Was ist das Evangelium?

Denkst du auch, du wüsstest die Antwort? Ich dachte das! Bis ich anfing, mich noch einmal neu mit diesem Thema zu beschäftigen! Ich las die gut 120 Bibelstellen, die die Wörter „Evangelium“ und „gute Botschaft verkündigen“ enthalten und studierte die Reden im Neuen Testament. Ganz erstaunt war ich darüber, was alles mit „Evangelium“ bezeichnet oder verknüpft wird! Was wir zu dieser schlichten Frage denken und sagen, hat Einfluss darauf, wie sich Menschen in unseren Gemeinden entwickeln und wie entspannt und hingegeben wir selber mit Gott leben. Es beeinflusst auch, was wir in Predigten, Gesprächen und Flyern weitergeben, was wir von Gott erwarten, wofür wir unser Geld einsetzen und welche Aktivitäten wir auf unser Gemeinde- und Jugendprogramm setzen. Neugierig?

Das Evangelium „in verschiedenen Größen“

In diesem Artikel möchte ich das Evangelium mit Autos vergleichen. „Mehrspurig, mit eigenem Motor, selbstlenkend und zur Beförderung von Personen oder Frachtgütern“, so oder ähnlich lesen sich die Definitionen. Automatisch denken wir bei „Auto“ an etwas, womit z.B. eine Familie durch die Gegend fahren kann. Aber auch ein LKW fällt unter diese Beschreibung – und ebenso auch ein Kart.

Automatisch denken bei „Evangelium“ viele evangelikale Christen an die bekannten Heilstatsachen: „Gott liebt dich – du bist aber ein Sünder – Christus zahlte für deine Sünden – du wirst gerettet, wenn du um Vergebung bittest und ihn in dein Leben aufnimmst“. Eine Botschaft für die Verlorenen, eine, die sie rettet und in den Himmel bringt. Ist das „das Evangelium“?

Im Zentrum das Kreuz

Paulus konnte seine Botschaft sehr prägnant auf den Punkt bringen. „Wir predigen Christus als gekreuzigt.“ (1 Kor 1,23). Das „Evangelium“ von Paulus (V.17) ist das „Wort vom Kreuz“ (V.18) – gleichzeitig verzweifelter Tiefpunkt und souveräner Sieg. Am Kreuz wurde die Sünde entsorgt und der Teufel besiegt (Kol 2,14-15). An dieses Opfer des Herrn Jesus denken wir beim Abendmahl, auf dieser Grundlage haben wir eine neue Verbindung mit Gott (1 Kor 11,25). „Das Wort vom Kreuz ist denen, die verloren gehen, Torheit; uns aber, die wir errettet werden, ist es Gottes Kraft.“ (1 Kor 1,18; Rö 1,16f; 2 Thes 2,14; Heb 2,3) Das Evangelium redet deutlich von Gottes Gerechtigkeit und Zorn (Rö 1,17-18), vom Gericht (Lk 3,16-18) und der Verlorenheit des Menschen (Rö 3 u.v.a.). Auch wenn sich das eher nach „schlechter Nachricht“ anfühlt, so ist es doch unverzichtbarer Ausgangspunkt und Bestandteil der „guten Nachricht“. Paulus erklärt das systematisch im Römerbrief. So zeigt er z.B. in Kap. 3,21-26, dass die Rechtfertigung des Sünders mit dem Blut Jesu erwirkt wird. Am Kreuz, wo er dieses Blut für uns vergoss, legte Jesus mit seinem Opfer die Grundlage für die Versöhnung zwischen Gott und Mensch. Deswegen wunderte Paulus sich über die Galater, die „sich abgewendet hatten zu einem anderen Evangelium“ (Gal 1,6), obwohl er ihnen doch „Christus als gekreuzigt vor Augen gemalt“ hatte (Gal 3,1).

Das Kreuz, das Opfer des Herrn Jesus, ist offensichtlich unerlässlich und zentral, wenn es um Sündenvergebung, unsere Rettung und Zugang zu Gott geht. Es ist allein Gottes Werk und zeigt seine gewaltige Gnade (Apg 20,24). Es beschreibt, wie unser Heil „funktioniert“ – wie das geht, dass ein heiliger Gott einen sündigen Menschen in seine Familie aufnehmen kann. Dieses Evangelium redet von unserer himmlischen Hoffnung (Kol 1,5.23). Das ist gewaltig, was unser Herr da für uns getan hat; wir werden Gott in Ewigkeit darüber preisen!

Aber besteht die Botschaft des Evangeliums ausschließlich aus dem, was Gott getan hat?

… und die Antwort darauf

Der „Anfang des Evangeliums Jesu Christi“ (Mk 1) beinhaltete einen unmissverständlichen Aufruf zur „Buße zur Vergebung der Sünden“ (V.4). Johannes der Täufer rief Menschen dazu auf, sich von den Fehlern ihres bisherigen Lebens abzuwenden und Gott um Vergebung dieser Sünden zu bitten. Das sollten sie ganz entschieden tun und durch die Taufe und entsprechendes Verhalten (Lk 3,8) öffentlich zeigen. Diesen Aufruf zur Buße hörten die Menschen später auch von Jesus Christus (Mk 1,14-15) und dann auch von den Aposteln (Apg 2,38; 17,30; 20,21). „Im Namen Jesu muss Buße zur Vergebung der Sünden gepredigt werden allen Nationen“, so trug der Herr es seinen Jüngern noch kurz vor seiner Himmelfahrt auf (Lk 24,47). Ob vor oder nach dem Kreuz: Menschen sollten zu einer angemessenen Antwort auf das Problem ihrer Sünde herausgefordert werden. Das Thema können wir also auch heute nicht aussparen, wenn wir das Evangelium so weitergeben wollen, wie es uns im Neuen Testament gezeigt wird.

Damit wäre dann soweit alles geklärt, könnte man meinen. Sünden vergeben, vom Gericht gerettet, mit Gott versöhnt. Was will man mehr? Die bisher beschriebene Version ist wie ein Kart. Ein Kart kann einen Menschen ins Ziel bringen. So ein Mini-Auto erfüllt seinen Zweck – aber auf einem Kart denkt man hauptsächlich an sich selber und an das Ziel. So wie viele Christen – und da wird es zum Problem. Sie freuen sich über ihr Heil und sind sich gewiss, dass sie einmal bei Jesus sein werden. Und das war’s dann. Dienst an Geschwistern? Ein Herz für Verlorene? Anliegen für Gottes Reich? Fehlanzeige. Ihr Leben zeigt, dass ihr Evangelium recht klein ist – jedenfalls kleiner, als das von Jesus, Paulus und den ersten Christen. Denn in deren Verkündigung spielten zwei weitere Themenbereiche eine große Rolle, die wir heute oft nur nebenbei erwähnen: die Auferstehung und das Reich Gottes.

Jesus lebt …

Wenn es irgendetwas gab, das die Apostel bei jeder sich bietenden Gelegenheit unterstrichen, dann war es die Tatsache, dass sie den Auferstandenen gesehen hatten. Die Auferstehung von Jesus bestätigte die alttestamentlichen Prophezeiungen und die Gültigkeit des Kreuzes. Deswegen sollten die Hörer an ihn glauben. Und zwar als Retter und Richter. Die Apostel verstanden sich als „Zeugen der Auferstehung“ (Apg 1,22). Es mag uns überraschen, aber in den zwanzig Kapiteln der Apostelgeschichte, in denen sie Zeugnis ablegten oder predigten, wird das Kreuz längst nicht immer erwähnt (Apg 17.22 u.a.), kaum näher erläutert (Apg 10.13 u.a.) und den Hörern eher als Vorwurf entgegengehalten (Apg 2.3.7 u.a.) – die Auferstehung Jesu jedoch kommt fast immer vor und wird oft in ihrer Bedeutung erklärt oder auf die Hörer angewendet. Heißt das, das Geschehen am Kreuz wäre unwesentlich für sie gewesen? Natürlich nicht. Jedes Reden von Jesus als Retter ist unsinnig, ohne sein Opfer auf Golgatha verstanden zu haben. Aber Lukas und der Heilige Geist machten bei den Zusammenfassungen der jeweiligen Botschaften deutlich, dass es Gott nicht nur (durch das Kreuz) auf die Bewältigung der Vergangenheit als Grundlage für die Gemeinschaft mit Gott, sondern sehr auch (durch die Auferstehung) auf den tatsächlichen Beginn des neuen Lebens ankommt. Die Menschen sollten sich nicht nur „von diesen nichtigen Götzen (weg)“, sondern auch „zu dem lebendigen Gott (hin) bekehren“ (Apg 14,15), und zwar, um „dem lebendigen und wahren Gott zu dienen und seinen Sohn aus den Himmeln zu erwarten“ (1 Thes 1,9-10).

Die Evangeliumsverkündigung der Apostel blieb nicht beim Kreuz stehen (1 Kor 15,1-11). Die Menschen sollten sich dem lebendigen Gott gegenüber sehen und darauf angemessen reagieren. Und zwar nicht nur einmal am Anfang des Glaubenslebens. Paulus macht bei seiner Präsentation des Evangeliums im Römerbrief deutlich, dass wir „in Neuheit des Lebens wandeln“ werden, so „wie Christus aus den Toten auferweckt worden ist“ (6,4). Und „wenn ihr nun mit dem Christus auferweckt worden seid, so sucht, was droben ist, wo der Christus ist“ (Kol 3,1) – alle Hinweise auf unsere Identität in Christus, alle Anweisungen für Charakter und Sozialleben von Christen nicht nur in diesem Kapitel leiten sich von unserem Auferstandensein mit Christus ab und werden erst in dieser Kraft möglich (Phil 3,10).

Spätestens hier ist das „Kart“ des Evangeliums zum „Familienauto“ geworden. Es geht nicht mehr nur um mich und mein Heil. Der Auferstandene verändert mit seiner Gnade und Wahrheit mein Leben – und das wird Auswirkungen in meinem Umfeld haben!

… und regiert!

Christus macht unser erneuertes, Gott ehrendes Leben aber nicht nur möglich – er darf das sogar erwarten! Paulus predigte Christus nicht nur als gekreuzigt, sondern auch als Herrn (2 Kor 4,5) und König (Apg 17,7; 1 Tim 6,15). Er hörte nie auf, das Reich Gottes zu predigen (Apg 19,8; 28,23.31) und nannte es im gleichen Atemzug „das Evangelium der Gnade Gottes“ (Apg 20,24f). Er sprach dabei von dem unsichtbaren König (1 Tim 1,17), dessen Reich noch nicht von dieser Welt ist (Kol 1,13; 2 Tim 4,18), so wie der Herr Jesus selbst das auch getan hatte (Mt 10,7; Mk 1,14f; Joh. 18,36; Apg 1,3-8). Aber weil er nichtsdestotrotz Herrscher und König ist (Offb 1,5), fordert sein Evangelium natürlich auch Gehorsam (2 Kor 9,13; 1 Pe 4,17; Röm 10,16; 2 Thes 1,8; Heb 4,2.6).

Das ist eine Dimension des Evangeliums, die wir nicht unter den Tisch fallen lassen dürfen. Natürlich werden wir nicht anfangen, als Vorbedingung zur Errettung irgendwelche Werke zu erwarten. Aber wen wir auffordern, „Jesus aufzunehmen“ (Joh 1,12), muss wissen, dass man ihn nur ganz haben kann – der Retter ist auch gleichzeitig Herr und König. Wenn du diesen Teil auf später verschiebst, nimmst du dem Betreffenden die Chance, die Kosten realistisch zu überschlagen, und schaffst vermutlich in den meisten Fällen viel Frust – bei ihm, dem Herrn und dir selber.

Übrigens: Das Reich Gottes ist ein Phänomen, das sich durch die verschiedenen (Heils-) Zeitalter hindurch in unterschiedlichen Formen zeigte und gegenwärtig in der weltweiten Gemeinde Jesu sichtbar wird. Wenn Jesus, Paulus und die anderen Apostel vom Reich Gottes redeten, dann arbeiteten sie daran, dass Menschen gerettet, Jünger gemacht und Gemeinden gegründet wurden (1) – und das mit stetig wachsendem Radius. Wenn jemand in diesem, neutestamentlich klar bezeugten Sinn das „Evangelium vom Reich Gottes“ hört, versteht er sich plötzlich als Teil eines riesengroßen Unternehmens: Gott ist dabei, „sich aus den Nationen ein Volk zu nehmen für seinen Namen“ (Apg 15,7.14). Wir sind seine Botschafter dabei (2 Kor 5,18-20) und Teil der Vorbereitungen für Phil 2,10f und Offb 5.

Verstehst du, warum ich eingangs auf eine „LKW-Version“ des Evangeliums anspielte? „Das Evangelium“ scheint bei Gott doch eine ziemlich umfangreiche Sache zu sein und weitaus mehr zu betreffen als nur mich und meine Beziehung zu Gott. Und wir sind noch nicht fertig mit unseren Beobachtungen im Neuen Testament. Was ist das Evangelium?

Jesus

„Ihn (Christus) verkündigen wir“, sagt Paulus in Kol 1,27f schlicht. Auch Philippus predigte in Samaria „den Christus“ (Apg 8,5; s.a. 11,20). Das Evangelium war für sie eine Person: der Sohn Gottes. Die leibgewordene gute Nachricht! Wie überschreibt Markus seinen Bericht der Taten und Worte des Herrn Jesus? „Anfang des Evangeliums Jesu Christi“ (Mk 1,1). Auch die anderen Lebensberichte wurden schlicht „Evangelium nach …“ genannt. Alles, was Jesus tat und sagte, wie er lebte, litt und wieder auferstand – alles war Teil des Evangeliums. Trost, Gericht, Gemeinschaft, Gebote, Freundlichkeit, Entschiedenheit, die Beziehung zu Gott und zu Menschen – alles ist „gute Nachricht“ für uns. Paulus spricht einmal fasziniert von dem „Lichtglanz des Evangeliums von der Herrlichkeit des Christus, der Gottes Bild ist“ (2 Kor 4,4-5). Das Evangelium = alles über Jesus? Ja.

Das Wort Gottes

In Röm 16,25 setzt Paulus sein Evangelium mit dem seit ewigen Zeiten verschwiegenen und jetzt geoffenbarten Geheimnis gleich. In Kol 1,25 nennt er das gleiche schlicht „das Wort Gottes“ und fasst seinen Inhalt in den folgenden Versen zusammen mit „Christus in euch“. In 1 Tim 1,11 redet er von der „gesunden Lehre nach dem Evangelium …, das mir anvertraut worden ist“. Im Rückblick auf seine Arbeit in Ephesus betont er, „den ganzen Ratschluss Gottes verkündigt“ zu haben – so ist er seiner Aufgabe nachgekommen, „das Evangelium der Gnade Gottes zu bezeugen“ (Apg 20, 24.27). Das Evangelium = das ganze Neue Testament? Für Paulus schon. Sogar zusätzlich noch mit einem „neutestamentlichen Blick“ auf das Alte Bundesbuch. (Petrus sieht das ähnlich: 1 Pe 1,3-12.13-25.)

Und nun?

Nachdem unsere Vorstellung von „dem Evangelium“ nun gefühlt die Größe eines Autozugs erreicht hat, stellt sich die Frage, was wir damit machen. So tun, als wäre es kleiner? Nein, aber jeden mit der ganzen Fülle zu „erschlagen“, das fand auch Jesus unverträglich und verschob einiges auf später, wenn der Heilige Geist dann mal permanent in jemandem arbeiten kann (Joh 16,12f).

Ich schlage vor, wir dienen Menschen, wie Philippus das tat. Der hörte seinem Gesprächspartner zu und fand heraus, worüber er gerade nachdachte. Dann „fing er mit dieser Schrift (die der gerade las) an und verkündigte ihm das Evangelium von Jesus“ (Apg 8,35). Das klang anders als die Predigt des Petrus in Apg 2 oder die des Paulus in Apg 17. Aber es war Evangelium. Ein fragender Freund von dir mag tatsächlich jetzt die anfangs erwähnten Heilstatsachen brauchen – aber zeichne ihm auf jeden Fall ein realistisches Bild von Jesus! Eine entmutigte Schwester mag etwas vom Evangelium aus dem 2. Korintherbrief brauchen, ein befreundetes Ehepaar Epheser 5 – und Jesus. Wir alle – mit Gott unterwegs oder noch nicht – brauchen immer wieder die Erinnerung an das Kreuz und wie da Gottes Liebe und Gerechtigkeit zusammenfanden. Und an die Auferstehung und sein neues Leben in uns. Und dass er unser Herr ist. Und viel von seiner Gnade. Und erwähnte ich schon so ganz allgemein Jesus?

Du willst jemandem „das“ Evangelium sagen? Fang mal mit „etwas vom“ Evangelium an, das er jetzt verstehen kann. Und dann vertraue Gott, dass er weitermacht. Vielleicht durch dich. Gut, dass der Heilige Geist uns führen will!

 

Fußnote:

(1) Siehe dazu die Untersuchung „Das Reich Gottes – wie die Apostel es verstanden“

 

Zur Vertiefung:

  • Was ist das Evangelium? (Greg Gilbert, 3L Verlag)
  • Durst nach Gnade – Warum das Evangelium auch für Christen wichtig ist (Ruthie Delk, CV)
  • Die Bibel verstehen (Charles Ryrie, CV/CLV, S.378-382)
  • Biblische Dogmatik (Wayne Grudem, VKW/Arche Medien, S.783-797)