Trotz aller Warnungen?

Unter uns Christen gibt es Wegweiser und es gibt Warner. Es gibt Begründer (Pioniere) sowie Bedenkenträger. Warnungen sind normalerweise gut gemeint, aber oft weiß man nicht, wie man mit ihnen umgehen soll.

Bei einem Verbot ist klar, was von einem erwartet wird; da gibt‘s keine Diskussion. Aber eine Warnung ist kein Verbot. An manchem Vorgarten steht: „Warnung vor dem Hunde!“ Heißt das: Niemand darf je hier durchgehen? Natürlich nicht. Es ist lediglich eine Warnung. Wenn du das Grundstück trotzdem betrittst und Flöhe kriegst, bist du selber schuld. Man hatte dich gewarnt. Eine Warnung lenkt die Aufmerksamkeit auf ein mögliches Risiko; wie man sich verhält, bleibt einem selbst überlassen.

Berechtigte und übervorsichtige Warnungen

Wenn Gott uns warnt, dann hat das seine Berechtigung. Immer. Seine Warnungen stehen meist in Verbindung mit seinen Geboten; z. B. rüttelt er seine Leute in Psalm 81,9-10 auf: „Höre mein Volk, ich will dich warnen. Israel, wenn du mir doch gehorchtest. Es soll kein fremder Gott bei dir sein …“. Warnungen von Menschen dagegen sind zwar auch oft berechtigt, können allerdings auch übervorsichtig sein. Sogenannte „Helikopter-Eltern“ warnen vor jeder kleinen Gefahr. Damit nehmen sie ihrem Nachwuchs die Chance, Probleme selbstständig zu lösen, etwas auszuhalten oder mit Konflikten umzugehen. „Helikopter-Eltern“ weil: Der Polizeihubschrauber kreist über einem Objekt, so wie jene Eltern, die ständig ihr Kind umschwirren.

Mit welcher Art von Warnung haben wir es in Apostelgeschichte 21 zu tun, wo der Apostel Paulus sowohl in Tyrus, als auch Cäsarea von Freunden zu hören bekommt: „Geh nicht nach Jerusalem hinauf!“ (21,4.12)? Zuvor hatte sich Paulus festgelegt: „Ich gehe nach Jerusalem“ (20,22-24). „Ich sterbe lieber, als jenseits meiner Berufung zu leben“ (nach 21,13b).

Anfang des Jahres gab es eine Sturmwarnung. Ich hatte das in den Nachrichten mitgekriegt und hätte besser unser Auto sicherer geparkt… Am nächsten Morgen klingelte es. Zwei aufgeregte Schülerinnen standen an unserer Haustür. Sie hatten gerade beobachtet, wie ein Baum von einer Sturmbö gepackt auf unseren Fiat krachte.

Wer auf Nummer sicher geht, kann eine Menge Ärger vermeiden. Aber Paulus geht es nicht zuerst um Sicherheit oder das Vermeiden von Ärger. Seiner Berufung hatte der Herr einst hinzugefügt: „Denn ich werde ihm zeigen, wie vieles er für meinen Namen leiden muss“ (9,16).

Couragiert bis in die Haarspitzen

Dass die Warnung von Paulus‘ Freunden berechtigt ist, das zeigen die Ereignisse im zweiten Teil von Apostelgeschichte 21. Paulus reist also nach Jerusalem. Dort ist man nicht gut auf ihn zu sprechen. Die alte Leier: Er würde den Abfall von Mose lehren usw. Paulus befindet sich gerade im Tempel, als eine aufgehetzte Menge über ihn herfällt wie eine Sturmbö. Sie werfen ihn zum Tempel raus und schlagen ihm mehrfach eine rein. Die hätten ihn umgebracht, wenn nicht in letzter Sekunde der Kommandant der römischen Garnison mit seinen Soldaten eingegriffen hätte. Dieser befiehlt, Paulus zu fesseln und in die Kaserne zu bringen. Die Meute tobt dermaßen, dass die Soldaten Paulus hochheben und über ihren Köpfen tragen müssen, damit er nicht gelyncht wird. Vom Tempelplatz führt eine große Freitreppe nach oben, und so stehen sie endlich vor dem Eingang des Lagers – geschafft! Wenn sich jetzt die Kasernentor öffnet, sind sie sicher.

Unsereins hätte nur noch einen Gedanken gehabt: Nichts wie rein da! Tür zu! Erst mal durchatmen! Wir würden unsere Wunden lecken, die Knochen abtasten, ob noch alles heil ist. Doch was macht Paulus? „Moment, Kommandant! Bevor ihr mich da reinbringt – dürfte ich wohl noch kurz zu meinen Landsleuten sprechen?“ (21,39b). Dann stellt er sich tatsächlich auf die oberste Stufe, bittet um Ruhe und beginnt eine Rede. Er erklärt seinen Zuhörern, wie es zu seiner Lebenswende kam. Er rechtfertigt sein Handeln, für das sie ihn fast totgeprügelt hätten und lädt sie gleichzeitig ein, sich ebenfalls auf die Seite von Jesus zu stellen. Einfach irre! Eine Rede in dem Zustand! Was Paulus zu seinem „Mutausbruch“ veranlasst, ist die Begeisterung für die unüberbietbare Botschaft vom Kreuz, außerdem die Liebe zu seinen Landsleuten, die er für Christus gewinnen will und schließlich die Liebe zu Christus selbst. Für Jesus arbeiten zu dürfen beflügelt. Jesus macht klug. Jesus macht kreativ. Und Jesus nimmt die Angst.

Was uns oft bremst sind drei „Fs“: Faulheit, Feigheit, Fantasielosigkeit. Meistens versperren wir uns selbst oder gegenseitig den Weg. Wollen wir Arbeiter für den Herrn sein oder Angsthasen? Wir haben die beste Nachricht: das Evangelium. Wir haben den mächtigsten Arbeitgeber: Gott. Wir haben den besten Freund: Jesus.

Ringen um den richtigen Weg

Sind die Christen, die Paulus warnen, Angsthasen? Sind sie übervorsichtig? Fest steht, dass Paulus am Rat seiner Freunde und Mitchristen gelegen ist. Paulus hat oft – genau wie wir – um den Willen des Herrn für einen konkreten Auftrag gerungen. Es heißt aufgrund eines Traumes, den Paulus hatte: „… wir (!) schlossen, dass Gott uns (nach Mazedonien) gerufen habe …“ (16,10a). Oder: Paulus lässt sich warnen und geht nicht zum Theater in Ephesus (19,30-31). Hier, in Kapitel 21, lässt er sich nicht warnen. Ich glaube, dass der große Apostel letztlich mit den gleichen Fragen zu tun hatte wie wir auch. Den Willen Gottes für unser Leben gilt es zu suchen. Das setzt viel Gebet voraus.

Was merkwürdig ist: Die Christen in Tyrus sagen Paulus „durch den Geist, er möge nicht nach Jerusalem hinauf gehen“ (21,4b). Widersetzt sich Paulus etwa dem Heiligen Geist? Nun, „durch den Geist“ kann auch heißen: „auf eine Eingebung des Geistes hin“ warnten sie ihn. „Der Heilige Geist hatte ihnen gezeigt, welche Gefahren Paulus in Jerusalem drohten, und sie warnten den Apostel eindringlich vor einer Weiterreise“ (21,4b nach Neue Genfer Übersetzung). Richtige Eindrücke, falsche Interpretation. In Kapitel 11,28-29 lesen wir: „… Agabus stand auf und zeigte durch den Geist eine große Hungersnot an, die über den ganzen Erdkreis kommen sollte; sie trat auch unter Klaudius ein. Sie beschlossen aber, dass, je nachdem wie einer der Jünger begütert war, jeder von ihnen zur Hilfeleistung den Brüdern, die in Judäa wohnten, etwas senden sollte …“ Der Geist Gottes zeigt ihnen, was passieren würde, aber er sagt nichts darüber, was sie tun sollen! Sie überlegen selbst, wie darauf zu reagieren sei. Der Heilige Geist spricht, aber er schreibt nichts vor. Agabus gibt keinerlei Anweisungen, weder in Kapitel 11 noch in Kapitel 21. Den Vorsatz mussten die Christen, muss Paulus, selbst fassen. Ja, bei Warnungen entscheiden wir selbst. Als Christ bist du mündig. Entscheide mutig und mach dich dabei nicht allein abhängig von den Warnungen anderer. (Übrigens: Trotz unterschiedlicher Vorstellungen, bleiben Paulus und die anderen Freunde. Sie „knieten … nieder und beteten“ zusammen [21,5b]. Einheit basiert mehr auf Liebe als auf Übereinstimmung.)

Was wäre gewesen, wenn Paulus auf die Warnungen hin nicht gegangen wäre? Die Missionsgeschichte wäre anders verlaufen, aber sie wäre weitergegangen. Und was, wenn Jesus nicht gegangen wäre? „Von der Zeit an begann Jesus seinen Jüngern zu zeigen, dass er nach Jerusalem hingehen müsse und … vieles leiden und getötet und am dritten Tag auferweckt werden müsse. Und Petrus nahm ihn beiseite und fng an, ihn zu tadeln, indem er sagte: Gott behüte dich, Herr!“ (Mt 16,21-22b). Wenn Jesus auf die Warnung von Petrus eingegangen wäre und seinen Auftrag nicht bis zum Ende ausgeführt hätte, wären wir alle verloren! Unsere Entscheidungen dagegen sind nicht heilsentscheidend.

Unsicherheiten im Dienst

Menschen, die Gott gebraucht hat, waren oft mutig, aber selten sicher. Nicht sicher, weil ständig in Gefahr. Und: Nicht sicher, weil sie auch Zweifel hatten. Josua und Kaleb – mit als Spione in Kanaan – stellen fest: „Das Volk ist stark, die Städte gefestigt und sehr groß …“ (4Mo 13,28). Die Israeliten schreien vor Angst; Kaleb hält ihnen eine flammende Rede und schließt: „… der HERR ist mit uns. Fürchtet sie nicht!“ (14,9b). Derselbe Kaleb sagt 40 Jahre später, als es um die Landeinnahme geht: „Vielleicht ist der HERR mit mir, dass ich sie vertreibe, wie der HERR geredet hat“ (Jos 14,12b). Obwohl Kaleb weiß, dass Gott mächtig ist, die Feinde zu vertreiben, ist ihm auch bewusst, dass er vielleicht im Kampf sterben wird. Paulus, Kaleb und unzählige andere wussten nicht, ob sie unfallfrei am Ziel ankommen werden. Sie alle hatten unterschiedliche Erkenntnisse, manche wurden gewarnt … aber sie blieben nicht am Beckenrand, sondern wagten sich raus und verfolgten das Ziel, zu dem Gott sie berufen hatte. Bist du irgendwo auf dem Weg vom Ziel abgewichen? Hast du das Feuer und den Eifer verloren, den du einmal hattest? Bitten wir Gott, dass er uns stets an unseren Auftrag erinnert, damit möglichst viele errettet werden.

2014 war ich mit meiner Frau im Kino, um den Film „Noah“ mit Russell Crowe anzusehen – mehr ein Fantasy- als ein Bibelfilm … Zufällig waren unsere Freunde Becky und Daniel auf dieselbe Idee gekommen. Wir saßen nebeneinander. Als der Film zu Ende war, stand Daniel auf und hielt laut eine Miniandacht: Er erklärte den anderen Kinobesuchern, dass, wie Noah und Familie in der Arche, wir alle in Jesus errettet werden können. Das war mutig. Es gibt wenige, die sich so etwas trauen. Warum nur? Fehlt es uns an Risiko- oder Leidensbereitschaft? Paulus hat die große Öffentlichkeit gesucht – trotz aller Warnungen. Denn wer sich öffentlich äußert, ist der Gefahr ausgesetzt, verrissen zu werden. Aber sei‘s drum!