeug ist wieder verschwunden, ohne dass negative Assoziationen zurückgeblieben wären.

Denken wir daran: Die nächste Generation ist die Gemeinde von morgen. Also miteinander, nicht gegeneinander. Verständnis füreinander aufbringen. Alt und Jung sollen bekanntlich gemeinsam den Namen des Herrn loben (Ps 148,12).

Wer steht im Mittelpunkt?

In der heutigen Gesellschaft stehen der Mensch und seine eigene Befindlichkeit im Mittelpunkt. Alles dreht sich um mich, ich bin der Mittelpunkt – letztlich Egoismus pur. In der Anbetungsstunde, beim Brotbrechen ist die Blickrichtung eine andere. Endlich darf ich von mir und meinen Befindlichkeiten wegsehen und mein Augenmerk auf meinen Herrn Jesus und sein Werk auf Golgatha lenken. Er ist unser Mittelpunkt schlechthin (Kol 1,14-21). In der Versammlung groß geworden, ist mir das in Fleisch und Blut übergegangen, auch beim Singen der entsprechenden Lieder. Was ist, wenn Brüder unser Verständnis von Anbetungsstunde aufgrund anderer Traditionen und Erkenntnisse nicht haben? Wenn Lieder oder Textstellen vorgeschlagen werden, die nach Brüderverständnis zum Brotbrechen eigentlich als nicht passend empfunden werden? Früher häufig innerlich widerwillig reagierend, kann ich diese Lieder heutzutage freudig mitsingen und die Bibelstellen mit aufschlagen, da mir die Brüder lieb und wert sind und unser Herr der Beurteiler der Herzen und Gedanken ist (Hebr 4,12). Er kennt die Beweggründe – auch in der Unterschiedlichkeit der Geschwister.

Eine Zerreißprobe in der Gemeinde vermeiden!

Wie können wir verantwortbare Veränderungen zulassen und dennoch unsere Identität als Brüderversammlung behalten?

1. Immer die Schrift befragen

Was ist vom Wort Gottes eindeutig geregelt und was ist Tradition? Tradition ist nicht grundsätzlich falsch, darf aber keinen Ausschließlichkeitscharakter haben. Gerade beim Loben, Anbeten und Danken darf auch die Freude am Herrn, die ja unsere Stärke und Schutz ist (Neh 8,10), singend zum Ausdruck kommen (Ps 28,7; 59,17; 69,31; 98,1.4-6; 100,4; 147,1.7; 150,1-6).

2. Gegenseitige Achtung und Wertschätzung

Jeder sollte sich fragen: Bin ich das Maß aller Dinge, oder haben die Brüder neben mir nicht ebenfalls geistliche Erkenntnis, vielleicht mit anderen Schwerpunkten? Ich muss unterschiedliche Meinungen und Erkenntnisse ertragen können, ohne sie gleich als ungeistlich abzustempeln oder leichtfertig infrage zu stellen, dass dieselbe Gesinnung und Einmütigkeit vorhanden ist. In Demut soll einer den anderen höher achten als sich selbst (Phil 2,3). Der Geist der Sanftmut (Gal 6,1) hilft nicht nur beim Zurechtbringen von Fehltritten, sondern auch beim gemeinsamen Singen, Loben, Danken und Anbeten.

3. Frieden halten und nachjagen

Tarifparteien, Arbeitgeber und Arbeitnehmer kennen den Begriff „Friedenspflicht“. Wir als Gläubige werden dazu besonders aufgefordert (Mk 9,50; 2Kor 13,11; Eph 4,3; 2Tim 2,22). Werden wir dem Anspruch gerecht? Wir sollten uns in unseren Zusammenkünften eine Einstellung zu eigen machen, die einmal so formuliert wurde:

„Im Wesentlichen Einheit, in Zweifelsfällen Freiheit, in allen Dingen Barmherzigkeit.“ (William McDonald)

Ich muss nicht ständig meine Erkenntnis verkünden und andere dadurch zwanghaft nerven. Im täglichen Leben begegnen uns beratungsresistente Menschen – gehöre ich mit meiner Art und Weise auch dazu?

„Beerdigungsstimmung“ oder „charismatischer Freudentaumel“?

Das ist bei uns nicht die Frage, denn eine angemessene Ernsthaftigkeit und freudige Emotionalität schließen sich nicht gegenseitig aus.

Wenn wir gemeinsam aus ehrlichem Herzen zur Ehre Gottes singen, loben, danken und anbeten, erfreut uns das schon hier auf der Erde und erst recht unseren Gott und Vater im Himmel. Gedanken, die dabei stören, sollten uns nicht beherrschen. Ich bin schon sehr gespannt auf das neue Lied, das im Himmel von „Jung und Alt“, d. h. von allen Gläubigen gemeinsam gesungen wird (Offb 5,9)!