Kinder brauchen Väter

Seine Altersgenossen überragt er um mindestens zwei Köpfe. Groß und wuchtig nimmt er seinen Platz in der 7. Klasse ein. Seit einiger Zeit ist sein Stuhl leer. Benjamin kommt nicht mehr. Wann er zurückkehren wird, weiß seine Mutter auch nicht zu sagen. Benjamin ist jetzt in psychologischer Behandlung, erklärt sie, weil er über das plötzliche Verschwinden seines Vaters nicht hinwegkommt. Der war monatelang mitten im trauten Heim in diversen Chatrooms unterwegs, hatte dort virtuell eine Frau kennengelernt und sich bald darauf ganz real mit ihr abgesetzt. Zurückgelassen hat er eine verzweifelte Ehefrau und zwei traumatisierte Söhne.

Abgeschaffte Vaterschaft

Der Vaterverlust ist für eine unübersehbare Zahl von Kindern inzwischen bittere Realität geworden. Selbst wenn Väter noch vorhanden sind, macht die bloße Anwesenheit eines Mannes im Hause noch lange keine gelungene Vaterschaft aus. Für nicht wenige Kinder ist der Vater mehr Gast denn feste Bezugsperson. Die Vaterschaft scheint abgeschafft. Auch in christlich geprägten Elternhäusern wird die väterliche Präsenz mitunter so schmerzlich vermisst, dass von einer zeitweisen Vaterentbehrung gesprochen werden muss.

Vater und Kindesentwicklung

Dabei gehört ein Vater ganz elementar und entscheidend zu einer gesunden Familienstruktur. Prof. Dr. Horst Petri von der FU in Berlin stellt treffend fest, dass das dauerhafte oder teilweise Nichtvorhandensein des Vaters „die Entwicklung eines Kindes auf dramatische Weise beeinträchtigt“ und dass „vaterlose Erfahrungen für die gesamte Lebensspanne von der Kindheit bis ins spätere Erwachsenenalter prägend sind.“ Prof. Dr. Willy Starck von der Universität Hamburg kommt aufgrund seiner Untersuchungen zu einem ebenso eindeutigen Ergebnis: „Das Kind benötigt für eine problemlose Entwicklung beide Elternteile.“

Gesellschaftliche Auswirkungen

Ohne Frage wirkt sich das Fehlen der Väter mittel- und langfristig zusätzlich negativ auf die Gesellschaft aus. Eine intakte Gesellschaft funktioniert nur auf Basis intakter Familieneinheiten. Zerrissene Familien zersetzen das gesellschaftliche Gefüge von innen heraus und zerstören die göttliche Familienordnung. In der Folge des Familienzerbruchs geben sich oft die Kinder die Schuld und halten sich für bindungsunfähig. Später tendieren sie selbst zum häufigen Wechsel von Beziehungspersonen und sehen sich außerstande, Verantwortung für eine Familie wahrzunehmen. Dominosteinartig wird so der gesunden Familienstruktur eines ehemals christlichen Abendlandes der Todesstoß versetzt, unter aktiver Sterbehilfe der Medien und Meinungsmacher.

Vaterschaft – ein weites Feld

Mehr denn je gilt es also, die tiefer gehende Bedeutungsdimension einer funktionierenden Vaterschaft als wesentliches Teilelement der Familie wieder in den Mittelpunkt zu rücken, erst recht, wenn Vatersein mit biblischen Inhalten gefüllt wird. Um dem weiten Feld des Vaterseins gerecht zu werden, soll im Nachfolgenden versucht werden, einige Aspekte einer notwendenden biblisch-christlich bestimmten Vaterschaft aufzuzeigen.

Der Vater …

… formt das Vaterbild von Gott, in positiver wie in negativer Hinsicht. Manche Heranwachsende und Erwachsene haben Mühe damit, Gott ihren Vater zu nennen oder als solchen anzusprechen, weil sie die mangelhaften und traurigen Erfahrungen mit ihrem eigenen Vater auf ihr Konzept eines himmlischen Vaters übertragen und dann ein Zerrbild erhalten. „Wird Gott mir ein solcher Vater sein, wie es der eigene war? Das will ich aber nicht noch mal!“

… bietet Hilfe und Fixpunkte zur Orientierung an, aus denen Söhne und Töchter Strategien und Verhaltensmuster gewinnen, um sich der Außenwelt zu nähern. Er zeigt ihnen gewissermaßen die leitenden (göttlichen) Linien für das Labyrinth des Lebens auf. In dieser Funktion besteht eine seiner eindringlichsten Aufgaben darin, die Kinder zuerst zu Christus zu führen.

… macht es sich zur Gewohnheit, Gottes Wort zu lesen und vorzulesen und bringt es so seinen Kindern als Lebensfundament nahe. Ist die Bibel den Eltern kostbar, wird sie es auch den Kindern sein. „Und diese Worte … sollen in deinem Herzen sein. Und du sollst sie deinen Kindern einschärfen, und du sollst davon reden“ (5. Mose 6,6.7).

… betet für und mit seinen Kindern und in der Familie und folgt damit dem biblischen Wort: „Schütte dein Herz aus … vor dem Angesicht des Herrn; hebe deine Hände zu ihm empor für die Seele deiner Kinder“ (Klagelieder 2,19).

… investiert Zeit und schafft Augenblicke des Zusammenseins. Damit löst er sich bewusst aus der Menge der Minutenväter, die statistisch gesehen nur etwas mehr als eine halbe Stunde (37 Minuten, OECD-Studie von 2011) mit ihrem Kind verbringen. Die Jahre rattern rasend vorüber. Ehe man sich versieht, sind aus Kindern Leute geworden, die das Haus verlassen. Es ist an der Zeit, Zeit einzuräumen. Der beliebte Einwand „Ich habe keine Zeit!“ ist meist nur ein vorgeschobenes Argument zur Erhaltung der persönlichen Ruhezonen. Zeit ist bei Festlegung der Prioritäten und bei entsprechender Planung immer zu finden. Selbst wenig kann viel sein, wenn es uns gelingt, an Beruf, Hobby, PC und Fernsehen vorbei bleibende Momente des Miteinanders zu etablieren. Mit einem Sohn lässt sich vielleicht ein gemeinsames Bauprojekt finden oder ein Fußballspiel organisieren. Mit einer Tochter lässt sich möglicherweise ein Eisessen (gerade Mädchen wollen sprechen, reden, klönen und ihre Innenwelt kommunizieren) oder ein Einkaufsbummel einrichten. Es lohnt sich! – Charles Adams, Sohn des 6. amerikanischen Präsidenten John Q. Adams, ging mit seinem achtjährigen Sohn Brook zum Angeln. Am Abend schrieb er in sein Tagebuch: „War heute mit meinem Sohn zum Angeln – ein verschwendeter Tag.“ Jahre später fand man im Tagebuch seines Sohnes unter dem Datum des damaligen Angelausflugs den Eintrag: „Heute war ich mit Vater zum Angeln. Der beste Tag meines Lebens.“

… bildet mit seiner Frau (der nach wie vor wichtigsten Person für ihn) ein Team, an dem die Kinder ablesen können, wie man einander liebt, ehrt und hilft, gemeinsam Konflikte angeht und einheitlich handelt, um die Kinder „in der Zucht und Ermahnung des Herrn aufzuziehen“ (Epheser 6,4).

… lobt und ermutigt. Väter neigen dazu, ständig (überzogene) Erwartungen zu formulieren und von ihren Söhnen und Töchtern (Höchst-) Leistungen einzufordern. Kolosser 3,21 ermahnt die Väter, sich den Kindern so zu nahen, „dass sie nicht mutlos werden“.  Und wenn es dem Vater schwer fällt zu loben, dann ist es schon ein guter Anfang, wenigstens auf negative und niedermachende Kommentare zu verzichten.

… bietet Schutz, Trost und Geborgenheit und verteidigt sein Kind. Peter Liefschneider (Name geändert) war ein gar übler Geselle. Einige Jahre älter, als ich es damals als etwa 10-Jähriger war, lauerte er mir und meinem Bruder nach der Schule oft auf, um uns zu provozieren, zu beleidigen und gelegentlich ein wenig in die Mangel zu nehmen. Eines Tages setzte er mir kurz vor meinem Elternhaus wieder nach. Ich rannte zu meinem Vater und erzählte ihm mit Tränen in den Augen von meiner Not. Mein Vater trat augenblicklich vor die Tür und stellte sich wie ein gewaltiger Schutzwall zwischen Peter und mich. Von Peter habe ich danach nie wieder etwas gesehen oder gehört. Das Bild meines Vaters aber, der sich vor mich stellte und meine Notlage beendete, begleitet mich bis heute und den Rest meiner Tage. Seit damals weiß ich, was es bedeutet, dass der himmlische Vater ein fester Turm ist, zu dem man läuft und in Sicherheit ist (Sprüche 18,10).

… gibt Antworten und ist eine Quelle der Information, nicht nur für geistliche Belange. „Frage deinen Vater, er wird es dir kundtun“ (5. Mose 32,7). Gerade junge Kinder ziehen danach mit Stolz auf den Spielplatz und in die Schule und verkünden laut: „Papa hat gesagt.“

… zeigt, dass er ihnen etwas zutraut und er sich auf sie verlassen kann. Damit schafft er eine bleibende Vertrauensbasis. Ein gläubiger Teenager wurde auf einer Hochzeitsfeier mehrfach zu weiterem Alkoholkonsum eingeladen. Er blieb standhaft. Das bekam sein Vater mit und berichtete am nächsten Tag seiner Frau davon: „Auf unseren Sohn können wir uns verlassen. Er weiß, wann er ‚nein’ sagen muss.“ Wie sich ein junger Mensch später den Herausforderungen des Lebens stellt und sich selbst im Gesamtgetriebe wahrnimmt, hängt entscheidend auch davon ab, wie ein Vater seine Kinder gesehen und ihnen seine Einschätzung vermittelt hat.

… ist ein vergebender, wieder aufnehmender Vater, der seinem in die Ferne geratenen Kind entgegeneilt, um es ohne Vorhaltungen liebevoll in die Arme zu schließen (Lukas 15). Vergebung und Liebe sind das Getriebeölgemisch, das die familiären Mechanismen in Gang hält.

Wenn der Vater mit dem Sohne …

Hinsichtlich eines Sohnes lässt sich geschlechtsspezifisch ergänzen, dass der Vater ihn den späteren Umgang mit dem weiblichen Geschlecht lehrt. So wie der Vater seine Frau in ihren Rollen als Ehepartnerin und Mutter behandelt, prägt er die Verhaltensmuster seines Sohnes als zukünftiger Ehemann und Vater.

… und der Tochter

Bei einer Tochter beeinflusst und bestimmt der Vater die kommende Haltung seines Kindes Jungen und Männern gegenüber. Der Vater ist der erste Mann im Leben eines Mädchens. Wie er mit ihr umgeht oder nicht umgeht, wie er auf sie eingeht oder nicht eingeht, was er ihr sagt oder nicht sagt, wird ihr Bild von einem Mann ausmachen. Ist er ihr Held und Verehrer, ihr Ritter und Beschützer oder ist er ihr Kritiker und Nörgler, ihr Unterdrücker und Vernachlässiger?

Gleichzeitig erkennt er, dass ein Mädchen sich und anderen gefallen und begehrenswert sein möchte. Ohne zu übertreiben, kann und soll der Vater die Heranwachsende in ihrer werdenden Weiblichkeit bestätigen, und zwar in dem Maße, dass ihr bewusst wird, dass der wahre „Schmuck nicht der äußerliche durch Flechten der Haare und Umhängen von Gold oder Anziehen von Kleidern ist, sondern der verborgene Mensch des Herzens im unvergänglichen Schmuck des sanften und stillen Geistes, der vor Gott sehr köstlich ist“ (1. Petrus 3,3.4).

Der gute Weg

Vor diesem (unvollständigen) Anforderungskatalog bleibt eigentlich zunächst nur das Gefühl des Versagens, Kapitulierens und bereits Schuldig-geworden-Seins.Aber es besteht kein Anlass zur Resignation. Es geht weniger darum, in einem Hauruckverfahren alle eigenen Verhaltensmuster nachhaltig zu korrigieren. Das wäre sowieso nicht von langer Dauer und würde einen früher oder später wieder auf alte Gleise zurückwerfen. Es ist bekanntlich noch kein Vater vom Himmel gefallen, denn nach wie vor gilt, dass das Vatersein im Vergleich zum Vaterwerden der ungleich schwerere Teil ist.

Es gibt einen besseren Weg. Die Schriftstellerin und Nobelpreisträgerin Pearl S. Buck hat es einmal so formuliert: „Wenn Sie Ihren Kindern … etwas geben wollen, dann geben Sie ihnen ein gutes Beispiel.“ Es ist sicherlich nicht zu weit hergeholt, in diesem Zusammenhang Johannes 5,19 auch auf eine irdische Vater-Kind-Beziehung zu übertragen: „Der Sohn kann nichts von sich selbst tun, außer was er den Vater tun sieht.“

Kinder sind wie trockene Schwämme. Sie saugen alles auf, was in ihre Nähe kommt. Die Macht des Vorbilds – sei es gut oder schlecht – ist überwältigend. Der Apfel fällt da nach wie vor nicht weit vom Stamm. Von den meisten Königen des Alten Testaments heißt es, dass sie „in den Wegen ihrer Väter wandelten.“ Handlungsmaßstab und Maxime ihrer Lebensgestaltung war des Vaters Vorleben. Wie der Vater, so der Sohn (die Tochter). Vater, wie ist dein Vorbild? Joyce Brothers stellte Vätern in einem Zeitschriftenartikel die ultimative Testfrage: „Wären Sie glücklich, wenn Ihre Kinder zu dem heranwüchsen, der Sie jetzt sind?“

In seinen Fußstapfen

Wir würden als Väter scheitern, wären wir bei dieser Aufgabe auf uns allein gestellt. Eberhard Mühlan kommt deshalb zu dem Schluss, dass wir vor allem Väter werden müssen, „die in den Fußstapfen Jesu wandeln“ und dann durch ihren von oben geprägten Lebensstil zu einem Vorbild werden, das Söhne und Töchter erreicht, verändert und gestaltet.

Auf dieser Welt werden etwa 5000 Sprachen gesprochen, aber offenbar keine, die von herumtollenden Kindern und pubertierenden Teenagern verstanden wird. Eine Sprache aber, die jedes Kind und jeder Jugendliche wahr- und annehmen kann, ist die ungesprochene Sprache eines vorbildlichen Lebens, das von Glaubwürdigkeit und Liebe gerahmt wird.

Einen solchen Vater braucht der Sohn, einen solchen Vater braucht die Tochter. Wer sich als Vater an Jesus orientiert und von ihm ergreifen lässt, wird in der Ausübung seiner Vaterschaft unter höherer Hilfe und Leitung stehen. In dem Maße, wie wir über unsere Verbindung zu Jesus Gottes Vatersein an uns heranlassen, werden wir von der Beziehung, die Jesus zu seinem Vater und der himmlische Vater zu seinem Sohn hatte, belebt und inspiriert und können als Abbild des Vaters der Väter davon an unsere Söhne und Töchter weitergeben.

Vaterschaft in dieser Ausrichtung ist eine noble, von Gott übertragene Mission. Haben wir den Mut, ein in Jesu Nachfolge stehender Vater zu sein (werden), der sichtbare Fußspuren hinterlässt, an denen sich seine Kinder orientieren und in die sie eintreten können, sodass sie später einmal bezeugen können: „Meine Schritte hielten sich in deinen Spuren, meine Tritte haben nicht gewankt“ (Psalm 17,5).

„Der Kinder Schmuck sind ihre Väter.“ (Sprüche 17,6)

Verwendete Literatur:

  • Anonymus: Sind Sie ein guter Vater? Aus „Selected“ in „Herold Seines Kommens“. Herold-Schriftenmission, Asslar: 1994, Nr. 7 (451), S. 6.
  • Brinck, Christine: Vater … verzweifelt vermisst. Interview mit Prof. Dr. Petri in „Focus“: 14/2000, S. 216-218.
  • Brothers, Joyce: Is He a Good Dad? In „Reader’s Digest“: June 1995, pp. 114-118.
  • Mühlan, Eberhard: Bleib cool, Papa! Guter Rat für gestresste Väter. Schulte und Gerth, Asslar: 1994, S. 12+102.
  • Scheunemann, Volkhard: Vom rechten Vatersein. In „Ehe und Familie aus biblischer Sicht“. Adelshofer Impulse, Eppingen: o. J., Heft 1, S. 28-31.
  • Shotwell, Silas: Wasted Day. Homemade. Bible.org: 1987.
  • Starck, Willy: Mein Sohn wünscht sich einen Vater. In „Journal des Hamburger Abendblatts“: 18./19. März 2000, S. 9.