Eine Kamera in einem leeren Raum – Hinweise für Online-Prediger

Diese heidnische Kamera weigerte sich doch beharrlich, mir auch nur mit einem einzigen „Amen!“ zu antworten! Es war meine zweite Woche als Redakteur in einem kalten, dunklen Studio, und ich vermisste plötzlich schmerzlich die lebhaften Reaktionen meiner großen, lebendigen Gemeinde im sonnigen Florida.

Das war vor sechs Jahren. Mittlerweile habe ich einen Online-Predigtdienst ins Leben gerufen und mich mehr an digitale Reaktionen gewöhnt. Auch die anfängliche Unsicherheit beim Predigen in eine Kamera ist einer gewissen Routine gewichen.

Während der nächsten Wochen werden wir uns als Gemeinden nicht treffen können, weil wir wegen der Corona-Krise soziale Kontakte meiden sollen. Alles, was wir über das Halten von Predigten gelernt haben, werden wir in dieser Zeit anpassen müssen.

Die erfreuliche Nachricht ist, dass das Wort Gottes über Video genauso wahr ist wie in der persönlichen Weitergabe, dass der Geist Gottes nicht an die Mauern unseres Gemeindehauses gebunden ist und dass keine Generation jemals bessere Hilfsmittel zur Verfügung hatte als wir.

Für die Prediger, denen das Online-Predigen noch fremd ist, folgen hier einige Lektionen, die ich aus zahlreichen Online-Predigten (sowohl live als auch vorher aufgenommene) gelernt habe, sowie einige praktische Hinweise zur Aufnahme selber.

1. Die Größe der Gemeinde spielt keine Rolle mehr

Ich bin Pastor einer großen Gemeinde und halte die gleiche Predigt jedes Wochenende mehrere Male. Dabei kann ich sie immer weiter verfeinern, so dass die letzte Predigt meistens deutlich besser ist als die erste „ungehobelte“ Wiedergabe.

In dieser neuen Situation jedoch haben wir die gleiche Herausforderung wie unsere Kollegen aus kleineren Gemeinden: Wir müssen die Schrift gleich beim ersten Mal angemessen auslegen und verkündigen.

Prediger kleinerer Gemeinden müssen sich ihrerseits nun auf eine andere Art von Druck einstellen: Die Predigt, die du im Internet hältst, ist dort dauerhaft abrufbar und könnte von mehr Leuten gesehen werden, als du je zuvor erreicht hast. Selbst wenn du dort live predigst, könnte es aufgezeichnet und online für immer gespeichert werden.

Auf diese Weise werden Prediger verschieden großer Gemeinden in den kommenden Wochen die Schwierigkeiten der jeweils anderen besser verstehen lernen.

2. Die Analyse der Daten ist weniger nützlich als man denken könnte

Bei meinen Internet-Predigten konnte ich in Echtzeit verfolgen, wer von wo und wie lange zuschaute.

Wenn man direkt in einer Plattform der sozialen Medien predigt, können Namen und Reaktionen in Echtzeit sichtbar gemacht werden, während man predigt. Mit diesen Zahlen kann man messen, wie interessiert die Leute an dem sind, was man sagt – noch während man redet.

Ich war neugierig und habe einmal die Daten verfolgt, während ich über Gnade predigte. Ich konnte beobachten, wie die aktive Beteiligung immer weiter stieg. Dann begann ich über Buße und Gericht zu reden, wie die Schriftstelle es erforderte – und sah, wie die Werte in den Keller stürzten.

Der Maßstab für eine gelungene Predigt ist ihre Treue zum biblischen Text. Für das übergeordnete Ziel einer Predigt sind diese Zustimmungswerte völlig bedeutungslos.

Gib der Versuchung nicht nach, die Schrift nur dann zu benutzen, wenn das die Zahlen in die Höhe treibt, und sie wegzulassen, wenn die Passanten in den sozialen Netzwerken sie gerade nicht interessant finden!

Wir suchen die Zustimmung des Himmels und müssen Gott Rechenschaft darüber ablegen, wie wir mit seinem Wort umgehen.

Hüte dich also vor der Versuchung, die mit der Analyse der Daten verbunden ist! Einige Zahlen werden für eine schonungslose und Gott ehrende Selbsterkenntnis sorgen; andere Zahlen aber werden ein Köder des Teufels sein.

3. Die Zuhörerschaft wechselt ständig

Stell dir hinter deinen Zuhörern eine Drehtür vor, durch die unaufhörlich Menschen hereinkommen und hinausgehen.

Um auf Facebook als Zuschauer erfasst zu werden, muss man ein Video nur 3 Sekunden lang angesehen haben. Gleichzeitig wird eine fünfköpfige Familie eurer Gemeinde, die deine Predigt gemeinsam vor ihrem Bildschirm anschaut, nur als ein einziger Zuschauer gezählt. Betrachte die Zuschauerzahlen also mit etwas Vorsicht.

Angesichts der sich ständig verändernden Zuhörerschaft ist es eine Überlegung wert, den Kerngedanken der Predigt im Lauf der Zeit ein paar Mal zu wiederholen. Ebenso können auch die praktischen Anwendungen über die ganze Predigt verteilt werden, statt sie alle für den Schluss aufzuheben.

Denk daran, dass du mehr als sonst auch zu Gästen eurer Gemeinde redest, und dass Gemeindeglieder, die deine Predigt im Internet teilen, das mit einem evangelistischen Anliegen tun. Vermeide deshalb Insider-Sprache, die nur für Leute im Gemeinderaum gedacht ist – es gibt keinen Gemeinderaum mehr.

Durch diese Drehtür im Hintergrund deiner Versammlung kann hin und wieder auch ein Störenfried oder „Troll“ erscheinen. Weil sie anonym bleiben und keine Angst vor Entdeckung oder Bestrafung haben müssen, können diese „Zwischenrufer“ deine Internetpredigt stören.

Hab keine Angst davor. So etwas kommt selten vor; es ist sogar gut für die Reichweite deiner Predigt, und es ist oft hilfreich, um direkt auf das Evangelium überzuleiten. Lass dich nicht erschüttern, wenn so etwas passiert; beende deine Predigt, bevor du darauf eingehst, und sieh es als Gelegenheit an, deiner Gemeinde ein Beispiel für Evangelisation zu geben.

4. Extreme Predigtstile gleichen sich an

Wenn ich vor der Gemeinde predige, regeln unsere Tontechniker von vornherein das Mikrophon herunter, weil ich stark zum „roten Ende“ der Lautstärkendynamik tendiere.

Von meinem Temperament her predige ich aus vollem Herzen und voller Kehle, aber in meiner Zeit als Online-Prediger auf Facebook Live musste ich lernen, mich deutlich zurückzunehmen. Es ist absurd jemanden anzuschreien, der dir an einem Bistrotisch gegenüber sitzt – aber so werden die meisten Leute deine Predigt anschauen.

Wenn die Predigten im Voraus oder im Gemeindesaal aufgenommen werden, ist eine intensivere Tonstärke erlaubt, aber in einer Nahaufnahme käme Schreien wahrscheinlich nicht gut an.

Am anderen Ende des Spektrums sollten Prediger mit einem ruhigeren Temperament sich bewusst sein, dass Kameras eine dämpfende Wirkung haben. Was live gesprochen bezaubernd einfühlsam klingt, könnte online fürchterlich langweilig wirken.

Wahrscheinlich werden sich in dieser neuen Lage sowohl die sehr leidenschaftlichen als auch die sehr ruhigen Prediger mehr zur Mitte des Spektrums hin bewegen.

Für ein tatsächliches Publikum im Studio zu predigen, ist der einfachste Weg, mit dieser Herausforderung zurechtzukommen. Aber angesichts der sich ständig verändernden gesundheitlichen Lage kann das, was gestern noch möglich war, morgen schon nicht mehr erlaubt sein.

Hinweise zur Produktion/ Aufnahme:

  • Verwende einen schlichten, ordentlichen Hintergrund.
  • Verwende viel Licht – idealerweise natürliches Licht.
  • Predige ohne Notizen (besonders, wenn die Botschaft im Voraus aufgenommen wird)
  • Wenn du dein Smartphone benutzt, investiere in ein extra Mikrophon.
  • Bei Nahaufnahmen sollten deine Augen im oberen Drittel des Bildschirms liegen.
  • Lass einen Countdown auf dem Bildschirm ablaufen, bevor du anfängst zu predigen, damit die Zuschauer sich versammeln.
  • Rekrutiere Teammitglieder, die für dich die Aufnahme starten, beenden und posten.

Ermutige deine Gemeinde, deine Predigten weiterzugeben – und sei dankbar für das Vertrauen, das sie dir schenken, wenn sie es tun. Indem ein Christ online eine Predigt teilt, „outet“ er sich möglicherweise erstmalig als Christ! Er lädt damit die Skeptiker um ihn herum ein, das Evangelium von dir zu hören.

Deshalb denk daran, wie freudig das Wiedersehen nach dieser langen Trennung sein wird, und bete, dass eure Stühle dann mit neuen Leuten besetzt sind, die während dieser Online-Phase zu Jesus gefunden haben!

Ich bin fest davon überzeugt, dass Menschen das Evangelium hören werden wegen dem Corona-Virus.

Eine Antwort zu “Eine Kamera in einem leeren Raum – Hinweise für Online-Prediger”

  1. Hallo und Danke für den wertvollen Post! Toller Blog.

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