Warum musste der Herr Jesus leiden?

Das göttliche Muss

Wenn wir die Art und Weise von Handlungen und Ereignissen angeben wollen, brauchen wir Hilfsverben wie „können“, „sollen“, „müssen“. Wir wissen dann, ob es die Möglichkeit eines Geschehens ist oder ob sich dahinter ein gewisses Ziel verbirgt. Die Absicht kann mehr oder weniger dringend sein. Bei „müssen“ geht nichts am Ereignis vorbei, es ist eine Notwendigkeit, die nicht zu vermeiden ist. Dazu gehörte das Leiden des Herrn Jesus. Nur: Wer will mit solcher Vehemenz dieses Leiden, wer setzt es durch?

In den Leidensankündigungen unseres Herrn steht meist, was die Menschen ihm tun werden (das Aktiv), manchmal aber auch das Passiv: „Der Sohn des Menschen wird überliefert werden (Mt 17,22), „er wird den Nationen überliefert werden und wird verspottet und geschmäht und angespien werden (Lk 18,32f.), „am 3. Tag wird er auferweckt werden (Mt 17,23).

Wer wird ihn aufwecken? In diesen Fällen wird nicht gesagt, wer das alles bewirken wird. Natürlich werden die Menschen ihm dieses Böse antun. Aber die Verbform, das Passiv, wird in der Bibel häufig gebraucht, um hintergründig auf das Wirken Gottes hinzuweisen. Wir nennen es das „göttliche Passiv“, d. h. der eigentlich Handelnde ist Gott. Eine der berühmtesten Stellen dazu ist Johannes 3, wo der Herr wiederholt anmahnt, dass der Mensch von Neuem geboren werde. Diese neue Geburt kann nur Gott schenken, wie 1. Petrus 1,2 sagt.

Die göttliche, hintergründige Kraft wird direkter ausgedrückt mit dem Hilfsverb „müssen“. „Der Christus musste leiden“ (Lk 24,26.46). „Er musste leiden und auferstehen“ (Apg 17,3). „Er musste in allem den Brüdern gleich werden“ (Hebr 2,17). Die einzelnen Notwendigkeiten – auch der Essig für den sterbenden Heiland (Joh 19,28) – werden zusammengefasst in der Frage: „Wie sollten denn die Schriften erfüllt werden, dass es so geschehen muss?“ (Mt 26,54).

Das ganze Leben des Herrn Jesus auf dieser Erde stand unter der Entscheidung, die der ewige Gott vor Grundlegung der Welt gefasst hatte, dass sein Sohn kommen, leiden, sterben und auferstehen sollte und damit musste – eine Aussage über das unausweichliche zukünftige Geschehen (vgl. Joh 12,33).

Das Leiden des Herrn Jesus

Wenn allein der Tod das Ende des Gottessohnes sein sollte, dann hätte es auch – aber das sind nur menschliche Überlegungen – einfacher gehen können. Wie jemand schmerzlos getötet werden kann, ist seit jeher bekannt. Im Altertum gehörten dazu das fachmännische Aufhängen und – vor allem im Krieg – das Enthaupten. Ein Schlag – und alles ist vorbei.

Die Kreuzigung gehörte gerade nicht dazu. Schon Cicero hatte diese Todesart als eine der schrecklichsten bezeichnet. Der Körper konnte tagelang am Kreuz hängen. Zum Schluss starb der Verbrecher aus Erschöpfung, genauer an Erstickung, an Atemnot, weil sich der Brustkorb nicht mehr heben und senken konnte. Wenn man dieses lange Elend abkürzen wollte, brach man dem Verbrecher die Beine, weil dann der Körper sofort schlaff wurde, denn er fand keine Stütze mehr unter seinen Beinen.

Der Herr Jesus wurde gekreuzigt wie ein Verbrecher! Es war ihm kein schmerzloser Tod beschieden. Aber er starb nicht aus Erschöpfung, sondern erst in dem Augenblick, als er sich dem Vater übergab (Lk 23,46). Selbst dem Hauptmann unter dem Kreuz fiel auf, dass hier jemand auf ungewöhnliche Weise starb. Der Offizier bemerkte nämlich, dass dieser „so“ verschied, d. h. mit einem lautem Schrei (Mk 15,37), der einem Gekreuzigten eigentlich nicht mehr möglich war. Aber dieser laute Schrei – es wird sein Wort sein: „Es ist vollbracht!“ (Joh 19,30) – führte den Hauptmann zu seinem Bekenntnis: „Wahrhaftig, dieser war Gottes Sohn” (Mk 15,39).

Häufig wird der Leiden des Herrn Jesus gedacht, weil man ihn bedauert wegen des Umgangs mit ihm am Tag seiner Hinrichtung. Doch in der damaligen Zeit wurden Tausende von Menschen gekreuzigt. Bei der Einnahme von Jerusalem (70 n. Chr.) soll man nicht genug Pfähle gefunden haben, um alle Feinde so zu bestrafen. Die Kreuzigung allein bringt dem Herrn Jesus keine Sonderstellung. Es muss etwas anderes sein!

Die Strafe zu unserem Frieden (Jesaja 53,5)

Hier wird ein Mensch gekreuzigt, der als Sohn Gottes ohne jede Sünde ist und trotzdem bestraft wird. Strafe wird gemessen an ihrer Dauer und Intensität. Ein Schlag ins Gesicht kann eine Strafe sein, allerdings keine allzu schwere. Zwar ist die Todesstrafe endgültig, ihr kann aber durch kurze Vollstreckung der Schrecken genommen werden.

Die Strafe, die der Herr Jesus erleidet, ist anderer Natur. Sein ganzes Leben auf dieser Erde war eine Demütigung. Er lebte als das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt wegnimmt (Joh 1,29). Welche Erniedrigung war es, dass er als der Sohn Gottes von Ewigkeit Mensch wurde, die Gestalt, die Funktion eines Knechtes übernahm (Phil 2,7)! Seine letzten Tage auf dieser Erde bilden allerdings den Höhepunkt seiner Bestrafung.

Was ist die Intensität der Strafe?

Das Maximum war erreicht, als der Herr Jesus von Gott verlassen wurde. Vor diesem Ereignis können wir nur in Ehrfurcht und in Schweigen stehen. Er wurde zur Sünde gemacht (2Kor 5,21). Gott und die Sünde: Da gibt es keine Verbindung! Der Herr Jesus musste an dem, was er litt, den Gehorsam lernen. Er, der Gottesknecht, hat aus diesem Grund unsere Sünden auf sich geladen (Jes 53,11). Können wir jetzt verstehen, wenn der Herr Jesus seinen Vater bittet, dass dieser Kelch an ihm vorübergeht? Er, der heilige Gottessohn, soll Sünde werden? Niemals hat er in sich selbst je etwas mit der Sünde zu tun gehabt, nun wird er mit der Sünde der ganzen Welt beladen und muss dafür die Strafe tragen!

„Anbetung dir! Sei hochgepriesen
für deine Liebe, Jesus Christ,
die du an Sündern hast bewiesen,
da du für uns gestorben bist.
Wie viel hast du für uns getan!
Wir beten dankend, Herr, dich an.”