Gemeindegründungs-Modelle (2): Tochtergemeinden

Sören Kierkegaard gebrauchte einmal folgendes Bild: „Die Christen leben wie die Gänse auf einem Hof. An jedem siebenten Tag wird eine Parade abgehalten, und der redegewandteste Gänserich steht auf dem Zaun und schnattert über das Wunder der Gänse. Er erzählt von den Taten der Vorfahren, die einst zu fliegen wagten, und lobt die Gnade und Barmherzigkeit des Schöpfers, der den Gänsen Flügel und den Instinkt zum Fliegen gab. Die Gänse sind tief gerührt, senken in Ergriffenheit die Köpfe und loben die Predigt des redegewandten Gänserichs. Aber eines tun sie nicht: Sie fliegen nicht, denn das Korn ist gut, und der Hof ist sicher.

Ist das nicht auch unsere Gemeindesituation trotz aller lobenswerten evangelistischen Einsätze? Die Zeit der Abenteuer, wie sie unsere Pionierväter in den Anfängen erlebten, ist leider lange vorbei. Die meisten Gemeinden leben für sich selbst, pflegen nur sich selbst und betreuen zu 95 Prozent nur sich selbst. Wann beginnen wir wieder zu „fliegen“? Warum gibt es in Mitteleuropa so viele etablierte Gemeinden, die bereits ihr 20., 30. oder 50. Gründungsjubiläum gefeiert, aber noch nie eine Tochtergemeinde ins Leben gerufen haben? Tochtergemeinden – die vergessene Möglichkeit? Dabei spricht so Vieles dafür …

I. Argumente für Tochtergemeinden

1. Ein Argument aus der Natur

Donald McGavran gebrauchte immer wieder ein Lieblingsbeispiel: „Was ist die wahre Frucht eines Apfelbaums? Ein Apfel? Falsch! Die wahre Frucht eines Apfelbaums ist nicht ein Apfel, sondern ein weiterer Apfelbaum.“ Das stimmt. Wenn die wahre Frucht ein Apfel wäre, dann hätte Gott sicherlich kernlose Äpfel geschaffen. Aber Gott richtete es so ein, dass Bäume Samen werfen, und weitere Bäume entstehen können. Wir erkennen in der Natur ein Prinzip: Eine Pflanze wird nicht unendlich groß, sondern sie bringt weitere Pflanzen hervor, die wiederum weitere Pflanzen hervorbringen.

Noch einmal zurück zum Apfelbaum. An einem Baum können einzelne Äpfel wachsen. Das ist gut. Es können vielleicht auch ganz neue Äste an ihm wachsen vielleicht mit vielen neuen, schönen Äpfeln. Aber das Maximalziel wäre erst erreicht, wenn neue Apfelbäume entstehen würden … das heißt, neue Gemeinden.

2. Ein Argument aus der Soziologie

  1. „Eine Gemeinde kann in der Regel nur ihr näheres Umfeld evangelistisch erreichen. Gäste scheuen in der Regel zu große Anfahrtswege“ (Ernst Maier, Handbuch für Gemeindegründung, S.134). Die Glieder vieler Gemeinden wohnen geographisch weit verstreut. Es wäre wünschenswert, wenn eines Tages wenigstens in den benachbarten Stadtteilen, Städten oder großen Dörfern Gemeinden entstehen könnten.
  2. Die Stadtteile einer Stadt verstehen sich oft als „soziologische Einheit“, besonders dann, wenn sie früher einmal selbständig waren. In Mannheim sprechen die Einheimischen heute noch von den „Käfertälern“, „Wallstädtern“ oder „Feudenheimern“, obwohl diese Stadtteile z.T. schon hundert Jahre zu Mannheim gehören. Erfahrungen aus Großstädten zeigen, dass es sehr gut ist, in solchen in sich geschlossenen Stadtteilen Gemeinden zu gründen.

3. Ein Argument der Vernunft

Gemeinderäumlichkeiten haben meistens nur ein begrenztes Fassungsvermögen. In Mannheim, Edisonstraße, überschritten wir z.B. an vielen Sonntagen die für unser damaliges Gebäude zugelassene Personenzahl von 70 Personen (inkl. Kinder). Gerade in Städten und Großstädten kann es bei den gegenwärtigen Immobilien- und Mietpreisen sehr unweise sein, größere Räume anzumieten oder gar zu erwerben. Die vernünftigere Lösung ist die Gründung von Tochtergemeinden.

4. Ein Argument aus der Praxis

In länger bestehenden Gemeinden kommt es (leider) oft vor, dass nicht mehr alle Gläubigen ihre Gaben einsetzen können. Irgendwann sind die vorhandenen Aufgaben verteilt. Wenn dann die Gemeindeleitung versäumt, ein Rotationsprinzip einzuführen (z.B. unter den Sonntagsschulmitarbeitern), sind die neu Hinzukommenden zum Konsumentenchristentum verurteilt.

Strebt die Gemeinde hingegen zum geeigneten Zeitpunkt eine Zellteilung an, wird „müßig stehen“ (Mt 20,6) vermieden. Die Tochtergemeinde braucht jede Menge Mitarbeiter, um die vielfältigen Dienste aufzubauen. Und auch die Mutter muss neue Arbeiter rekrutieren, um die entstandenen Lücken zu füllen.

Fazit: Es gäbe deutlich weniger Konsumentenchristentum, wenn die Megagemeinden-Illusion aus unseren Köpfen verschwinden würde.

5. Ein Argument aus der Schrift

Das gesamte Neue Testament zeigt, dass die örtliche Gemeinde keinen Selbstzweck besitzt. Das übergeordnete Ziel ist das Reich Gottes. Die Ortsgemeinde ist lediglich Werkzeug dieses Reiches. Es ist wie in einer Familie: Die Familie hat keinen Selbstzweck, die übergeordnete Kategorie ist die Gesellschaft. Darum dürfen Eltern ihre Kinder nicht lebenslang an sich binden, sondern sie führen sie zur Selbständigkeit und lassen sie eines Tages ziehen, um neue Familien zu gründen.

Eine Gemeinde, die dieses Prinzip verstanden hat, wird danach streben, Ableger zu bilden. Auf diese Weise kann an einem anderen Ort ein neues Zeugnis entstehen. Neue Gemeinden erreichen neue Leute. Das Reich Gottes wird ausgebreitet.

II. Standardeinwände gegen Tochtergemeinden

1. „Wenn eine Gemeinde ein neues Gemeindegründungsteam aussendet, dann wird die Muttergemeinde unter Umständen zu stark geschwächt …“

Ja, das kann passieren. Und es passierte in der Praxis leider immer dann, wenn offensichtlich zu früh geteilt wurde. Darum kann ich hier gar nicht oft genug betonen, dass der Zeitpunkt für die Geburt der Tochtergemeinde reif sein muß. Bestimmte Grundvoraussetzungen müssen unbedingt erfüllt sein.

Aber auch dann bleibt eine Gemeindezellteilung ein Glaubensschritt, der im bewußten Vertrauen auf Gottes Verheißungen hin getan werden sollte. In Apg 13,1-3 berichtet Lukas, dass die Gemeinde in Antiochia (heutiges Syrien) verschiedene Propheten und Lehrer hatte: Barnabas, Simon, Lucius, Manaen und Saulus. In einer besonderen Einkehrzeit zeigte jedoch der Heilige Geist der jungen Gemeinde, dass sie Barnabas und Saulus entlassen sollte. So geschah es. Die besten „Pferde“ verließen den „Stall“. Doch Gott war treu. Als Paulus und Barnabas von der ersten Missionsreise nach Antiochia zurückgekehrt waren, „lehrten und verkündigten (sie) mit noch vielen anderen das Wort des Herrn“ (Apg 15,35).

Ein amerikanischer Bruder schrieb folgendes: „Der Maßstab sollte nicht an die Sitzplatzkapazität einer Gemeinde angelegt werden, sondern an ihre Sendungskapazität. Das Ziel unserer Gemeinde ist nicht die Aufrechterhaltung des Status quo. Wir wollen Mitarbeiter und Leiter vervielfältigen.“ Und weiter: „Als die Gemeinde eine bestimmte Größe erreicht hatte, erkannten wir die Zeit, Tochtergemeinden zu gründen. Wir begannen 1995 mit einer Gründungsarbeit in einer Nachbargemeinde. Indem wir gehorsam waren und einige unserer besten Leiter sowie finanzielle Mittel an sie abgaben, war Gott treu im Versorgen der Muttergemeinde. Heute sind unsere Veranstaltungen mehr als doppelt so gut besucht wie vor fünf Jahren, und unsere Finanzen solider als je zuvor.“

Gott segnet echte Glaubensschritte!

2. „Wenn eine Gemeinde ein neues Gemeindegründungsteam aussendet, dann wird die vertraute Gemeinschaft mit den ausgesandten Geschwistern zerbrochen …“

Das wäre dann der Preis, der für eine neue Gemeinde dieser Art bezahlt werden müsste. „Mutterfreuden“ und „Geburtsschmerzen“ gehören eben untrennbar zusammen. Überhaupt geht im Reich Gottes gar nichts ohne Opfer. Wenn Gott nicht sein großes Opfer gebracht hätte, gäbe es die Gemeinde Jesu Christi nicht.

Doch man sollte auch hier nicht übertreiben. Sicherlich können sich miteinander verbundene Christen nach einer Gemeindeteilung nicht mehr so häufig begegnen wie vorher. Aber die Gemeinschaft muss deswegen nicht zerbrechen. Besonders dann nicht, wenn Mutter- und Tochtergemeinde auch nach der Teilung weiterhin harmonisch zusammenarbeiten.

Noch etwas fiel mir in diesem Zusammenhang auf. Wenn Gemeindeglieder aus beruflichen Gründen an einen anderen Ort ziehen, wird das viel leichter akzeptiert. Warum eigentlich? Der treue Herr möge uns vor einem scheinfrommen „Gemeinde-Egoismus“ bewahren! Letztlich gilt in allen Belangen der Grundsatz: „Geben ist seliger als Nehmen“ (Apg 20,35).

III. Vor- und Nachteile einer Gemeindezellteilung

Es gibt verschiedene Modelle der Gemeindegründung. Da ist z.B. das „Pioniermodell“, das „Missionsteammodell“ oder das „Zellteilungsmodell“. Jedes hat Vor- und Nachteile.

1. Wo liegen die Vorteile einer Mutter-Tochter-Gemeindegründung?

  1. Die Muttergemeinde gibt einen Teil ihrer Glieder an die neue Arbeit ab. Somit ist von Anfang ein gewisser Grundstock vorhanden. Unter Umständen gibt sie sogar erfahrene Leiter und Mitarbeiter an die Tochterarbeit ab. Das ist wohl der Grund, warum solche Gründungsarbeiten im Vergleich zum Pioniermodell in der Regel viel schneller wachsen.
  2. Die Muttergemeinde trägt bis zum Selbständigwerden die (letzte) Leitungsverantwortung für das neue Projekt. Auf diese Weise ist eine Lehrkontinuität in hohem Maße gewährleistet.
  3. Die Muttergemeinde gewährt jede erdenkliche Unterstützung, sei es in personeller, materieller oder finanzieller Form. Das ist zu Beginn einer Gemeindeaufbauarbeit ein unschätzbarer Vorteil.
  4. Schwächen und Krisen in der Gründungsphase können von der Muttergemeinde aufgefangen, zumindest aber abgemildert werden.
  5. Der Ablösungsprozess kann durch gute Kommunikation zwischen Mutter und Tochter sehr individuell gestaltet werden.
  6. Das Gründungsteam kann den Rahmen der Muttergemeinde samt Veranstaltungen und Infrastruktur noch solange nutzen, bis die Tochterarbeit schrittweise eigene Strukturen aufgebaut hat.
  7. Die Muttergemeinde gewinnt durch den „Aderlass“ Platz und neuen Freiraum zu wachsen. Sie wird neu herausgefordert, Mitarbeiter und Leiter zuzurüsten.
  8. Es kommt sogar vor, dass zwei oder drei Gemeinden Glieder für ein gemeinsames Gründungsprojekt abgeben. Craig Ott bezeichnet das als „Multi-Mutter-Gemeindegründung“. Dieser uneigennützige Reich-Gottes-Blick ist allerdings fast so selten wie die Blaue Mauritius.

2. Wo liegen potentielle Nachteile oder Probleme?

  1. Die Muttergemeinde kann versucht sein, dem Gründungsteam der Tochterarbeit zu viel und zu stark dreinzureden.
  2. Die Muttergemeinde kann versucht sein, bei Abweichen von ihrer Linie den Geldhahn zuzudrehen oder andere Formen der Unterstützung zu verweigern. Abhängigkeit kann ausgenutzt werden.
  3. Die Muttergemeinde kann das „Kind“ verwöhnen, so dass die neue Gemeinde nicht auf die eigenen Beine kommt.
  4. Wenn nicht möglichst die gesamte Muttergemeinde entlassend und helfend hinter dem Gründungsprojekt steht, kann aus der homogenen Zellteilung eine Abspaltung werden.
  5. Unzufriedene Gläubige, die mit ihren Vorstellungen nicht durchkommen, flüchten sich manchmal in ein solches Gründungsteam, um dort ihre eigenen Ideen besser verwirklichen zu können.
  6. Ein Kind kann Krankheiten von der Mutter erben. So können sich lehrmäßige Schwächen oder Streitlust von der einen auf die andere Gemeinde „vererben“.
  7. Wenn sich die Glieder der neuen Gemeinde vom Herrn anders geführt sehen als die Muttergemeinde, kann es große Spannungen geben. Zu starker Konformitätsdruck wird früher oder später Probleme hervorrufen.

Vor diesen Nachteilen oder Problemen dürfen wir nicht die Augen verschließen. Aber sie sind allesamt nicht unüberwindlich. Es gilt hier wie so oft: Erkannte Gefahr ist (ein ganzes Stück weit) gebannte Gefahr.

IV. Worauf bei der Gründung von Tochtergemeinden zu achten ist

  1. Die Muttergemeinde muss samt ihrer Leitung hinter dem Projekt stehen. Sonst gibt es statt einer Zellteilung eine Gemeindespaltung.
  2. Die Muttergemeinde sollte in ausreichendem Maß durch Lehre, Predigt und Bibelarbeiten auf das Entlassen der Gemeindeglieder vorbereitet werden. Im Idealfall sollte es die Muttergemeinde als großes Vorrecht ansehen, zur Gründung einer neuen Zelle beitragen zu dürfen.
  3. Der ganze Prozess sollte langsam und unter viel Gebet geschehen. Was aus dem Ärmel geschüttelt wird, ist ärmlich. Was übers Knie gebrochen wird, zerbricht vielleicht später wieder. Keine Gemeinde ist so geistlich, dass ihr die räumliche Trennung von einem Teil der Geschwister nichts ausmachen würde. Gesunde Ablösung braucht Zeit, Ermutigung und vor allem Gebet. Sie gelingt nur, wenn sie geistlich geschieht.
  4. Beide Gruppen sollten die Kosten gut und nüchtern überschlagen. Die entlassende Gemeinde verliert zunächst einmal Gemeindeglieder, Mitarbeiter, evtl. Leiter und auch Spenden. Weil das so ist, sollte die Muttergemeinde gefestigt sein und m.E. auch an Zahl über die Hundertermarke gewachsen sein. Ausnahmen bestätigen auch hier nur die Regel. In größeren Städten kann eine zahlenmäßig stärkere Gemeinde mehr Dienstbereiche aufbauen; z.B. eine gemeindebezogene Studentenarbeit, verschiedene Formen der Randgruppenarbeit, etc.

Das Gründungsteam hingegen muss gut überlegen: Haben wir genügend Mitarbeiter, in der gottesdienstlichen Versammlung, in der Sonntagsschule, in der evangelistischen Arbeit und in anderen wichtigen Bereichen? Haben wir einen geeigneten Versammlungsraum samt Nebenräumen? Was sind unsere letzten Motive? Geht es uns um das Zeugnis Jesu am neuen Ort?

Judäa und Samaria

Der Herr Jesus gab seinen Jüngern den Auftrag, seine Zeugen zu sein, in Jerusalem, in Judäa und Samaria und bis an das Ende der Erde (Apg 1,8). Viele Gemeinden wirken in ihrem „Jerusalem“ und unterstützen auch die weltweite Missionsarbeit. Aber kann es sein, dass wir unser „Judäa und Samaria“ vergessen? Kann es sein, dass unser Nachbarstadtteil oder der zehn Kilometer entfernt gelegene Ort noch keine biblisch ausgerichtete Gemeinde besitzt?

Ich möchte zukünftig mehr dafür beten und mich mehr dafür einsetzen, dass Tochtergemeinden entstehen, und dass vielleicht sogar einige „ältere Damen“ noch Mutterfreuden erleben dürfen.

Gemeindegründung ist Ausführen des Auftrages Jesu. Beginnen wir doch wieder zu „fliegen“, obwohl das Korn gut und der Hof sicher ist!