Freier Wille und Vorherbestimmung

Seit mein Sohn an einer christlichen Universität in unserer Nähe Theologie studiert, war seine Begegnung mit der endlosen Debatte um den freien Willen des Menschen bzw. Vorherbestimmung (Arminianismus vs. Calvinismus) unvermeidlich. Zum Glück hört er an dieser Hochschule beide Seiten der Auseinandersetzung. Dennoch neigen beide Seiten dazu, sich ihrer eigenen Position so sicher zu sein, dass sie die Position der anderen Seite als abstoßend oder sogar ketzerisch ansehen. Wie auch mein Sohn fragen wir uns wohl alle, warum sich gleichermaßen hingegebene und intelligente Christen in dieser Frage nicht einigen können.

Die zwei Seiten der Auseinandersetzung

Der Calvinist sagt: Gott selbst hat entschieden (schon in der Ewigkeit vor der Zeit), wer gerettet und wer nicht gerettet werden würde, und die Menschen scheinen sich nur für ihre Errettung selbst zu entscheiden. Die vorher erwählten Einzelnen haben vielleicht das Gefühl, unabhängige Entscheidungen zu treffen, aber in Wirklichkeit sind ihre Schicksale „unwiderstehlich“ („irresistible“ – das „i“ in TULIP). Das Problem dabei ist natürlich, dass die normale, natürliche Lesart der Bibel aus dem Kontext gerissen wird, wenn wir die Realität legitimer, menschlicher Entscheidungen nicht anerkennen, wie z.B. in Offenbarung 22,17: „Wer da will, nehme das Wasser des Lebens umsonst!“.

Der Arminianer sagt: Menschen entscheiden selbst, ob sie gerettet werden wollen oder nicht, und Gott scheint sie nur auszuerwählen. Denn Gott weiß schon im Voraus, wer sich dafür entscheiden wird, das Evangelium annehmen, und „erwählt“ den Betreffenden dementsprechend (d.h. die Menschen diktieren Gott ihre Entscheidungen).

Das Problem bei der arminianischen Sicht ist, dass die Bibel ausdrücklich sagt, dass Gott tatsächlich die Initiative ergreift und seine Kinder auswählt, z.B. in Römer 9,15-16: „Ich werde mich erbarmen, wessen ich mich erbarme, und werde Mitleid haben, mit wem ich Mitleid habe. – So liegt es nun nicht an dem Wollenden, auch nicht an dem Laufenden, sondern an dem sich erbarmenden Gott.“

Damit sind die Fronten klar. Die Mehrheit der weltweiten Bibelleser steht auf der arminianischen Seite und bemüht sich nach Kräften, die Stellen der Schrift zu erklären, die von Auswahl und Vorherbestimmung sprechen. Aber eine sorgfältig ausgebildete (sprich: trainierte) und starke Minderheit von Gläubigen steht auf der calvinistischen Seite und zögert bei jedem Text, der vom freien menschlichen Willen spricht.

Leicht zu widerlegende Argumente

Schlimmer wird es dadurch, dass beide Seiten fadenscheinige Argumente zu Hilfe nehmen, um ihre Gegner in die Flucht zu schlagen.

  1. „Also wirklich“, sagen die Hardliner bei den Calvinisten, „so etwas wie einen freien Willen gibt es überhaupt nicht“. Aber steht nicht ausdrücklich da: „Wer da will, nehme das Wasser des Lebens umsonst“?
  2. „Der Glaube an die Vorherbestimmung untergräbt jede Motivation zu evangelisieren und zu beten“, sagt der Arminianer. Aber müssen wir nicht zugeben, dass sehr viele Calvinisten wunderbare Vorbilder für Evangelisation und Gebet waren?
  3. „Niemand kann zu mir kommen, wenn nicht der Vater ihn zieht – unwiderstehliche Gnade. Punkt. Der Fall ist abgeschlossen.“, sagt der Calvinist (nach Joh 6,44). Aber hat nicht Jesus selbst versprochen: „Und ich, wenn ich von der Erde erhöht bin, werde alle zu mir ziehen“ – „alle“, nicht nur die Erwählten (Joh 12,32)?
  4. „Unmöglich kann alles vorherbestimmt sein. Das wäre gegen alle Vernunft“, sagt der Arminianer. Aber hat uns der Apostel nicht gelehrt, dass Gott vorherbestimmt und „alles nach dem Rat seines Willens wirkt“ (Eph 1,11)?
  5. „Wir sind so heillos verdorben, dass wir völlig unfähig sind, angemessen auf Gottes Stimme zu reagieren“, sagt der Calvinist. „Nur Gott allein kann die Herzen der Auserwählten erwecken.“ Aber sagt die Schrift nicht, dass jedes Herz von der Gnade Christi beeinflusst wird, der, „in die Welt kommend, jeden Menschen erleuchtet“ (Joh 1,9) – „jeden“, nicht nur die Erwählten?

Eine unmögliche Möglichkeit?

Wenn man die Schrift unvoreingenommen liest (oder jedenfalls so unvoreingenommen, wie es einem Menschen möglich ist), kommt man meiner Meinung nach zu zwei offensichtlichen Schlussfolgerungen: (1) Gott erwählt wirklich einen Menschen zur Erlösung und erwählt ihn nicht nur scheinbar; und (2) ein Mensch wählt wirklich Christus zu seiner Erlösung und wählt ihn nicht nur scheinbar.

Das mag unmöglich und hoffnungslos widersprüchlich erscheinen, aber es passt sehr gut mit dem zusammen, was „der ganze Ratschluss Gottes“ bezeugt.

Ein Lösungsvorschlag

Vielleicht ist die Unausgewogenheit, die die verschiedenen Schriftstellen zu diesem Thema hervorrufen, weitgehend darauf zurückzuführen, dass wir Schwierigkeiten haben, „Zeit“ und „Ewigkeit“ in Gottes Handeln mit der Menschheit zu verknüpfen.

Gott wohnt in der Ewigkeit (Jes 57,15) und hat die Zeit geschaffen. Wir nehmen Zeit wahr durch die Bewegung der Erde im Verhältnis zur Sonne, als ob das Universum eine große Uhr wäre. Aber es gab eine „Zeit“, in der Erde und Sonne noch nicht geschaffen waren, noch nicht existierten. Unser Herr braucht offensichtlich keine Zeit, und er existiert außerhalb der Zeit. Wir sind wie Menschen, die an einer Zeitleiste mit einer sehr konkreten Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft entlang laufen. Gott läuft nicht auf unserer Zeitleiste! Gerade jetzt lebt er in all unseren „Morgen“ und all unseren „Gestern“ – ein verwirrender Gedanke.

Ein kleiner Aspekt des Problems, das wir Menschen haben, wenn wir versuchen unsere Zeit mit Gottes Ewigkeit zu verknüpfen, zeigt sich in dem, was Jesus zu den Pharisäern sagte: „Bevor Abraham war, bin ich“ (Joh 8,58). Dieser Satz ergibt für uns keinen Sinn, weil er zeitlich nicht stimmt (Vergangenheit und Gegenwart werden vermischt). Wir möchten es so: „Bevor Abraham war, war ich.“ Stattdessen steht da scheinbar: „Vor 2000 v.Chr. – ich bin gerade dort.“

Was würde passieren, wenn wir diese Überlegungen mit einfließen ließen in unsere Debatte über freie Wahl und Vorherbestimmung? Was wäre, wenn die Erfahrung unserer Bekehrung (oder irgendeine andere Erfahrung) in Wirklichkeit einen Zusammenstoß unserer Zeit mit Gottes Ewigkeit beinhaltet? Wie genau könnte eine menschliche Sprache die Wahl beschreiben, die Gott und der Mensch in diesem Prozess treffen?

Wenn Gott gerade jetzt in unserer Vergangenheit ist („Bevor Abraham war, bin ich“), kommt er gerade jetzt in dem Augenblick an, als wir auf sein Evangelium reagiert haben – vielleicht in einem evangelistischen Gottesdienst oder in einem ruhigen Moment, als uns ein Freund das Evangelium erklärt hat? Erlebt er gerade jetzt, was für uns schon vergangen ist? Natürlich wird ein ewiger Gott auch in diesem Moment das erleben, was wir „Morgen“, unsere Zukunft, nennen. Und er wird auch unseren jetzigen Moment erleben, alles zur gleichen „Zeit“.

Wie können wir dann dogmatisch sein in der Frage, ob Gott erst Pharaos Herz verhärtet hat oder ob der Pharao erst sein eigenes Herz verhärtet hat? Oder ob Gott uns zuerst erwählt hat oder wir Gott? Was bedeutet „zuerst“ letzten Endes, wenn es bei Gott keine zeitliche Abfolge gibt? Was bedeutet „zuerst“ für einen Gott, der in diesem gegenwärtigen Augenblick und in einer Zeit vor Abraham lebt?

Mein Lösungsvorschlag für die Debatte zwischen Calvinismus und Arminianismus ist, dass wir alle sehr viel demütiger werden und das glauben, was unmöglich zu sein scheint – dass Gott wirklich Menschen nach seinen eigenen Vorlieben erwählt, und dass die Menschen wirklich wählen, ob sie das Evangelium annehmen oder ablehnen, ohne „unwiderstehlich“ in die eine oder andere Richtung gezogen zu werden.

Vielleicht können beide „Wahlen“ – die Gottes und die der Menschen – deshalb beide wirklich unabhängig voneinander und wirklich echt sein, weil sie auf zwei verschiedenen Ebenen stattfinden – einer zeitlichen und einer ewigen.

Und wenn uns die Wege eines Gottes, der „in Ewigkeit wohnt“ und uns doch in der Zeit begegnet, unvorstellbar erscheinen, können wir uns mit dem Gedanken trösten, dass unser Gott nicht so klein ist, dass er von dummen Menschen verstanden werden könnte, die immer noch Kalender brauchen um zu wissen, welcher Tag es gerade ist.

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