Freude! Denn Gottes Geist weht, wo er will …

Das ist es, was jeder Christ gern erlebt: Gottes Geist in Aktion. Der Wunsch danach ist so groß, dass manche am liebsten nachhelfen wollen und den Geist Gottes zu bestimmten Uhrzeiten zur Arbeit einbestellen, etwa zu einem Heilungsgottesdienst, und ihm mit bestimmten Methoden, etwa der richtigen Musik und der passenden Eventstimmung, Beine machen. Aber er wirkt, wo er will und wie er will.

Die Person des Geistes hat einen Willen, der mit dem von Gott und Jesus ganz und gar übereinstimmt. Er lässt sich bitten, aber nicht kommandieren und auch nicht manipulieren.

Aber warum scheint es oft so, dass der Heilige Geist bei anderen so spektakulär eingreift, während das eigene Leben als Christ so langweilig und gewöhnlich erscheint, dass man denken könnte, da sei gar kein Heiliger Geist, oder jedenfalls würde er bei mir schon länger Pause machen? – Als meine Kinder klein waren, ging ich gern mit ihnen in den Wald, und während sie herumliefen und es ihnen bald langweilig wurde, entdeckte ich ständig etwas Neues. Hier krabbelte ein bunter Käfer, dort wuchsen leckere Beeren, hier waren Spuren einer ganzen Wildschweinfamilie und dort stand ein Reh versteckt im Gebüsch. Meine Kinder waren am gleichen Ort, aber sie sahen die Dinge nur, wenn ich ihnen die Augen dafür öffnete. Dass der Heilige Geist heute überall wirkt, wo Christen sind, und auch darüber hinaus, steht außer Zweifel, aber vielen fehlt die Perspektive dafür.

Versuchen wir also, unsere Augen zu schulen, damit wir das lebendige Wirken des Geistes Gottes auch wahrnehmen!

1. Das wahre Leben ist kein biografischer Roman

Hört man die Geschichten von manchen Predigern oder liest die Biografien von bekannten Leuten aus dem Reich Gottes, kann man leicht den (fehlerhaften) Eindruck bekommen, als ob deren Leben jeden Tag oder mindestens jede Woche vom besonderen Eingreifen des Heiligen Geistes geprägt war. Das stimmt aber nicht! In jedem Leben gibt es vor allem ganz gewöhnliche Tage mit Aufstehen, Zähneputzen, Arbeiten, Aufräumen und Schlafengehen. Auch der größte Teil des Lebens von Jesus Christus war davon geprägt, nämlich mehr als 30 Jahre. Beim Wirken des Paulus war es nicht anders. Er saß jahrelang im Gefängnis, ohne das sich plötzlich die Gefängnistore öffneten oder ihm ein Engel erschien. Und auch sonst waren sicher nicht wenige Tage von langen Fußmärschen, der Arbeit als Zeltmacher und den üblichen Verrichtungen geprägt, die zum Leben jedes Menschen gehören.

Es ist genauso irreführend, das wahre Leben in den Höhepunkten zu suchen, wie anzunehmen, dass der Heilige Geist nur da ist, wenn es spektakulär wird.

Die Suche und Sehnsucht nach dem Besonderen ist geeignet blind dafür zu werden, wo der Geist auch weht. Denn sein Wehen kann genauso ein Sturm wie ein Hauch sein, meistens aber ist es eben das stille, sanfte Wehen (1Kö 19,11-13). Aber die falsche Ausrichtung kann auch leicht zur Verführung benutzt werden, um uns mit viel Tamtam vom tatsächlichen Wirken des Geistes wegzulocken.

2. Freude an der Rettung

Das Volk Israel wurde über viele Jahre in der Wüste mit Manna, Brot vom Himmel, versorgt. Das war anfangs spektakulär, aber bald gewöhnlich und sogar langweilig und Anlass zum Meckern. Das Wunder war aber am ersten Tag das gleiche wie nach einem Jahr oder nach 30 Jahren. Aber man konnte es vergessen, und das ist gefährlich für unseren Glauben (vgl. 5Mo 8). So geht es vielen Christen mit dem Wunder ihrer Errettung. Sie vergessen, dass sie von den Toten auferweckt wurden und jeder Tag des Lebens als Christ ein Zeugnis davon ist: „Ich war tot in Sünde, aber jetzt lebe ich durch den Glauben“ (vgl. Eph 2,4-9). Das war ein Wirken des Geistes an mir, ich bin neugeboren! Klar, dass wir nicht jeden Atemzug des neuen Lebens dankbar feiern. Aber das geringzuschätzen, wofür Jesus mit seinem Leben bezahlt hat, ist gefährlich und undankbar. Kannst du glauben, dass du ein Kind Gottes bist? Dann bewirkt das in diesem Moment der Heilige Geist (Röm 8,16). Das ist mehr als ein tolles Erlebnis oder das wechselhafte Gefühl der Nähe Gottes.

3. Mitfreuen am Leib des Christus

Paulus hält es für normal, dass am Leib Christi Freude und Leid geteilt werden. „Wenn ein Glied leidet, leiden alle anderen mit, und wenn eins besonders geehrt wird, freuen sich die anderen mit“ (1Kor 12,26). Gerade heute leben wir mit einer Informationsdichte, auch im Hinblick auf das, was Gott weltweit mit seiner Kirche tut, dass wir aus dem Freuen gar nicht mehr herauskommen dürften, z. B. darüber, dass Gott in China spektakulär seine Gläubigen nicht nur bewahrt, sondern Gemeinde gebaut hat. Ich freue mich riesig, dass im Iran trotz des Drucks des Mullah-Regimes Gemeinden entstanden sind, Menschen zum Glauben fanden und immer wieder wunderbare Bewahrung erleben. Ich bin Glied am Leib, zu dem auch diese Christen gehören. Ich bin nicht unmittelbar dabei, und vielleicht erscheint mir mein Leben langweiliger. Aber das wäre eine Missachtung der Tatsache, dass all diese Dinge und noch viel mehr dem einen Leib passieren, an dem ich auch Glied bin, und Christus ist das Haupt. Mir muss der Heilige Geist dann wohl noch mehr beibringen, dass ich mich richtig mitfreuen kann, wenn irgendwo Menschen zum Glauben kommen, Gemeinden wachsen, Christen Bewahrung erleben usw.

4. Augen auf!

Seit einiger Zeit erscheint mir mein Leben in geistlicher Hinsicht sehr spannend, und das liegt daran, dass ich mir im Laufe der Jahre meines Glaubens angewöhnt habe, die Dinge immer wieder unter einer bestimmten Perspektive anzuschauen. Ich gehe durch mein Leben mit der Frage, wo und wie das Evangelium von der Errettung durch Jesus wirkt: Besuche ich einen kranken Menschen, dann bete ich nicht zuerst um seine wunderbare Heilung. Ich frage mich, ob in dieser Situation, vielleicht im Angesicht des Todes, das Evangelium Kraft haben wird. Kann es den Menschen trösten? Hat die Botschaft auch am Bett eines Sterbenden Kraft? Stimmt, was in der Bibel steht, wenn eine Ehe in die Brüche zu gehen droht? Wirkt die Kraft der Vergebung, wenn sich ein Mensch in schlimme Schuld verstrickt hat? Ich stecke dann nicht mutlos den Kopf in den Sand, sondern will wie ein Insektenforscher mit der Lupe in jeder Situation genau hinschauen, ob die Botschaft bestehen kann. Ich werde nicht enttäuscht, sondern mache regelmäßig die Erfahrung, dass ich die Kraft des Evangeliums in immer wieder neuen Situationen des menschlichen Lebens wahrnehme. Die Kraft des Evangeliums aber ist die Wirkung des Heiligen Geistes (Röm 1,16; Eph 1,18-20).

5. Gottes Geist in meinem normalen Leben

Ich könnte auch einige spektakuläre Ereignisse des Wirkens Gottes aus den letzten 55 Jahren erzählen, und manchmal mache ich das auch. Aber inzwischen begeistern mich andere Beobachtungen in meinem normalen Leben viel mehr: Gottes Geist hat mir zum Beispiel eine ziemlich gute Fähigkeit geschenkt durchzublicken. Selten können mich Menschen täuschen. Ich freue mich darüber. Es hat mich vor vielen Lügnern und Blendern – auch christlichen – bewahrt. Aber worüber ich mich noch mehr freue und auch wundere, ist, dass ich die Menschen trotzdem lieben kann. Ich bilde mir darauf nichts ein. Ich halte es für ein Wunder des Heiligen Geistes. Eigentlich müsste ich ein Misanthrop sein, also jemand, der nicht mehr gut auf Menschen zu sprechen ist, weil die doch alle schlecht sind; aber zur Frucht des Geistes gehört Liebe, die glaubt und erträgt und das Böse zudecken will. Schaue ich in meine Familiengeschichte, dann sehe ich über Generationen viel Böses, Schuld und schlimmes Scheitern. Und dann wundere ich mich und bin dankbar, dass es Gottes Geist war und ist, der mir ein anderes Leben ermöglicht hat. Manchmal überlege ich kurz, um mich zu testen, ob ich das Leben eines anderen haben will – vielleicht mit mehr Reichtum, Ansehen und Erfolg. Aber ich komme sehr schnell dahin zurück, auch wenn ich mir vielleicht die eine oder andere Rosine aus dem Leben eines anderen wünschen könnte, dass Gott mir doch „ein schönes Erbteil“ zugemessen hat. Ich will mit niemandem tauschen! So könnte ich weitermachen und fasse das so zusammen:

Der Geist hat mir aus dem Glauben an Christus eine tiefe innere Freude geschenkt, die auch Situationen der Angst, der Sorge, des Ärgers und des Versagens nicht zerstören können.