Kann man falsch beten? Was uns von echtem Gebet zu Gott abhalten kann

Gebet ist ein unverzichtbarer Grundbestandteil christlichen Lebens. Es ist die Kommunikation mit Gott – dem Schöpfer der Welt und dem Herrn des Universums. Grundsätzlich geht sie immer von Gott aus. Wenn er sich nicht bereiterklärt zu hören oder zu reden, dann kann keiner ein Gespräch mit ihm erzwingen.

Gebet ist eine Begegnung zwischen ungleichen Partnern. Gott ist dem Menschen in jedem Fall unendlich überlegen an Einsicht, an Macht, an Erfahrung, an Geduld, an Ausdauer usw. Gebet ist nach den Aussagen der Bibel sehr erstrebenswert (Eph 6,18; Phil 4,6), allerdings nicht in jeder Form und in jedem Fall.

Obwohl die weit verbreitete Gebetslosigkeit in christlichen Kreisen ein nicht unerhebliches Problem ist, will ich mich im Folgenden auf Missverständnisse der Beter konzentrieren. Dabei darf nicht vergessen werden, dass Beten für ein lebendiges geistliches Leben absolut unverzichtbar ist!

Die meisten Missbräuche des Gebets gehen entweder auf ein magisches Verständnis der Beziehung zu Gott oder auf eine vorschnelle Verwechslung des Gebets mit menschlicher Kommunikation zurück. Für manche ist das Gebet wie ein Werkzeug oder ein Naturgesetz, das man nach Belieben für die eigenen Zwecke einsetzen kann. Andere übertragen ihre Erfahrungen aus zwischenmenschlichen Beziehungen ungefiltert auf Gott und meinen, auch bei ihm durch Schmeichelei, lange Erklärungen oder große Versprechungen Eindruck schinden zu können.

Die Kraft des Zauberworts

Wer im Alltag seine Anliegen mit freundlichen Worten, mit einem lächelnden Gesicht oder einfach nur mit einem „bitte“ vorbringt, der hat oft weit mehr Erfolg als jemand, der nur herumpoltert. Diese irdische Erfahrung übertragen viele Menschen unmittelbar auf das Gespräch mit Gott und meinen, die richtige Formulierung bestimme über die Erhörung ihres Gebets.

Mancher reichert seine Gebete deshalb mit vielen „Halleluja“, „Hosanna“, „Herr“ oder ähnlichen heiligen Begriffen an, in der Hoffnung, dass Gott sich dadurch beeindrucken lässt und eher auf die eigenen Bitten eingeht (Mt 7,21ff.). Oftmals unterscheidet sich diese Gebetssprache aber grundlegend vom ganz normalen Wortgebrauch des Beters im Alltag. Schnell werden solche Worte dann auch nur noch zu Floskeln und sind nicht mehr Ausdruck des echten Staunens in der Gegenwart Gottes. Vielleicht meint man, mit solchen Formulierungen auch den Sprachgebrauch des Schöpfers zu treffen, weil man den vielleicht mit einem altertümlichen Lutherdeutsch verwechselt.

Andere denken, wenn sie ihr Gebet mit einem kräftigen „Amen“ oder einem „Im Namen Jesu“ abschließen, würden sie eher von Gott gehört oder auch erhört (Lk 21,8; Joh 14,13f.; 20,31). Die Gefahr, diese „heiligen“ Worte als magischen Zauberspruch misszuverstehen, ist dann nicht mehr weit. Im Namen Jesu zu beten meint, in seinem Sinne zu bitten, im Einklang mit seinem Willen. Keinesfalls handelt es sich dabei um eine Formel, mit der sich Gott dem Willen des jeweiligen Menschen ausliefert (Joh 15,7).

Gott kommt es offensichtlich nicht so sehr auf die Formulierung an und auch nicht auf das richtige „Zauberwort“. Das alles entspringt einer eher menschlichen Vorstellung von Gott, der in Wahrheit aber viel stärker auf das Herz des Menschen achtet als auf dessen äußeres Auftreten (1Sam 16,7; Ps 147,10f.). Mehr als jeder andere weiß Gott, wie trügerisch die Reden von Menschen sein können, die mit den schönsten Worten doch nur ihren eigenen Vorteil suchen oder sogar Schaden anrichten wollen.

Emotionen sind kein Zeichen von Echtheit

Manche Politiker und auch einige Rockstars sind überzeugt davon, dass man ihnen eher glaubt, wenn sie heftig gestikulieren oder laut herumschreien. Das soll Stärke und Überzeugung signalisieren oder einfach die fehlende Kraft der Argumente übertünchen. Gelegentlich sind es auch die Tränen zum richtigen Zeitpunkt, die das Mitgefühl eines Redners oder die Reue eines Angeklagten beweisen sollen.

Wer Gott gegenüber echte Gefühle hat, braucht diese natürlich nicht zu verstecken (Esra 10,1; Lk 8,9-14). Wer hingegen bei fast jedem Gebet ins Schluchzen oder Schreien gerät, der sollte sich fragen, ob er hier nicht nur eine Rolle spielt, die den Zuhörern oder Gott die Inbrunst der eigenen Hingabe vermitteln soll. Ein lautes oder heftiges Gebet ist nicht immer ein sicheres Zeichen von echter Glaubensstärke oder wahrer Überzeugung. In manchen Kreisen gehört es einfach zum guten Ton, bei intensiven Gebeten ein bisschen zu weinen oder die Stimme beschwörend zu erheben. Da hoffentlich aber niemand meint, Gott durch solche Stimmungsäußerungen einschüchtern oder beeindrucken zu können, sollte man besser darauf verzichten, wenn die Gefühle nicht wirklich aus der Tiefe des Herzens kommen.

Bei Gott, „der das Herz ansieht“ (1Sam 16,7), kommt ein solch gespielter oder künstlich stimulierter Gefühlsausbruch nämlich nicht gut an. Es könnte sogar sein, dass solches Schluchzen oder Schreien Gott verärgert, weil es ihn in seiner Heiligkeit und Allwissenheit nicht wirklich ernst nimmt (Lk 16,15).

Was für das Weinen und die Lautstärke gilt, kann natürlich auch auf das programmierte Säuseln oder Stöhnen bzw. den verzückten, himmelwärts gerichteten Blick übertragen werden. Mancher versucht auch, beim Beten in Bauch und Kopf ein irgendwie frommes, andächtiges Gefühl zu erzeugen, weil er das mit Inbrunst oder mit der Nähe Gottes verwechselt.

Doch glücklicherweise hat Gott seine Gegenwart jedem zugesagt, der ihn ernsthaft sucht, ganz unabhängig vom inneren Bauchgefühl oder der Lautstärke des Redenden (Lk 18,9-14).

Deshalb ist es auch vollkommen unnötig, durch eine lange Lobpreis- und Anbetungszeit erst eine wohlige Gebetsatmosphäre zu erzeugen, bevor man Gott seine Anliegen nennt.

In der Gegenwart Gottes

Gelegentlich wird auch behauptet, dass Gottes Gegenwart (und damit seine besondere Aufmerksamkeit) durch ausgedehnten Lobpreis oder durch Zungenreden herbeigeführt werden könne. Ganz parallel zu diesen Vorstellungen finden sich in anderen Religionen heilige Bäume, Tempel, Steine, Gräber, Gesänge usw., bei denen Gottes Gegenwart in besonderer Weise erfahrbar sein soll. Den Lehren des Neuen Testaments entsprechen solche Konzeptionen nicht. Christen dürfen sich darüber freuen, das Gott überall gegenwärtig ist, dass sie sich an jedem Ort und zu jeder Zeit sicher sein dürfen, dass Gott sich ganz in ihrer Nähe befindet und dort auch persönlich ansprechbar ist (1Tim 2,8), ganz unabhängig von der durch Kerzen, Räucherstäbchen, Heiligenbilder oder stimulierende Musik erzeugten Atmosphäre (Mt 18,19f.; 28,20).

In den unterschiedlichen Situationen des Alltags gibt es vieles, was der Christ Gott sagen kann. Man kann ihn an Freude und Leid teilhaben lassen, bei einer ausführlichen Besprechung, einer Wanderung, oder mit ein paar kurzen Sätzen während einer Klassenarbeit oder einem Beinahe-Unfall.

Glaube heißt nicht Einbildung

Aus dem Konzept des „Positiven Denkens“ übernehmen viele Christen die Vorstellung von der magischen Kraft der eigenen Gedanken. Wenn man nur intensiv genug an etwas denkt oder es sich wünscht, dann würde das auch so geschehen, wird behauptet. Einige Christen stützen sich in dieser Annahme auf die biblische Aussage Jesu: „Dein Glaube hat dir geholfen“ (Mt 9,22). Und Jakobus mahnt, dass der Zweifler nicht damit rechnen könne, von Gott erhört zu werden (Jak 1,6-8). Gelegentlich werden Gott deshalb im Gebet schon detaillierte Vorschläge für die Erfüllung der eigenen Wünsche unterbreitet, oder man dankt Gott für etwas, was dieser noch gar nicht getan hat.

In der auch von Esoterikern angewandten Methode der „Visualisierung“ geht es darum, sich das Erwünschte möglichst genau und intensiv vorzustellen, weil es dadurch Realität werde. In der Bibel werden solche Formen der Geistesmagie nicht empfohlen. „Proklamieren“ nennt man die Technik, Gott durch intensiven Dank in Zugzwang zu bringen. Wer von der Erfüllung seines Gebets fest überzeugt sei, bekomme auch, was er sich wünsche. Der Gott gegenüber geäußerte Dank sei, so die Erklärung, ein Zeichen des starken Glaubens. Diesem absolut gewissen Glauben könne Gott nicht widerstehen und erfülle einem den geäußerten Wunsch sofort. Es ist natürlich ein Betrug an den Zuhörern, wenn man den Eindruck einer eindeutigen Gebetserhörung erweckt, obwohl sich bislang in der Realität noch rein gar nichts ereignet hat. Gott gegenüber ist ein solches Gebet Heuchelei, weil man sich für etwas bedankt, von dem man sicher weiß, dass man es nicht erhalten hat.

Mit biblischem Glauben hat das Ganze nur wenig zu tun; vielmehr mit der Vorstellung, Gott durch magische Formeln und geistige Einbildung zum Handeln drängen zu können.

Das griechische Wort für Glaube bedeutet eigentlich so viel wie Vertrauen (Joh 3,16; Hebr 11,11). Dieses Vertrauen auf Gott äußert sich schon alleine darin, dass ein Mensch sich mit seinen Anliegen an Gott wendet und fest davon ausgeht, dass er angemessen reagieren wird (Mk 9,23-25).

Wer dann noch bereit ist, Gottes Antwort zu akzeptieren, auch wenn sie nicht auf die eigenen Wünsche eingeht, hat weit größeren Glauben als der, der Gott mit Einbildungskraft vorschreiben will, wie er zu handeln habe (Lk 22,42). Wer um eine konkrete Anstellung, einen Urlaub oder eine bestimmte Wohnung bittet, kann eben nicht von vornherein sicher sein, dass diese Wünsche auch dem Plan Gottes entsprechen.

Dass Gott den Zweifler nicht beschenkt, bezieht sich im Jakobusbrief lediglich auf die Bitten, die ganz sicher im Einklang mit dem Willen Gottes geäußert werden (Jak 1,5f.). Wenn in der Bibel steht, dass Gott jedem Gläubigen Weisheit, Geduld, Demut usw. geben will, dann kann man Gott jederzeit getrost für die Erfüllung seiner Bitte um diese Eigenschaften danken (Gal 5,22).

Gebet ist keine fromme Magie

Gebet ist kein emotionaler Schuttabladeplatz, es ist auch keine Methode zur Erzeugung meditativer Gefühle, keine Strategie effektiver Wunscherfüllung oder der Beschwörung Gottes. Gebet ist das manchmal gefühlvolle, oftmals aber auch vollkommen nüchterne Reden zu Gott, der aufmerksam und mitfühlend zuhört, wenn ein Mensch wirklich ehrlich seine Seele öffnet.

Christen sollten Gott viel häufiger nicht als unwilligen Verhandlungspartner betrachten, der durch magische Worte, viele Argumente, eigene Opfer oder heftige Formulierungen überzeugt werden müsste. Gott ist nach eigenen Angaben für Christen der liebende Vater, der immer nur das Beste mit ihnen im Sinn hat (Jer 29,8.11-13; Lk 11,9-13). Oft ist das Problem nicht die belastende Situation an sich oder der mangelnde Wille Gottes, sondern die fehlende Bereitschaft, das Erlebte aus den Händen Gottes anzunehmen (Röm 8,28; 2Kor 11,23ff.). Weit häufiger ist es nicht der große Glaube, der sich in einen Gebetskampf stürzt, sondern die Weigerung, den Plan Gottes zu akzeptieren. Irgendwie meint man, besser zu wissen, was getan werden müsste, als Gott selbst, und versucht ihn dann zur eigenen Sicht der Dinge zu bekehren.

Natürlich ist es absolut richtig, beständig, ausdauernd und gläubig zu beten; vor allem dann, wenn man sich ziemlich sicher sein kann, dass die eigenen Wünsche auch dem Willen Gottes entsprechen. Gott will, dass Christen sich ganz und gar auf ihn verlassen und mit allen ihren Anliegen zu ihm kommen, obwohl er diese schon kennt (Mt 6,6f.).

Was zu christlichem Beten motiviert

Oft gibt es durchaus noch Steigerungspotential für Qualität und Umfang des Gebets im eigenen Leben und in der Gemeinde. Motivierend wirken das gemeinsame Gebet, feste Gebetszeiten, konkrete Anlässe, unterschiedliche Gebetsformen und -haltungen, vorgegebene Anliegen, die Lektüre von entsprechenden Bibeltexten, wechselnde Orte und Zeiten, kleinere Pausen, der Austausch von Gebetserhörungen, die Verbindung zwischen Gebet und anderen Lebensbereichen wie Spazierengehen oder Singen usw. Auch klassische Formen wie „beten und fasten“ (Mt 9,15; Apg 14,23) haben im Leben des Gläubigen ihren Platz, solange sie nicht zur frommen Leistung oder zum Bestechungsversuch an Gott mutieren. Wer fastet, investiert die Zeit und Mühe, die er sonst für das Essen aufwendet, für das Gespräch mit Gott. Er verzichtet auf etwas Angenehmes als Zeichen der Dankbarkeit Gott gegenüber, ohne aber gleich mit Gegenleistungen zu rechnen.

Wer bereit ist, Zeit für das Gebet zu investieren, wird dabei selbst bereichert. Er weiß genau, wem er Bewahrung, Erlösung und Freude verdankt. Im Gebet wird er seelisch entlastet und innerlich aufgebaut, weil er seine Sorgen und Ängste bei Gott ablegen konnte.

(Der vollständige Artikel wurde erstmalig unter der Überschrift „Gebetsmythen – Warum sie uns von echtem Gebet zu Gott abhalten“ in „Bibel und Gemeinde“, 1/2018 abgedruckt; Verwendung mit freundlicher Genehmigung des Autors)