Nie wirklich mit der Teilung abgefunden

28 Jahre, 2 Monate, 28 Tage

Am 9. November 1989, also vor 30 Jahren, fiel die Berliner Mauer. Sie stand 28 Jahre, 2 Monate und 28 Tage. Sie teilte Deutschland vom 13. August 1961 bis zum 9. November 1989 in zwei Teile. Sie trennte Menschen, die zusammengehören, riss Familien entzwei.

Gebaut wurde sie, um Republikflucht zu verhindern. Zwischen 1949 und 1961 waren mehr als zweieinhalb Millionen Menschen aus der sowjetischen Besatzungszone und späteren DDR nach Deutschland geflohen. Das war für die DDR hochriskant, der wirtschaftliche Zusammenbruch drohte. Um die Massenflucht zu stoppen, versuchte man, den Weg in den Westen zu schließen. Schon im Mai 1952 ließ die DDR-Regierung die innerdeutsche Grenze zu Deutschland sperren. Am 13. August 1961 wurden dann die Berliner Sektoren und die Umlandgrenze endgültig geschlossen, und der Mauerbau begann. Kaum jemand rechnete damit, dass dieser Weg zwischen Ost und West je einmal wieder offen sein würde. Noch im Januar des Jahres 1989 hatte Staatschef Erich Honecker verkündet: Die Mauer „wird in 50 und auch in 100 Jahren noch bestehen bleiben“. Gott sei Dank aber kam es anders.

Als ein großer Teil meiner Familie 1953 in den Westen nach Recklinghausen zog, blieb ich in der DDR, weil hier Pastoren dringender gebraucht wurden als im Westen. Meine Mutter hatte mich gebeten mitzukommen, aber sie respektierte meinen Entschluss. Nun waren wir allerdings eine geteilte Familie. Doch wir alle haben die Entscheidung nie bereut. Wir wussten uns hier auf unserem Platz, und unsere Familie hat uns nie vergessen. Zunächst konnten sie uns nicht besuchen und wir nach dem Bau der Mauer auch sie nicht. Doch als es in den 70er-Jahren möglich wurde, dass die Eltern zu uns kamen, haben meine Eltern ihren ganzen Urlaub bei uns verbracht – trotz des „verbindlichen Mindestumtausches“ von zuletzt 20 D-Mark pro Person in 20 Ost-Mark.

Für unsere Kinder und uns war der Westbesuch immer der Höhepunkt des Jahres. Doch wirklich abgefunden mit der Teilung Deutschlands haben wir uns nie. Und es blieb schwer, denn die DDR isolierte sich immer weiter von der freien Welt. Wir sahen keinen Weg, dass das einmal anders werden könnte. Im Januar 1989 hatte Erich Honnecker noch erklärt: „Die Mauer … wird in 50 und auch in 100 Jahren noch bestehen bleiben.“ Ich habe nur gebetet: „Herr, gib, dass er nicht recht hat.“ Denn das war klar in Ost und West, dass eine Wiedervereinigung mit Gewalt nicht zu erzwingen gewesen wäre. Ein erneuter Krieg hätte die ganze Welt ins Verderben gestürzt. Dieser Weg war also nicht möglich.

Dann aber kamen die Montagsdemonstrationen, schon jahrelang vorbereitet durch die Friedensgebete in den Kirchen. Schon am 7. Oktober, dem 40. Jahrestag der DDR, wurde deutlich, dass Gorbatschow nicht mehr bedingungslos zur DDR-Führung stand. Honecker wurde krank und musste abtreten. Die Behörden in der DDR wurden unsicher. Die Dinge begannen sich zu ändern. …

Die Montagsdemonstrationen begannen mit Gebet und hörten auf den Ruf: „Keine Gewalt!“ Statt Waffen und Steinen trugen sie Kerzen, viele beteten, alle hüteten sich, die bewaffneten Sicherheitskräfte zu provozieren. Eine gewisse Achtung gebührt auch den Verantwortlichen der Staatssicherheit. Was sie in 40 Jahren aufgebaut hatten, wagten sie nun nicht gegen ihr eigenes Volk einzusetzen. Es war die erste Revolution in Deutschland ohne Blutvergießen. Eine wirklich friedliche Revolution.

Ich bin gewiss: Gott hat die einzelnen Faktoren zusammengefügt, sodass der hoch gerüstete Ostblock in sich zusammenfiel: durch Gorbatschows Perestroika, Honeckers Krankheit, Schabowskis überstürzte Pressekonferenz und Helmut Kohls sofortige Verhandlung mit den Siegermächten. Und nicht zu vergessen die jahrelangen Friedensgebete, vor allem in Sachsen und in Berlin. Wie waren wir glücklich, als dann überraschend die Mauer in Berlin fiel! Nun konnten die Familien wieder zueinander kommen, ungehemmt und ohne schikanöse Kontrollen an der Grenze. Auch die Herzlichkeit und Freude, die Umarmungen und die tiefe Rührung unserer westdeutschen Landsleute, ja, die gemeinsamen Feiern an der Grenze und auch das „Begrüßungsgeld“ machten uns deutlich, dass wir nun wieder dazugehörten! …

In der Geschichte kann man sehen: In den letzten 200 Jahren – 1789 bis 1989 – hat Europa drei antichristliche Revolutionen erlebt: die französische, die deutsche und die sowjetische. Alle drei kämpften brutal gegen Kirche und Christenglauben und sind alle mit viel Leid und Blutvergießen gescheitert. Die Pforten der Hölle haben Jesu Gemeinde nicht überwältigt.

Die dritte Ordnungsmacht, nach Staat und Kirche, die die 68er-Studentenrevolte bekämpfte, war die Familie. Dieser Kampf dauert noch an. Sexualität ohne Verbindlichkeit und Verantwortung sowie eine Scheidungswelle wie noch nie sind die Folgen dieses destruktiven Programmes. Zurück bleiben innerlich rastlose und einsame Kinder. Wie sollen Christen sich heute dazu stellen? Ich denke, so wie die Christen aller Jahrhunderte, nämlich als wirkliche Jünger und Nachfolger von Jesus, die die Bibel des Alten und Neuen Testaments als Gottes Wort lesen und es gehorsam und dankbar zu praktizieren suchen.

Das hat schon die Gemeinde Jesu in den ersten drei Jahrhunderten getan. Sie distanzierte sich vom dekadenten Lebensstil ihrer Zeit. An den Christen sahen die Römer mit Erstaunen, dass es auch anders geht und dass es anders schöner ist. Denn die verachteten Christen lebten alternativ. Sie sagten zu ihren Kindern „Ja“ – schon im Mutterleib – und erzogen sie in Verantwortung vor Gott. Sie lebten in Frieden miteinander und richteten sich aus auf das Ziel des ewigen Lebens bei Gott. Das gab ihnen eine lebendige Hoffnung und ein Leben mit Sinn und Wert. Sie pflegten die Kranken und halfen den Armen. Das erweckte Respekt und Interesse am Glauben der Christen. Und so entstand in Europa eine neue Kultur! Die Kreuzigungsstrafe, auch Abtreibung und Kindesaussetzung wurden verboten. Armen- und Krankenhilfe wurden gefördert. Und schließlich wurde die Sklaverei in den christlichen Ländern aufgehoben. Europas Völker erlebten: „Gerechtigkeit erhöht ein Volk; aber die Sünde ist der Leute Verderben“ (Sprüche 14,34; LUT17).

Was den Christen im Römerreich so viel Überzeugungskraft gab, waren die einfachen Christen mit ihrem veränderten Leben. Sie wollten tun, was Jesus gelehrt hatte. Dabei waren sie nicht perfekt, aber doch spürbar anders.

Das wünschte ich mir auch für unsere orientierungslose Zeit: Christen, die mit ganzem Herzen Jesus gehören und ihm gehorchen. Und Familien, in denen gelebt wird, was Jesu uns gelehrt hat! Das ist die Chance auch für uns Christen heute und die Antwort auf die Nöte in Deutschland und Europa! …

Christus hat uns zugesagt: „Ihr seid das Salz der Erde“ und: „Ihr seid das Licht der Welt“ (Matthäus 5,13.14; LUT17). Dieses großartige Versprechen Jesu gilt auch für uns heute 30 Jahre nach dem Fall der Mauer.

Auszug aus dem Buch von R. Kaemper (Hg.), Mauer.Frei, 30 Jahre danach, CV-Dillenburg, 2019
(erhältlich hier)