Schritte zu einem intensiven Gebetsleben

1. Schritt: Den Vater im Himmel kennen und lieben

In dem Moment, wo ein Mensch Christ wird und die Erfahrung der Vergebung macht, lernt er den Vater im Himmel kennen. Er erlebt, dass Gott sich auch bei den schwärzesten Sünden nicht angewidert von ihm abwendet. Er erlebt, dass Gott keine nörgelige, moralinsaure Gouvernante ist, sondern der heilige Gott, der ihn unbegreiflicherweise mit Gnade und Vergebung förmlich überschüttet. So lernt er den Vater im Himmel kennen und lieben. Er begreift, dass er bisher (vielleicht) eine ganz falsche Vorstellung von Gott hatte.

Alles könnte nun gut sein. Leider treten im Laufe der Jahre – meist in belastenden, schwierigen Lebensphasen – Probleme hervor, die die neugewonnene Liebe zum himmlischen Vater infrage stellen können. Oft haben sie mit der Vergangenheit zu tun.

Jeder Mensch ist von den Erfahrungen mit dem eigenen leiblichen Vater und den eigenen Eltern geprägt. Diese Prägung reicht bis tief in die Persönlichkeit hinein, schließlich wurzelt sie in der frühesten Kindheit. Jeder Mensch trägt darum ein Bild in sich, wie ein Vater ist. Waren die Erfahrungen mit dem eigenen Vater (den eigenen Eltern) gut, wird auch das Bild von dem, was ein Vater ist, positiv sein.

Leider ist das nicht immer der Fall. Irdische Väter sind nur Menschen. Die Erfahrungen mit ihnen fallen darum in der Regel ziemlich gemischt aus. Das Problem dabei: Oft werden die Erfahrungen mit dem leiblichen Vater später ungefiltert auf Gott, den himmlischen Vater, übertragen. Solange das Leben weitgehend rund läuft, hat das kaum Auswirkungen. Kommt es aber zu Krisen, können tiefgreifende Probleme sichtbar werden, die das Gebetsleben empfindlich stören.

Beispiele:

  • Eine junge Frau hat ihren Vater (ihre Eltern) überwiegend als fordernd erlebt. Brachte sie eine Zwei in einer Klassenarbeit nach Hause, wurde sie gefragt: „Warum ist es keine Eins geworden?“ Im Laufe der Jahre festigt sich bei der jungen Frau der Eindruck, dass sie nur dann geliebt und akzeptiert wird, wenn sie perfekte Leistung bringt. Dieser Eindruck prägt sie bis in ihre Gefühle hinein. Als die junge Frau Christin wird, überträgt sie die Erfahrungen mit ihrem Vater (ihren Eltern) auch auf Gott. Sie geht ganz selbstverständlich davon aus, dass Gott von ihr ein perfektes Leben als Christin erwartet. Wann immer sie in Zukunft Fehler macht oder Anforderungen im Beruf nicht sofort perfekt bewältigt, fühlt sie sich als Versagerin. Zwar kennt sie die Aussagen der Bibel, dass Gott ein liebevoller und barmherziger Vater ist, aber die biblischen Aussagen erreichen den Bereich ihrer Gefühle nicht. Gott erscheint ihr als kalter, fordernder Tyrann, der sie aufgrund ihrer Fehler und Unvollkommenheiten ablehnt. Sie weiß nicht mehr weiter. Ihr Gebetsleben stagniert.
  • Ein Mann Anfang dreißig hatte einen Vater, der beruflich oft unterwegs sein musste. Als Kind erlebte er seinen Vater darum meist als abwesend. Auch durch die schwierige Zeit der Pubertät ging er mehr oder weniger allein. Als der Mann sich als junger Erwachsener für ein Leben mit Jesus entscheidet, nimmt er diese Erfahrungen mit. Immer dann, wenn er sich neuen, unbekannten Herausforderungen stellen muss, kämpft er mit Gefühlen großer Einsamkeit und Verlassenheit. Er fühlt er sich von Gott im Stich gelassen und hat spontan den Eindruck, dass dem Vater im Himmel seine Probleme gleichgültig sind. Er wird mutlos und verbittert Gott gegenüber. Sein Gebetsleben kommt zeitweise ganz zum Stillstand.

Prägende Erfahrungen aus Kindheit und Jugend können die Beziehung zu Gott negativ beeinflussen und stören. Eine wichtige Voraussetzung für ein intensives Gebetsleben ist darum diese: Die Aussagen der Bibel über das Wesen und den Charakter des himmlischen Vaters (z. B. Lk 15,11-24; Mt 6,25-34; Lk 11,5-12) müssen zuerst unseren Verstand, dann aber auch unser Herz und damit den Bereich unserer Gefühle erreichen und sie neu prägen. Das kann so geschehen, dass wir die einschlägigen Texte der Bibel (s. o.) über das Wesen und den Charakter des himmlischen Vaters immer wieder lesen, sie auf uns wirken lassen (sie vielleicht auch teilweise auswendig lernen), sie immer wieder in uns bewegen und sie so unser Herz berühren lassen.

Das wird seine Zeit brauchen. Prägungen von früher ändern sich nicht so schnell. Aber Gottes Wort ist lebendig. Es nährt und heilt unsere Seele und öffnet unser Herz neu zur Zwiesprache mit dem himmlischen Vater. Konkret: Falsche Prägungen durch den eigenen, irdischen Vater können irgendwann dann auch direkt im Gebet angesprochen und auf diese Weise aufgebarbeitet werden, vielleicht mit diesen oder ähnlichen Worten:

„Vater im Himmel, du kennst meine Seele. Du kennst auch all die Erfahrungen aus der Vergangenheit, die mich geprägt haben. Du siehst meine Lage. Du bist da, auch wenn ich dich nicht immer spüre. Du bist für mich. Nie lässt du mich im Stich, wenn ich dich am meisten brauche. Du liebst mich, wenn mir etwas gelingt und alles gut läuft. Aber du liebst mich nicht weniger, wenn ich versage oder in Schwierigkeiten bin. Du liebst mich, weil du mich liebst. Immer und immer! Danke, Vater, dass das so ist und so bleibt. Und darum bitte dich jetzt: Mach mich in meiner Seele neu durch dein Wort und deinen Heiligen Geist, damit Liebe und Freiheit und Freude in Fülle wachsen und bleiben können zwischen dir und mir.“

Wo sich negative Prägungen durch Erfahrungen mit dem leiblichen Vater (Eltern) als hartnäckig und zählebig erweisen, kann es gut sein, sie mit einem erfahrenen Seelsorger oder einer Seelsorgerin in aller Ruhe durchzusprechen und sie dann gemeinsam im Gebet an den himmlischen Vater abzugeben. Auf diese Weise wird der Weg frei zu einem intensiven Gebetsleben.

 

(Fortsetzung folgt: 2. Schritt – Die Anbetung Gottes. Start in ein intensives Gebetsleben)