Mit aufrichtigem Herzen leiten

Er hatte es bis zur Spitze geschafft, hatte Macht und Ansehen. Frauengeschichten sind von ihm nicht überliefert. Geistlich gesehen war er als Leiter von Gott erwählt und begabt worden – und zu verschiedenen Anlässen überkam ihn der Geist Gottes mit Macht. Ja, Gott wusste, dass die Leute einen Mann wie König Saul wollten. Im Grunde hatten sie ihn gewählt. Und obwohl Saul schließlich 40 Jahre im Amt blieb, verwarf Gott ihn. Es mangelte ihm an wirklichem Charakter – ihm ging es um den Schein, nicht um das Sein. Sein Herz schlug nicht für Gott.

In meinem Dienst als Ältester für das Volk Gottes ist es meine größte Angst, dafür untauglich zu werden. Das geht nicht nur mir so – schon der Apostel Paulus hatte diese Sorge (1Kor 9,27). König Sauls Leben liefert den Leitern und Hirten des Volkes Gottes eine ernüchternde Checkliste von Dingen, die wir anders machen sollten.

Aus den unguten Aspekten in Sauls Leben können wir einige gute Prinzipien ableiten, die uns helfen werden, mit ganzem Herzen für Gott und sein Volk da zu sein:

1.) Lass Gott deine Sicherheit sein

Als sich das Volk versammelte, um seinen neuen König zu erkennen, versteckte sich Saul und kauerte sich ins Gepäck (1Sam 10,20-22). Was für ein seltsames Verhalten für ihn! Hat niemand Samuels beißende Ironie bemerkt: „Habt ihr gesehen, wen der Herr erwählt hat? Im ganzen Volk ist ihm keiner gleich“? (10,24). Samuel hatte Saul vorher informiert, dass Gott ihn erwählt hatte (9,20; 10,1), aber an dieser entscheidenden Stelle schien der künftige König von Angst gepackt zu werden. Nirgends lesen wir davon, dass Saul in dieser Situation auf den Herrn geschaut hätte.

Wenn wir die gewaltige Aufgabe sehen das Volk des Herrn zu leiten, werden die meisten von uns von einer natürlichen Scheu befallen. Dennoch können und sollen wir angesichts unserer Angst Sicherheit in Gott finden.

Was sind unsere Ängste? Sind es die Opfer an persönlicher Zeit, oder die Anfeindungen, die zur Leiterschaft gehören? Ist es das Gefühl der Unzulänglichkeit? – Sauls Nachfolger, der Gott von ganzem Herzen liebte, kannte Angst – aber er wusste auch, wie er mit seiner Angst umgehen konnte: „Auch wenn ich wandere im Tal des Todesschattens, fürchte ich kein Unheil, denn du bist bei mir; dein Stecken und dein Stab, sie trösten mich.“ (Ps 23,4)

Als Älteste des Volkes Gottes sollen wir durch und mit Gott stark und unerschrocken bleiben. Wir dürfen uns nicht vor jeder Herausforderung oder Schwierigkeit zurückziehen.

2.) Leite durch Liebe, nicht durch Einschüchterung

Beachtet, wie Saul gleich zu Anfang seiner Leiterschaft Einschüchterung benutzte, um das Volk zu sammeln (1Sam 11,1-7)! Natürlich hatte die kleine Gemeinschaft in Jabesh Gilead Angst vor den einfallenden Ammonitern, und auch der Rest der Israeliten hatte Angst. Aber statt das Volk aus Mitgefühl für ihre Landsleute und aus Treue Gott gegenüber zusammenzurufen, manipulierte Saul das Volk mit der Angst vor Vergeltung: Die Ochsen von jedem, der sich nicht am Kampf beteiligte, sollten von Sauls Männern zerstückelt werden (11,1-8).

Diese Taktik funktionierte – in dem Sinne, dass Saul eine Armee von 330.000 Mann aufbaute und sie ihre Feinde besiegten. Aber Leiterschaft durch Angst allein funktioniert nur, bis eine größere Angst aufkommt. Vergleicht das mit Jesus: „Nun bewies er den Seinen … das ganze Ausmaß seiner Liebe“ (Joh 13,1 NeÜ)! Seine „Armee“ ist im Laufe der Jahrhunderte kontinuierlich gewachsen.

Ja, Einschüchterung wirkt kurzfristig, aber als Älteste erstreben wir langfristige Ergebnisse. Die Liebe ist stärker als die Angst (1Joh 4,18).

3.) Lebe lieber nach göttlicher Wahrheit als nach menschlicher Vernunft

Angst beherrschte die Truppen auch in der nächsten Schlacht (1Sam 13,2-15). Saul, der es selber mit der Angst zu tun bekommt, missachtet den Befehl, sieben Tage auf Samuel zu warten. Ihr kennt die Geschichte: Saul hat gerade sein unrechtmäßiges Opfer gebracht, als Samuel auftaucht und ihn zur Rede stellt. Saul versucht, seinen Ungehorsam durch Vernunftgründe zu verhamlosen. Er…

  •  „sah“ die Umstände – deutlicher als Gottes Befehl (13,11)
  •  „dachte“ menschliche Gedanken – mehr als Gottes Gedanken (12a)
  •  „suchte“ Gottes Segen – mehr als Gottes Führung (12b).

Was war die Folge? Er wurde von Gott wegen einer schweren „Herzerkrankung“ verurteilt (13,13-14)! Es war doch nur ein kleiner Verstoß? Nein!

Als Älteste müssen wir uns beharrlich an die göttliche Wahrheit halten; wir müssen in diesem Bereich hart zu uns selbst sein. Wie Teenager, die Heuchelei bei ihren Eltern klar sehen, kann auch die Gemeinde Heuchelei bei ihren Ältesten deutlich erkennen. Wenn wir uns verpflichten in der Wahrheit zu leben, verleiht das unserer Botschaft Glaubwürdigkeit.

4.) Gib Fehler zu, statt dich selbst zu rechtfertigen

Saul muss gedacht haben, dass er mit seiner vernünftigen Erklärung noch einmal davongekommen war, denn sein Ungehorsam wurde zur Gewohnheit. Später befahl Gott ihm, die bösen Amalekiter (einschließlich aller Menschen und des gesamten Viehbestands) vollständig zu vernichten (1Sam 15,1-3). Beim Versuch sich zu rechtfertigen stellt Saul seinen Ungehorsam als eine Verbesserung des Wortes Gottes dar: Er rettete das Beste aus dem Volk (den König Agag) und das Beste aus dem Vieh, „um es dem Herrn als Opfer darzubringen“. Und dann hatte er die Frechheit, das als Treue zu Gottes Wort darzustellen (15,20)! Der Herr ist darüber betrübt und verkündet durch den Propheten: „Gehorsam ist besser als Opfer“ (15,22b, siehe auch Hosea 6,6).

Wenn wir mit Ausreden konfrontiert werden, sollten gerade wir als Älteste unsere Fehler eingestehen. Das kann entsetzlich schwer sein, denn wir müssen dabei zugeben, dass wir unsere Sünde vertuschen wollten. Wir fürchten, dass Menschen uns ablehnen werden – obwohl es in Wirklichkeit Gott ist, der uns wegen unserer Heuchelei ablehnen wird! Ja, wir sollen entschlossen an Gottes Wort festhalten, aber wir müssen uns auch energisch zu demütiger Ehrlichkeit verpflichten, wenn wir versagen.

5.) Ehre Gott, nicht dich selbst

Habt ihr bemerkt, dass Saul in dieser Geschichte ein Denkmal für sich selbst errichtet hat? (1Sam 15,12) Dann, nach der unvermeidlichen Verurteilung durch Samuel, legt er ein „Bekenntnis“ ab, das ihn selbst in den Mittelpunkt stellt: „Ich habe gesündigt, aber ehre mich doch vor dem Volk!“ (15,30).

Im Wesentlichen geht es darum, dass unser Dienst als Älteste Gott ehrt, nicht uns selbst! Ältestenschaft ist keine Position, zu der wir zu unserer eigenen Ehre aufsteigen. Unser einziges und höchstes Ziel ist es Gott Ehre zu bringen, egal, was uns das kostet. Der Apostel Paulus tadelt die konkurrierenden, sich selbst ehrenden Korinther voller Ironie: „Mir scheint, dass Gott uns, die Apostel, als die Letzten hingestellt hat, wie zum Tod bestimmt; denn wir sind der Welt ein Schauspiel geworden, sowohl Engeln als auch Menschen“ (1Kor 4,9). Er hatte das gleiche Ziel wie Johannes dem Täufer: Er muss wachsen, ich aber abnehmen“ (Joh 3,30).

Älteste müssen im Blick auf die charakterliche Seite der Leiterschaft wachsam sein. Es ist eine eigentlich unmögliche Aufgabe, denn jedes der oben genannten Prinzipien erfordert Demut. Doch genau die ist notwendig, um das Volk Gottes zu führen.

Kurz nachdem Petrus in seinem Brief Älteste angesprochen hat, fordert er sowohl junge Männer als auch Älteste auf:

„Alle aber umkleidet euch mit Demut im Umgang miteinander! Denn Gott widersteht den Hochmütigen, den Demütigen aber gibt er Gnade. Demütigt euch nun unter die mächtige Hand Gottes, damit er euch erhöht zur rechten Zeit!“ (1Petr 5,5b-6).