Unser Umgang mit der Sünde im Leben anderer

Die Stimmung war beklemmend. Schwerer Parfümgeruch hing in der Luft, ungewohnte Musik und Kunst in der Wohnung, gedämpfte Beleuchtung. Peer (1) und ich kannten uns von früher. Nach Jahren sahen wir uns wieder – zum ersten Mal nach seinem Gemeindeausschluss.

Wenn jemand unter euch von der Wahrheit abirrt …

Ich hatte davon gehört, als ich in Afrika war. Peer hatte sich geoutet: Er lebte seit Jahren heimlich und nun offen als Homosexueller – und er fand das okay. Die Gespräche der Leiter mit ihm liefen ins Leere. Er war überzeugt, dass das halt die Art von Liebe sei, die Gott ihm geschenkt hätte, deswegen solle er sie auch ausleben. Seine Gemeinde hingegen war der Überzeugung, dass Gott das Ausleben von Homosexualität genauso hasst wie jede andere Sünde, zu der wir Menschen eine Neigung verspüren können. Die Neigung ist nicht das Hauptproblem – wir alle haben welche, die Gottes guten Gedanken widersprechen, das weiß Gott –, aber sie auszuleben und zu verteidigen, das möchte ein Kind Gottes normalerweise nicht. Und wenn es das doch tut, dann sollen die Geschwister helfen, wieder zurechtzukommen – notfalls als letzter Maßnahme mit dem Ausschluss aus der Gemeinschaft. In 1. Korinther 5 erklärt Paulus die Logik, die dahinter steht. Soweit hatten sie leider bei Peer gehen müssen.

… und jemand ihn zurückführt …

Im Ausland erinnerte mich Gott monatelang immer wieder an Peer. Ich betete für ihn. Und als ich dann wieder mal in Deutschland war, hatte ich den Eindruck, ihn besuchen zu sollen. Ich fragte die Ältesten seiner Gemeinde, ob etwas dagegenspräche – sie waren einverstanden. Und so kam es zu diesem Besuch. Ich hatte gebetet wie ein Weltmeister, war ziemlich unsicher, hatte Gott gefragt, was ich da fragen oder sagen solle. Er erinnerte mich an eine gute Empfehlung für jedes seelsorgerliche Gespräch: „Halt die Bibel zwischen dich und deinen Gesprächspartner!“

Der Versuch, im Gespräch ein verständnisvolles Miteinander zu schaffen, gelang nur bedingt, obwohl wir uns freuten, einander zu sehen. Es war klar, warum ich hier war, und so kamen wir auch bald darauf zu sprechen. Er war weiterhin sehr überzeugt von seiner Position. Ich fragte ihn, ob er wüsste, warum seine Gemeinde ihn ausgeschlossen hätte. „Nicht wirklich, nein.“ Da er Interesse an dem wahren Grund zeigte, zog ich meine Bibel raus und las mit ihm das fünfte Kapitel im 1. Korintherbrief. Wir sprachen ein bisschen darüber, und ich fragte ihn, warum Paulus den Ausschluss des Mannes damals gefordert hatte. Nach einigem Nachdenken und -lesen hatten wir es dann: Paulus hatte Angst, dass dieser Mensch „Bruder genannt“ (V. 11) wurde, aber nicht wirklich einer war. Und er wollte unbedingt, dass „sein Geist gerettet werde am Tage des Herrn!“ Dafür hielt er selbst eine solch radikale Maßnahme für zulässig: ihn außerhalb der schützenden Gemeinschaft der Kinder Gottes zu stellen (V. 5).

„Das war also für Paulus damals der Grund. Was denkst du, warum deine Leute nun dich vor ein paar Jahren ausgeschlossen haben?“ – „Tja, vermutlich haben sie genauso Angst um mich gehabt, dass ich verloren wäre. Aber die Befürchtung ist unnötig. Ihr habt immer gepredigt, dass ein ‚Schaf‘ niemals aus der Hand des guten Hirten gerissen werden kann. Das glaube ich – und deswegen bin ich sicher bei Jesus.“

Irgendwann habe ich mich dann freundlich verabschiedet. Er wusste, dass ich weiter für ihn beten würde, weil zumindest ich ein ernsthaftes Problem sah. Aber im Moment war nichts zu machen. Ich war frustriert darüber, dass er sich hier von einer einseitigen Lehraussage in eine vielleicht falsche Sicherheit wiegen ließ.

Gott wirkt …

Drei Tage später klingelt morgens das Telefon. Peer ist am Apparat. Mit rauer Stimme meint er: „Ich habe das ganze Wochenende geheult. Ich weiß, dass ich zu Jesus zurückkommen muss. Wann kannst du kommen?“ Ich staune – und frage noch, ob ich einen seiner Ältesten mitbringen dürfe. Klar, kein Problem.

Am Abend sitzen wir zu dritt lange in seiner Wohnung. Er weint, erzählt von den Jahren mit vielen Partnern und wilden Erlebnissen. „Ich habe keine Idee, wie ich ohne das leben soll – meine Gefühle sind so, wie sie waren. Aber ich will wieder mit Jesus leben.“ Schonungslos legt er offen, was falsch lief, und bringt alles im Gebet vor Gott. „Die beiden Müllsäcke da in der Ecke, da ist all der Schrott drin, den ich für mein schwules Leben gebraucht habe – könnt ihr das bitte entsorgen?“ Klar, gerne.

Seine letzte Frage: „Wie soll das jetzt mit der Gemeinde laufen?“ Ich weiß nicht mehr, ob die Antwort sofort oder am nächsten Tag kam – auf jeden Fall wurde zwei Tage später in der Bibel- und Gebetsstunde verkündet, dass „unser Bruder von seiner langen Reise zurückgekommen ist und wieder mit Jesus leben will“, und am Sonntag war er wieder dabei. Wenn die Buße offensichtlich ist, dann soll vergeben, ermutigt und Liebe gezeigt werden (2Kor 2,5-11). (2)

… manchmal durch uns.

„Meine Brüder, wenn jemand unter euch von der Wahrheit abirrt und jemand ihn zurückführt, so wisst, dass der, welcher einen Sünder von der Verirrung seines Weges zurückführt, dessen Seele vom Tode retten und eine Menge von Sünden bedecken wird“ (Jak 5,19-20; s. a. 2Tim 2,24-26; Gal 6,1; 1Thes 5,11; Heb 3,12-13).

Nicht immer läuft das so dramatisch. Bei vielen Sünden reagieren wir bereits auf die persönliche Ansprache durch den Heiligen Geist (Joh 16,8). Geistlich gesinnte Menschen beurteilen sich selber und handeln entsprechend (1Kor 11,28; Kol 3). Wir sind nicht dazu berufen, im Privatleben anderer herumzuschnüffeln oder ständig zu beurteilen, was andere tun. Aber wenn etwas offensichtlich geworden ist, was bei Gott klar „Sünde“ genannt wird, dann sollen wir einander helfen. Oft reicht dazu ein einfaches „Ermuntern/Ermahnen“ (im Griechischen das gleiche Wort) durch einen Bruder oder eine Schwester.

Manchmal müssen wir eine der anderen Maßnahmen ergreifen, die uns im Neuen Testament für verschiedene Situationen genannt werden. In jedem Fall sollen wir es „im Geist der Sanftmut“ tun und mit dem Ziel, denjenigen zurückzugewinnen. Gott hat vor, seine ganze Familie unversehrt durch diese Welt hindurch „in sein himmlisches Reich hineinzuretten“ (1Tim 4,18) – und wie so oft, möchte er unsere Mitarbeit dabei.

 

Fußnoten:

(1) Name geändert

(2) Die Herausforderungen für Peer waren damit natürlich noch nicht vorbei. Wir haben uns oft getroffen und geredet. Und neben der Gemeinschaft in seiner Gemeinde waren ihm fachlich qualifizierte seelsorgerliche Begleitung und eine gute christliche Selbsthilfegruppe sowie Freunde mit ähnlicher Geschichte sehr wichtig

 

Zum Weiterdenken:

  1. „Den Bruder und die Schwester gewinnen – wie geschieht korrektive Gemeinde-Seelsorge?“ (Detlev Fleischhammel, 220 S., CV)
  2. Folien für ein Seminar zum Thema „Geschwister zurückgewinnen“ mit Fallbeispielen