Gastfreundschaft – eine vergessene Tugend?

Wikipedia beschreibt die Gastfreundschaft als eine freundliche Gesinnung, die einem Besucher von seinem Gastfreund bei seiner Beherbergung, Bewirtung und Unterhaltung entgegengebracht wird. Das Grundprinzip der Gastfreundschaft seit alters her ist wohl das der Gegenseitigkeit. Man erhofft sich selbst unter ähnlichen Bedingungen gastfreundliche Aufnahme.

Die Gastfreundschaft der Christen ist nach Gottes Vorstellungen nicht geprägt von den „Wie-du-mir-so-ich-dir“-Gedanken. Nein, Christen lernen von Jesus Christus. Seine bedingungslose Liebe zu den Menschen, ja, sogar zu den Feinden, motiviert sie, ihr eigenes Zuhause zu öffnen.

Was sind die Voraussetzungen und wie kann Gastfreundschaft praktisch gelingen?

Sollten wir uns schämen, jederzeit unsere Eingangstür zu öffnen, da unser Haushalt einem Chaos gleicht? Häusliche Wärme bedeutet mehr als nur für die richtige Raumtemperatur zu sorgen. Sie ist Ausdruck von Wertschätzung und echtem Interesse am Nächsten. Der Gast sieht die Mühe und den Aufwand des Gastgebers und dessen Bereitschaft, eigene Interessen zurückzustellen. Gott möchte uns immer wieder den Blick schärfen für Alleinstehende, Witwen, junge Ehepaare, Familien und Gesprächssuchende aus Nachbarschaft, dem Kollegenkreis und der Gemeinde.

Auch in der „Studentenbude“ ist Gastfreundschaft möglich. Während meiner Ausbildung besuchte ich mindestens einmal in der Woche einen gläubigen Studenten, der in einem 12 qm kleinen Zimmer mit einem Kohleofen einen köstlichen Tee kochte, und wir diskutierten, bis der letzte Bus fuhr – eine gesegnete Zeit.

Die missionarische Dimension

Als Jugendlicher kam ich aus einem schwierigen Elternhaus. Mein CVJM-Jugendleiter lud mich nach Hause ein. Dort durfte ich gelebten Glauben in einer privaten häuslichen Umgebung erleben. Das war für mich wirklich eine „heile Welt“, und ich fand den Heiland. Ich erlebte eine Mutter, die mir in gemütlicher Atmosphäre das Leben mit und ohne Gott erklärte. In diesem Haus waren Gäste immer willkommen.

Dankbar blicke ich auf diese Erfahrungen zurück. Es waren insgesamt Glaubensgeschwister mit einem gastfreien Zuhause, die mein Leben prägten. Heute hat mir Gott eine liebevolle Ehefrau an die Seite gestellt, die es in ihrem Elternhaus auch gelernt hatte, den göttlichen Auftrag aus Römer 12, Vers 13: „nach Gastfreundschaft trachtet, …“ jederzeit zu praktizieren. Auch dann, wenn ich unangemeldet Gäste mitbrachte. Wenn Liebe zur Tat wird, besitzt das Evangelium höchste Anziehungskraft.

Hindernisse der Gastfreundschaft

Es ist kaum vorstellbar und passiert doch. Da spreche ich Glaubensgeschwister auf bestimmte Gäste oder sogar auf Geschwister an, die schon zur Gemeinde gehören. „Den kenne ich leider nicht“, ist die erschreckende Antwort.

Zeit, das größte Geschenk, das wir anderen geben können, ist auf der Strecke geblieben. Beruf mit Karriere, Familie mit Kindern und die Gemeinde mit den notwendigen Diensten nagen an der Zeituhr. Jetzt hätte ich es fast vergessen. Mein persönliches Recht auf Freizeit und Vergnügen. Außerdem rät mir mein Hausarzt, dass ich auf meine Gesundheit achten sollte. Da wagt dann keiner zu widersprechen.

Wir spüren die Verantwortung gegen- über unserem Herrn in Bezug auf unsere Zeiteinteilung und ich wünsche mir, dass wir Gott mehr nach den Prioritäten fragen.

Doch es gibt sie auch, die vom Wort Gottes her begründete Verweigerung der Gastfreundschaft. Im 2. Johannesbrief, Vers 10, werden die Gläubigen vor Irrlehrern gewarnt: „Wenn jemand zu euch kommt und diese Lehre (die Lehre der Apostel) nicht bringt, so nehmt ihn nicht ins Haus auf, …“ Aber auch von Christen, die in der Sünde verharren oder unordentlich wandeln, sollen wir uns zurückziehen und keine Gemeinschaft mit ihnen haben.

Gastfreundschaft hinterlässt Segensspuren

In 1. Mose 18 wird uns berichtet, wie der HERR und zwei Engel Abraham aufsuchen, um ihm die Botschaft zu bringen, dass Sara, seine hochbetagte Frau, einen Sohn gebären wird. Diese Nachricht wird von den Männern während des Essens berichtet. Abraham und Sara waren gute Gastgeber. Obwohl man sicher rechtfertigen könnte, hierin eine Lehre zum Thema Gastfreundschaft zu sehen, suchten die Engel mit Sicherheit Abraham nicht auf, um ihm diese beizubringen. Es ist jedoch wahrscheinlicher, so erklärt ein Bibel-Kommentar, dass die Besucher Abrahams die Botschaft der engen Gemeinschaft mit Gott überbringen sollten. Das gemeinsame Essen war für Gemeinschaft, Friedensangebote und Verträge wichtig.

Ich kann bestätigen, dass das persönliche Gespräch in geschützter Umgebung und gemütlicher Atmosphäre die besten Rahmenbedingungen zur Weitergabe des Evangeliums und für andere geistlichen Gespräche sind. Du kannst Besuch einladen und hast anschließend den Eindruck: Ich habe Engel beherbergt.

 

 

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