Unter allen Umständen

Erkenntnisse aus Philipper 1,12-18a

Ein Mann, der weiß, dass er bald sterben muss, überlegt, dass er wenigstens eine Sache auf die letzte Reise mitnehmen will. So steckt er einen Goldbarren in eine Tasche. An der Himmelspforte bittet Petrus den Mann, die Tasche zu öffnen. Der tut das, Petrus schaut hinein und gibt sich irritiert: „Du bringst Straßenpflaster mit?“

Wer an den Herrn Jesus glaubt, kommt in den Himmel; mitnehmen kann man da allerdings nichts. Jedenfalls keine Sachen. Darum wollen wir viel mehr darüber nachdenken, welchen Menschen wir als Nächstes zu diesen Straßen aus Gold mitnehmen wollen.

Paulus – um das Jahr 61 – bereitet sich und seine Freunde auf seinen Tod vor. Als Vermächtnis schreibt er den Philippern: „Prüft worauf es ankommt, damit ihr lauter und unanstößig seid auf den Tag Christi …“ (Philipper 1,10). Wer vom Ziel her denkt, der hat etwas, das mit Gold nicht zu bezahlen ist!

Es gibt Dinge, die sind wichtiger als Gold, das sollte man lernen, bevor das Haar silbern wird. Was ist mehr wert als Gold? Das teure Evangelium, die Gute Nachricht von Jesus Christus. Diese Nachricht schreibt Paulus. Und wenn er es nicht mitteilte, würde man es kaum glauben: Der Schreibtisch, von dem aus er schreibt, steht in einer Gefängniszelle. Das Licht ist schummrig, die Luft stickig, die Lebensqualität erbärmlich.

Er richtet das Schreiben an Freunde in Philippi: Lydia, die erste europäische Christin, den Kerkermeister, … . Die ersten elf Verse widmet er deren Gemeinde dort: „Ich erinnere mich gerne an euch“ (Philipper 1,3). „Ich bete für euch“ (1,4). „Ich sehne mich nach euch“ (1,8). In Vers 12 kommt er auf seine Umstände zu sprechen. Da sollte man erwarten zu lesen: „Mir dagegen geht’s schlecht. Ich liege auf Brettern, hab keine Matratze. Das ist ein kaltes Loch hier. Mein Rheuma ist schlimmer geworden. Ich schlafe nachts kaum.“ – Aber kein Wort davon. Nein, er fängt im Blick auf seine Situation direkt an, vom Evangelium zu schreiben. „Ihr sollt wissen, liebe Geschwister, dass alles, was mir hier zugestoßen ist, die Verbreitung des Evangeliums gefördert hat“ (Philipper 1,12). „Wie geht es dir, Paulus?“ „Oh, dem Evangelium geht’s gut, danke.“ Er spricht nicht von seinen Haftbedingungen, sondern von den Haftfolgen und nennt dabei drei positive Resultate, die alle mit der Verbreitung des Evangeliums zu tun haben:

  1. Verschiedenste Leute haben das Evangelium gehört (Philipper 1,13).
  2. Die Christen vor Ort wurden zu Bekennern (1,14).
  3. Wenn manche Prediger auch zweifelhafte Motive haben, breitet sich doch die Botschaft von Jesus aus (1,15-18).

Ich habe neue Gelegenheiten

Paulus hat Evangelium weitergegeben. Andere werden eingesperrt, weil sie kostbare Dinge klauen, Paulus hat das Kostbarste großzügig verteilt; das Evangelium macht Menschen reich. Das aber wollte man nicht im Römischen Reich. Rom fühlte sich bedroht. Dass Paulus unter Juden missionierte, hat man toleriert. Die Juden erkannten den Kaiser sowieso nicht an. Aber jetzt predigten die Christen auch noch den Heiden. Das war verboten (s. Apostelgeschichte 16,21)! Darum hatte man den Apostel hinter Schloss und Riegel gesetzt.

Das Prätorium war eine Elitetruppe. Kaiser Augustus hatte 10 000 handverlesene Soldaten; die bekamen höheren Sold und zu ihrer Pensionierung die römische Bürgerschaft. An solche Männer ist Paulus angekettet. So kann er nicht weg. Aber diese Edelsoldaten können halt auch nicht weg. Aha. Hier im Knast sind seine Zuhörer festgebunden. Wann hat man das schon mal? Die fesselt er nun mit seinen Worten. So dreht man einen Spieß herum. Sie haben Paulus gefesselt, aber nicht geknebelt. Sie können ihn nicht hindern, weiterhin zu evangelisieren; unter den Soldaten, den Mitgefangenen, und wenn es sein muss, auch den Ratten.

Schnell spricht sich herum, warum jener eigenartige Insasse seine Strafe zu verbüßen hat. „Meine Fesseln in Christus sind im ganzen Prätorium und bei allen anderen offenbar geworden“ (Philipper 1,13). Der Fall Paulus geht durch die Presse. Paulus ist Tagesgespräch und man scheint ihn für seine Unerschrockenheit zu bewundern.

Es ist erstaunlich, wie souverän Zeugen Jesu oft gerade in Bedrängnis auftreten. Dietrich Bonhoeffer war ebenfalls im Gefängnis schriftstellerisch tätig. Ihn hielten seinerzeit die Nazis gefangen. Aus seiner Haft, die wie bei Paulus mit seiner Hinrichtung endete, stammt folgendes Gedicht:

Wer bin ich? Sie sagen mir oft,
ich spräche mit meinen Bewachern
frei und freundlich und klar,
als hätte ich zu gebieten.
Wer bin ich? Sie sagen mir auch,
ich trüge die Tage des Unglücks
gleichmütig, lächelnd und stolz
wie einer, der siegen gewohnt ist …

Verfolgten Christen ermöglicht ihre Aussicht, die Aussichtslosigkeit zu überstehen. Bei ihnen erklingt zu der dumpfen Bassmelodie des Leides der liebliche Sopran der Freude und Hoffnung. Und wir? Wir sind froh, dass das nicht unsere Lage ist. Niemandem von uns als Jesus-Leuten geschieht etwas. Damit haben wir nicht weniger Grund, mutig und entschlossen zu evangelisieren, sondern mehr.

Ich habe Nachahmer

Einen Botschafter kann man an die Kette legen – eine Botschaft nicht. Viele hörten nicht nur von Paulus etwas über Jesus Christus, sondern auch von anderen Christen: „… die meisten der Brüder haben im Herrn Vertrauen gewonnen durch meine Fesseln und wagen vielmehr das Wort Gottes ohne Furcht zu reden“ (Philipper 1,14). Die Gemeindemitglieder in Rom sagten nicht: „Halten wir lieber die Klappe, sonst werden wir auch noch eingesperrt.“ Sondern: „Wir müssen für ihn einspringen!“

Im Kirchenkampf im dritten Reich, oder heute in China beispielsweise ist es genauso: Je mehr führende Prediger verhaftet werden, umso kühner stehen andere auf, die vorher still waren. Wenn einer weggenommen wird, kommen fünf andere nach. „Durch meine Fesseln wagen sie es.“ Wir sollten uns von Glaubensgeschwistern anspornen lassen, die den Heiland in Ländern bekennen, in denen Christen verfolgt werden. Wer ihre Berichte liest, bekommt neuen Mut, das Wort Gottes entschlossen weiterzusagen.

Ich habe Neider

Die Jesus-Jünger sind ein bunter Haufen. Es gibt sehr unterschiedliche Priester, Prediger, Pastoren und Paulusse. Einige machen ihren Job, andere wollen sich proflieren, wieder andere interessieren sich mehr für Zahlen als für Menschen … Das Spektrum der Verkündiger ist groß. „Einige zwar predigen Christus auch aus Neid und Streit, einige aber auch aus gutem Willen“ (Philipper 1,15).

Hier wird von Paulus ein Tabuthema ans Licht gebracht: Neid. Schon damals gab es solche zweifelhaften Motive. Neid kann in unserem Herzen tief verwurzelt sein; auch mit der Bekehrung wird Neid nicht einfach ausgejätet. Neid regt sich selbst bei Männern und Frauen, die Gott ernsthaft dienen.

Vielleicht redet Paulus hier von Männern, die sonst im Gemeindeleben zu Rom im Vordergrund standen. Jetzt aber war der Einfluss des „großen“ Paulus in Rom zu spüren. Die Leiter fühlten sich zurückgestuft. Einige der römischen Brüder mögen froh gewesen sein, dass Paulus im Kittchen sitzt; jetzt steht er ihnen nicht mehr im Wege, nun können sie wieder ihre alte Stellung einnehmen. So werden sie eifrig – aus Eigennutz. Sie entwickeln Ehrgeiz, um Paulus zu zeigen, was sie können. Wie wird Paulus damit fertig? Oft ist sein Statement zitiert worden: „Wird doch auf jede Weise … Christus verkündigt“ (Philipper 1,18). Heißt das, Evangelisation um jeden Preis? Nein. Vergessen wir nicht: Das „kostbare Evangelium“ – das verkauft man nicht um jeden Preis. Nicht um den Preis der Wahrheit! Wenn Paulus sagt, dass doch nur Christus verkündigt werde, dann sagt er, die Motivation sei ihm egal – nicht der Inhalt. Den Galatern schreibt er: „Wenn jemand euch etwas als Evangelium verkündet entgegen dem, was ihr empfangen habt: Er sei verflucht!“ (Galater 1,9). Über Irrlehren hätte er sich nie gefreut. Nur weil es wirkliches Evangelium ist, was jene Männer sagen, sieht Paulus über ihre Motive hinweg: „Was macht es denn? Wird doch auf jede Weise, sei es aus Vorwand oder in Wahrheit, Christus verkündigt, und darüber freue ich mich“ (Philipper 1,18). Mögen andere ihm persönlich wehtun wollen, was soll’s?

Auf negatives Feedback reagieren viele von uns gekränkt: „Wenn jemand mich kritisiert, heißt das, ich bin wertlos.“ Diese Fehleinschätzung verursacht Depressionen. Denk an das Evangelium und sage im Blick auf dich selbst: „Was soll’s! Herr, sie müssen sich nicht für mich entscheiden, sondern für dich.“

Aktiv in jeder Lebensphase

Paulus sagte nicht: „Im Augenblick kann ich nichts tun, also warte ich, bis ich wieder draußen bin.“ Nein, er machte das Beste aus dieser Gelegenheit. Er sprach mit denen, mit denen er sprechen konnte, an andere schrieb er Briefe. Diese Briefe wurden Teil des Neuen Testamentes und veränderten den Verlauf der Geschichte.

Sehnst du dich danach, freigestellt zu werden, um die Frohe Botschaft weitergeben zu können, wartest du auf bessere Gelegenheiten als die, die du gegenwärtig vorfindest? Du fühlst dich in deinem Beruf eingesperrt oder zu Hause? Freust du dich darauf, irgendwann Zeit zu haben, um dann dem Herrn endlich dienen zu können? Aber die Zeit dazu ist nicht „irgendwann, wenn …“, sondern jetzt! Die Chancen sind da vorhanden, wo wir gerade sind. Wenn du in der Schule Seite an Seite mit Nichtchristen lernst, dann ist das die Chance für das Evangelium. Wenn du in deinem Job Seite an Seite mit Nichtchristen arbeitest, dann ist das die Chance für das Evangelium. Und wenn du Kinder versorgst und erziehst, dann ist das eine Riesenchance, sie mit Christus bekannt zu machen …

Wir blicken oft so lange und bedauernd auf die verschlossene Tür, dass wir die Türen gar nicht mehr sehen, die sich uns öffnen. Paulus nahm seine Aufgabe wahr, das kostbare Evangelium weiterzusagen, wo immer er sich gerade aufhielt. Das hatte ungeheure Auswirkungen.