Gnade ohne Ende? Warum wir keine Allversöhnung lehren

Allversöhnung – was ist das?

Seit den ersten Tagen der christlichen Kirche ist man der Überzeugung, dass es zwei mögliche Ziele für unser Leben gibt: entweder das ewige Leben bei Gott – also den Himmel – oder die ewige Gottesferne – die Hölle. Wer im Himmel ist, ist endgültig dort; wer in der Verdammnis ist, ist ebenfalls endgültig dort.

Vermutlich seit dem 2. Jahrhundert wabert die Idee durch die Christenheit, dass man das auch anders sehen kann. Die Hölle hat einen Ausgang, so die vermeintliche Entdeckung einzelner Lehrer. Sie sei kein endgültiger, sondern nur ein vorläufiger Bestimmungsort. Am Ende werde die unendliche Gnade das endliche Geschöpf gewinnen und zurück zu Gott bringen.

Manche gehen sogar soweit, dass sie selbst die Umkehr des Teufels annehmen.

Eine ältere Bezeichnung für diese Lehre ist „Apokatastasis“. Dieses Wort kommt in der griechischen Fassung von Apostelgeschichte 3,21 vor: „Den muss freilich der Himmel aufnehmen bis zu den Zeiten der Wiederherstellung aller Dinge, von denen Gott durch den Mund seiner heiligen Propheten von jeher geredet hat.“

Das Wort, um das es dabei geht, ist „Wiederherstellung“ – das ist in Kurzform die Hauptthese der Allversöhnungslehre: Alle Dinge, die durch die Sünde geschädigt wurden, müssen durch Christus wiederhergestellt werden. Deshalb wird die Lehre manchmal auch die „Lehre der Wiederbringung“ genannt.

Das Fundament der Allversöhnungslehre

Es gibt verschiedene Überlegungen, die die Lehre stützen. Man kann sie grob in zwei Kategorien teilen: Die eine Kategorie sind emotionale oder logische Schlüsse, die andere kann man eher als biblische Argumente bezeichnen.

1. Emotionale und logische Schlüsse

In dieser Kategorie wären verschiedene Überlegungen zu nennen. Stellvertretend soll hier ein Beispiel erörtert werden, an dem man gut den „Argument-Typ“ und seine Schwächen beobachten kann. Ein uraltes Argument (schon seit Origenes) ist dies:

Strafe dient immer der Besserung. So ist auch die Hölle ein Strafort mit dem Ziel, für ein kommendes Zeitalter Besserung zu bewirken.

Zugegeben: Vordergründig liegt darin eine gewisse Logik. So funktionieren in dieser Welt viele Besserungsversuche: Die Polizei will Raser mit Bußgeldern erziehen; der Fiskus bestraft es, wenn dem Auspuff die falschen Gase entweichen; und Eltern zielen mit Lob und Tadel auf die Besserung ihrer Kinder hin. Soweit stimmt die Überlegung. Erst wenn man etwas genauer hinschaut, bemerkt man die Mängel dieses Arguments, die es als Grundlage einer Lehre völlig untauglich erscheinen lassen.

Das sind die größten Schwächen:

  1. Nicht alle Strafen zielen auf Besserung. Gerade dann, wenn sich Menschen wider besseres Wissen für die Sünde entscheiden, wirkt die Strafe trotz Einsicht und Bekenntnis weiter. David wurde mit etwas Verzögerung die Dramatik seiner Ehebruchsgeschichte bewusst, und er bekannte seine Sünde. Aber die Strafe im Blick auf sein eigenes Haus blieb bestehen. Ananias und Saphira wurden für ihre abgesprochenen Lügen bestraft – ohne Absicht und Möglichkeit der Besserung. Nein, nicht jede Strafe dient der Besserung. Es gibt auch Strafen, die ganz schlicht das dauerhafte Ergebnis einer Vorgeschichte sind. Deshalb ist es nicht tragfähig, die Hölle als Besserungsanstalt zu verstehen.
  2. Man befindet sich auf unsicherem Grund, wenn man innerweltliche Beobachtungen auf das kommende Zeitalter überträgt. Aus der Beobachtung, wie Eltern ihre Kinder erziehen, Sinn und Funktion der Hölle abzuleiten, ist einfach abenteuerlich. Es wäre wenigstens eine klare Stelle nötig, die Anlass für die Annahme gibt, die Hölle als einen Erziehungsort zum Besseren zu verstehen. Dafür gibt es aber nicht den leisesten Hinweis.
  3. Das Evangelium tritt an den Menschen als Angebot heran, das er annehmen oder ablehnen kann. Es zielt auf freiwillige Buße und Glauben. Darauf liegt die Verheißung ewigen Lebens. Umkehr in der Hölle aber wäre eine Umkehr, die durch unausweichlichen Druck bewirkt wird. Das entspricht überhaupt nicht dem Wesen des Evangeliums.

2. Biblische Argumente

Nun gibt es etliche Texte, die bei einer bestimmten Betrachtung die Annahmen der Allversöhnungslehre stützen könnten. Das ist besonders dann ertragreich, wenn man einen Text aus seinem Zusammenhang und der gesamtbiblischen Lehre herausnimmt und isoliert betrachtet. Das betrifft zum Beispiel Texte, in denen das Wort „alle“ vorkommt, wie diesem Abschnitt aus Römer 5,17-18:

„Denn wenn durch die Übertretung des einen der Tod durch den einen geherrscht hat, so werden viel mehr die, welche den Überfluss der Gnade und der Gabe der Gerechtigkeit empfangen, im Leben herrschen durch den einen, Jesus Christus. Wie es nun durch eine Übertretung für alle Menschen zur Verdammnis kam, so auch durch eine Gerechtigkeit für alle Menschen zur Rechtfertigung des Lebens.“

„Alle bedeutet alle“ sagen die Vertreter der Allversöhnung: „für alle zur Rechtfertigung des Lebens“. Die Preisfrage ist: Meint „alle“ wirklich „alle ohne Ausnahme“? Das ist in der Regel nicht der Fall. Sowohl im biblischen Sprachgebrauch als auch in unseren eigenen Sprachgepflogenheiten verwenden wir „alle“ als Bezeichnung einer Gruppe, die aus bestimmten Gründen gemeint ist. Ich stehe z. B. vor einer Klasse und sage: „Alle Schüler sollen ihre Aufgaben bis nächsten Mittwoch abgeben.“ Wer sind „alle Schüler“? Nur die in meiner Klasse, nicht alle Schüler dieser Welt. Obwohl ich diese Einschränkung nicht genannt habe, sind aus logischen Gründen nur die Schüler meiner Klasse gemeint. Wenn vom römischen Kaiser gesagt wird, dass er „alle Welt“ (LÜ) schätzen ließ, versteht jeder Leser, dass „alle Welt“ das römische Reich betrifft, mehr nicht. Das verstehen wir, auch wenn Lukas das nicht abgrenzt.

Und wie ist das im Römer-Text? Genauso. Die Sünde hat von Adam ausgehend alle Menschen, ausnahmslos alle, mit den Folgen der Sünde infiziert. Die Rettungsabsicht Gottes zielt genau auf diesen Personenkreis, eben auf alles, was Mensch heißt. Damit ist noch nicht gesagt, dass die Rettungsabsicht bei allen zum Ziel kommt. Zum Ziel kommt diese Rettungsabsicht bei denen, auf die ein bestimmtes Kriterium zutrifft. Das Kriterium wird nicht direkt im Vers genannt, aber ein paar Verse davor und im ganzen Römerbrief mehrfach: Das Kriterium ist der Glaube. „Da wir gerettet worden sind aus Glauben …“, beginnt das 5. Kapitel. Bei anderen, die die gleiche Botschaft hörten, aber nicht glaubten, wird das vollbrachte Rettungswerk nicht wirksam. Das ist die Lehre der ganzen Heiligen Schrift. Nachdem Paulus darüber so oft geschrieben hat, muss er im Vers 18 nicht noch einmal erwähnen, dass der 20 Zeilen vorher geschriebene Satz immer noch gilt.

Bewertung

Um es auf den Punkt zu bringen: Die Lehre der Allversöhnung klingt gut. Vielleicht liegt darin ihre Lebens- und Anziehungskraft. Ihre Vertreter haben oft ein leicht elitäres Selbstverständnis, weil sie meinen, himmlisches Licht für ein Geheimnis zu haben, in dem die durchschnittliche Christenheit im Dunkeln tappt.

Allerdings fehlt der Lehre das, was für eine wichtige biblische Lehre unverzichtbar ist: eine eindeutige, klare Aussage der Heiligen Schrift. Sie gründet sich vielmehr auf menschliche Empfindungen und gewagte Schlussfolgerungen. Auf lediglich „einfachen und geheiligten Schlussfolgerungen“ – wie es ein Vertreter der Allversöhnungslehre selbst einmal nannte –, kann und darf eine christliche Lehre mit diesem Gewicht nicht stehen. Dieser Weg ist für Irrtümer viel zu anfällig. Deshalb ist die Allversöhnungslehre keine biblische Lehre.