Das Problem mit dem Schubladendenken

In dieser Diskussion die Namen berühmter Gelehrter zu erwähnen bringt uns zu einer der Haupt-Schwierigkeiten der Debatte. Für viele Menschen geht es am Ende nur darum, jemanden mit dem Etikett Calvinist oder Arminianer versehen zu können (oder auch Reformierter, Molinist …). Ich behaupte jedoch, dass genau dieses Schubladendenken einen großen Teil des Problems ausmacht, das besser früher als später angesprochen werden muss, wenn überhaupt eine produktive und vernünftige Diskussion zustande kommen soll. Die Menschen neigen dazu, andere und sich selbst in Schubladen zu stecken; und auch theologisch Interessierte bilden dort keine Ausnahme. Als direktes Beispiel dafür nehme ich an, dass manche meiner Leser bereits versuchen, mich in eine bestimmte Schublade zu stecken, sagen wir mit der Bezeichnung „Calminianer“.

Dann werden Sie sich allein aufgrund dieser Begriffe eine Meinung über die Dinge bilden, die ich schreibe, oder sich fragen, ob Sie überhaupt weiterlesen sollen. Ich möchte Sie höflich bitten, dies nicht zu tun. Lassen Sie mich erklären, warum.

Vor vielen Jahren, als ich eine Stelle an einer Universität annahm, bekam ich Besuch von einigen meiner Mit-Akademikern, die auch Christen waren, offenbar ein Willkommensbesuch. Während des Gesprächs wurden zwei Dinge deutlich. Sie wollten mir eine Frage stellen, wussten aber nicht recht, wie sie sie formulieren sollten. Am Ende rückten sie damit heraus: „Sind Sie Calvinist?“

„Sie stellen mich vor große Schwierigkeiten“, antwortete ich. „Inwiefern? Denn das ist das Letzte, was wir wollten!“ „Nun“, sagte ich, „wenn ich an Calvin denke, dann denke ich an jemanden, der einen riesigen Einfluss auf die europäische Kirche hatte und die zentrale Bedeutung der Heiligen Schrift verfochten hat. Der Wert allein dessen ist unschätzbar. Wie Sie sich vorstellen können, bin ich ebenso tief mit anderen Theologen der Vergangenheit verbunden – Wycliffe, Tyndale, Luther und vielen anderen Koryphäen, bis hin zu den frühen Kirchenvätern und den Aposteln selbst. Ich habe viel von ihnen gelernt und tue dies auch weiterhin, und viele meiner Freunde würden sich selbst als Calvinisten oder Lutheraner beschreiben.

Wenn ich jedoch die lange Liste der bedeutenden Menschen begutachte, denen ich mich verpflichtet fühle, und mich entscheiden müsste, mich nach einem von ihnen zu benennen, würde ich tatsächlich Paulus oder Petrus wählen. Ich denke nicht, dass Luther oder Calvin diese Wahl als eine Beleidigung auffassen würden.

Doch nun komme ich zu meinem Problem. Ich darf noch nicht einmal dieses tun, aus dem einfachen Grund, weil die Schrift es verbietet. Mit voller apostolischer Autorität stellt Paulus dar, dass wir nicht sagen sollen, dass wir des Paulus, Apollos oder Petrus sind. Wir sollen uns selbst nicht mit solchen Etiketten versehen oder in Schubladen stecken, selbst wenn sie mit den Aposteln verbunden sind. Wieso nicht? Paulus nennt den Grund sehr direkt und offen: ‚Ist der Christus zerteilt? Ist etwa Paulus für euch gekreuzigt, oder seid ihr auf den Namen des Paulus getauft worden?‘ (1Kor 1,13). Paulus ist von dieser Idee entsetzt.

Vielleicht verstehen Sie mein Problem. Nehmen wir an, ich wäre Calvinist. Wie würden Sie reagieren? Würden Sie auf dieser Basis Gemeinschaft mit mir haben? Wenn Sie es täten, würde ich Ihnen dieselbe Frage stellen, die Paulus stellte: Wurde Calvin für Sie gekreuzigt?

Nehmen wir auf der anderen Seite an, ich wäre kein Calvinist. Würde das die Möglichkeit unserer Gemeinschaft schmälern? Wenn ja, dann würde ich dieselbe Frage stellen: Wurde Calvin für Sie gekreuzigt? Oder wurden Sie auf den Namen Calvins getauft?

So sollten Sie nicht überrascht sein, dass ich Ihre Frage nicht so beantworten werde, wie Sie es erwartet haben. Ich bin jedoch mehr als bereit, darüber zu diskutieren, was die Bibel zu bestimmten Punkten zu sagen hat, und dann könnten wir alle etwas lernen.“

Aber dies taten wir nicht. Sie waren nur daran interessiert, mich in eine Schublade zu stecken, und waren gescheitert. Dies ist vielleicht die traurigste Sache. Gespräche über solche Bezeichnungen und Systeme werden oft geführt, ohne dass die Schrift auch nur erwähnt, geschweige denn diskutiert wird. Das Ziel ist die Etikettierung – jemanden in eine Schublade zu stecken. Nachdem sie einander in solche Schubladen gesteckt haben, scheitern die Beteiligten vollkommen daran, die entscheidende Frage anzusprechen: Was genau sagt die Schrift über die Themen, die hinter den Etiketten und Schubladen stehen?

Charles Simeon schrieb einst:

„Der Calvinismus ist ein System. Gott hat seine Wahrheit nicht in einem System offenbart; die Bibel hat kein solches System. Legt das System beiseite und flieht zur Bibel. Empfangt ihre Worte mit einfacher Demut und ohne einen Blick auf irgendein System. Seid Bibel-Christen und keine System-Christen.“

Es gibt einen weiteren Grund dafür, die Bezeichnungen des Calvinisten oder des Arminianers oder auch jede andere Bezeichnung abzulehnen. Paulus selbst deutet darauf hin, dass die grundsätzliche Ablehnung von Bezeichnungen eine noch viel weitreichendere Anwendung findet. Dies werden wir im weiteren Verlauf dieses Kapitels sehen. Es gibt beispielsweise Menschen, die sich selbst Calvinisten nennen, aber nicht mit allem übereinstimmen, was Calvin lehrte. Es gibt ebenso Menschen, die sich selbst nicht Calvinisten nennen würden, aber mit vielen Dingen übereinstimmen, die Calvin lehrte. Dasselbe Prinzip trifft auch auf Arminius, Luther, Augustinus, Whitefield, Wesley usw. zu.

Wir hören von Hyper-Calvinisten (es gibt mindestens vier verschiedene Arten, soweit ich es sagen kann), Neo-Calvinisten, wieder erstehende Calvinisten, Neo-Puritanern und klassischen Arminianern. Wir versuchen zu bestimmen, ob Arminianer semi-Pelagianer oder semi-Augustinianer sind und treffen sogar auf Mischungen von Calvinisten und Arminianern (zweifellos werden sie Calminianer genannt!).

Es gibt auch noch diejenigen, die meinen, dass sie ganz genau definiert haben, was sie oder andere glauben, indem sie sich selbst und andere mit Bezeichnungen abstempeln wie Calvinist, Hyper-Calvinist, Ultra-Calvinist, Arminianer, Reformierter, Neo-Reformierter oder sonstigen Bezeichnungen, die so herumschwirren.

Sie leiden unter der grob vereinfachenden und falschen Annahme, dass der Calvinismus und der Arminianismus zwei klar definierte Systeme sind, die einander völlig entgegengesetzt sind. Wenn also eines wahr ist, muss das andere falsch sein.

Ein wenig Reflektion wird jedoch zeigen, dass die Sache nicht so einfach sein kann. Wir können schließlich auch nicht den Polytheismus bekämpfen, indem wir die Lehre der Dreieinigkeit leugnen. Es gibt Nuancen, die beachtet und diskutiert werden müssen.

Aus diesem Grund ist solch ein Schubladendenken nicht hilfreich. Es mag sogar zu solch banalen, abwertenden Aussagen wie folgender kommen: „Du glaubst das, weil du Calminianer bist.“ Dies ist der sogenannte genetische Fehlschluss, der sich wahrscheinlich häufiger in Aussagen wie dieser findet: „Du glaubst das, weil du eine Frau, ein Ire, ein Banker, ein Konservativer usw.“ bist. Der Irrtum liegt in der Annahme, dass, wenn man eine kausale Erklärung für die besonderen Überzeugungen einer Person liefern kann, man deswegen diesen Überzeugungen jegliche Gültigkeit absprechen kann. Man hat jedoch den Wahrheitsgehalt dieses Glaubens noch nicht einmal untersucht. (…)

Wenn man zu diesen Themen Bücher liest, gewinnt man durch den ständigen Gebrauch von Schubladen den Eindruck, dass es dieses allumfassende System – dieses auserwählte theologische Paradigma – ist, was vielen Autoren am wichtigsten ist. Die größte Ironie besteht darin, dass eben diese Apostel, deren Schriften so systematisiert werden, aufs deutlichste solches Schubladendenken ablehnen. Das kann nur bedeuten, dass innerhalb der theologischen Sphäre irgendwo eine falsche Richtung eingeschlagen wurde. Wenn wir nun ein wenig detaillierter betrachten, warum Paulus diese Bezeichnungen nicht als eine „unschuldige Zweckmäßigkeit“ (wie jemand sie einmal genannt hat) betrachtete, wird deutlich werden, wie ernst diese Fehlentwicklung ist. (…)

 

Auszug aus dem Buch von John Lennox:
Vorher bestimmt? Die Souveränität Gottes, Freiheit, Glaube und menschliche Verantwortung.
(CV Dillenburg 2019) – erhältlich hier