Megatrend: Mystik und Spiritualität

Spiritualität (lat. Geist, Hauch, Atem) ist eine auf Geistliches ausgerichtete Haltung, die sich nicht mit einer materialistischen Weltsicht begnügen will. Spiritualität rechnet mit einer jenseitigen, geistigen Realität und integriert diese in die Aspekte des Alltagslebens. Trendforscher Eike Wenzel sieht in der gegenwärtigen Beliebtheit der Spiritualität eine Gegenströmung zum platten Materialismus und Konsumismus.

Mystisch-spirituelle Frömmigkeit konzentriert sich zumeist auf das Emotionale, auf das eigene Innenleben. Oftmals werden diese Erfahrungen als Ausgleich oder Ergänzung einer sonst eher gefühlsarmen, berechenbaren und rationalen Alltags- und Berufswelt begriffen. Hier zeigt sich eine tiefe Sehnsucht nach mehr, nach Echtheit und Authentizität.

Die gesellschaftlich relevante Frömmigkeit unserer Tage heißt Esoterik. Nach seriösen Schätzungen sind es 15–20 % der Bevölkerung, die offen sind für die verschiedenen Formen esoterischen Glaubens. Millionen Deutsche praktizieren regelmäßig Yoga, suchen Hilfe beim Heilpraktiker oder lesen Berichte über Begegnungen mit Engeln. Menschen schwärmen von Energien, Kräften und Schwingungen, durch die sie sich belebt oder motiviert fühlen. Eike Wenzel, Gründer des Instituts für Trend- und Zukunftsforschung, schätzt den Gesamtumsatz in der deutschen Esoterikbranche auf bis zu 20 Milliarden Euro. Das wäre das Vierfache der Fitnessindustrie. Für die vage Hoffnung, neben dem materiellen Konsum auch noch gute Gefühle für die eigene Seele abstauben zu können, sind immer mehr Menschen bereit, viel Geld in die Hand zu nehmen.

Zur Spiritualität zählen für den modernen Europäer wahlweise das Dankgebet vor dem Essen, der Spaziergang durch die Natur, das meditative Malen, Wertschätzungsrituale, Fair-Trade-Einkäufe, allgemeine Toleranz, Meditationsklänge, Yoga, Kerzenschein, Weihrauch, Pilgern, gegenseitiges Umarmen, Weltmusik, Kontakt mit dem Kosmos oder mit Mutter Erde usw.

„Heute übt man sich in buddhistischer Herzensgüte und macht sich dabei zu einem quengelnden Kind. Achtsamkeit klingt zwar wenig ichbezogen, aber Esoterik hilft oft nur dem eigenen Egoismus“, diagnostiziert Carmen Böker in der ZEIT (März 2018). Ständig hört der spirituelle Mensch in sich hinein, achtet auf jede Reaktion der Empfindungen und Gefühle. Mit gutem Gewissen verabreicht sich der Spirituelle tägliche Streicheleinheiten für das Ego: „Möge ich frei von Ärger und Krankheiten sein. Möge es mir gutgehen. Möge ich glücklich sein. Erst denkst du mal an dich und dann an die anderen.“ Das Mantra postmoderner Spiritualität lautet nach Böker so: „Ich kann mir selbst etwas Gutes tun. Ich will mir selbst etwas Gutes tun. Ich muss mir selbst etwas Gutes tun!“

Häufig ist Spiritualität nicht wirklich auf das Wohl der Welt oder gar der Menschheit ausgerichtet, auch wenn dieser Eindruck gerne erweckt wird. Primär geht es zumeist um das eigene Wohlbefinden. Neben allen materiellen sollen hier auch die geistlichen Bedürfnisse gestillt werden.

Fortwährend stellt der spirituell ausgerichtet Mensch sich und anderen die Frage: „Und wie fühlst du dich dabei?“ Das soll Angenommen-Sein und Verstanden-Werden ausdrücken, ist aber zugleich eine wirksame Blockadetechnik. Sie lässt jede Kritik ins Leere laufen. Schließlich kann man über das eigene Befinden nur schwer diskutieren.

Mystisch-spirituelle Theologie will Gott nicht auf dem Weg des Denkens und der Erkenntnis finden, sondern durch Erfahrungen und Gefühle. Schon seit Jahrhunderten ist die Mystik fester Bestandteil katholischer und orthodoxer Frömmigkeit. In der die Sinne ansprechenden Inszenierung der Messe beispielsweise soll dem Besucher durch geheimnisvolle Rituale wie die Verwandlung des Abendmahlsbrotes, durch Weihrauch, die prachtvolle Kleidung des Priesters, andächtige Stille, eine festgelegte Liturgie und dergleichen religiöse Gewissheit vermittelt werden.

In mittelalterlichen Klöstern suchten zahllose Mönche und Nonnen nach solchen Gotteserfahrungen. In jahrelangen Übungen von Rosenkranz, Gebeten, Gesängen, Fasten, Ritualen und Meditationen versuchten sie, Gott nahezukommen und ihn irgendwie zu spüren. Bis heute prägend in der katholischen Mystik sind Personen wie Hildegard von Bingen (1098–1179), Meister Eckhart (1260–1328), Teresa von Avila (1515–1582), Johannes vom Kreuz (1542–1591) Johannes Tauler (1300–1361) und Therese von Lisieux (1873–1897).

Mystische Frömmigkeit kann auch die Bibel einbeziehen. Dann geht es aber nicht so sehr um deren diskutierbaren Inhalt, sondern um den ganz persönlichen Eindruck. Das, was einen beim Lesen spontan anspricht, wird gewöhnlich als authentisches Reden Gottes interpretiert. Ebenso geht es mit Gedanken, die einem bei der Begegnung mit einem anderen Menschen durch den Kopf schießen. Auch hier handelt es sich vorgeblich um eine unverstellte Mitteilung Gottes.

Mystische Frömmigkeit gibt es in zwei grundsätzlichen Ausprägungen, die beide eine intensive Begegnung des Menschen mit Gott ermöglichen wollen: Die eine sucht Gott im Hören auf das eigene Innenleben, die andere in der Öffnung gegenüber dem Kosmos. Beides steht letztlich in der Gefahr, in einer endlosen Schleife der Selbstreflektion eigener Gefühle bei sich selbst stecken zu bleiben.

Zunehmend mehr evangelikale Christen wollen Gott heute vermittelt durch Rituale, Meditationen, Wallfahrten, Musik, Fasten, Visionen, das Hören nach Innen und ähnliche Methoden erleben. Ganz konkrete Glaubensinhalte zu formulieren und zu verteidigen ist für viele Christen peinlich geworden. Bei spirituellen Erfahrungen hingegen sind sie noch Teil eines religiösen Mainstreams.

Ohne sich dessen wirklich bewusst zu sein, definieren manche evangelikalen Christen ihre Spiritualität zwischenzeitlich wie der deutsche Dichterfürst Goethe: „Kein persönlicher Gott mehr, keine Konfession, keine Glaubensgemeinschaft, keine Kirche, keine damit verbundene sittliche Weltordnung – aber das Gefühl einer Allheit und Allverbundenheit, emotionale Übereinstimmung mit dem Weltganzen, das Absolute als Chiffre für die Liebe.“

Von den Aussagen Jesu her darf dabei allerdings nicht vergessen werden, dass nicht jedes religiöse Erlebnis, so echt es auch zu sein scheint, wirklich auf Gott zurückgeht. Viele wissen aus eigener Erfahrung, dass durch Musik, Stimmungen, Schmeicheleien, Erwartungen usw. erzeugte Gefühle sich auf Dauer weder erhalten noch wirklich etwas verändern.

Eine Frage muss sich in diesem Zusammenhang jeder selbst beantworten: Gibt es für mich nichts Wichtigeres im Leben, als ständig die eigenen Befindlichkeiten zu spiegeln? Selten bewirkt Spiritualität heute eine totale Ausrichtung auf Gott mit dem gleichzeitigen Zurückstellen eigener Bedürfnisse und Wünsche. Man sehnt und freut sich über ganz neue religiöse Gefühle innerer Ruhe, tiefen Friedens, großer Energie, wohltuender Liebe oder absoluten Angenommenseins. Statt aber nach „dem Geber jeder guten Gabe“ zu suchen, bleibt mystische Frömmigkeit allzu oft bei der Gabe, bei der emotionalen Erfahrung stehen und verpasst dadurch Gott selbst.

„Gibt es für mich nichts Wichtigeres im Leben,
als ständig die eigenen Befindlichkeiten zu spiegeln?“