Der neutestamentliche Gebrauch des Alten Testament

Die neutestamentlichen Autoren verwendeten Zitate aus dem Alten Testament in ihren Predigten, Geschichten, Briefen und Gebeten. Sie gebrauchten sie, um zu argumentieren, zu illustrieren, zu belehren, zu dokumentieren, zu weissagen und zu tadeln. Sie waren immer und überall bereit, auf die unüberwindliche Autorität der Heiligen Schrift hinzuweisen. Jesus Christus selber ist ein äußerst fesselndes Vorbild in dieser Hinsicht – immer wieder, in ganz verschiedenen Situationen, gebraucht er das Alte Testament und bestätigt seine göttliche Autorität. Dieser Artikel untersucht die Bedeutung des Alten im Neuen Testament und geht auch auf Schwierigkeiten ein, die dem aufmerksamen Leser auffallen. – Gekürzte Wiedergabe eines Artikels aus Bibel und Gemeinde

1. Das Ausmaß der Bezugnahmen

Das Neue Testament enthält eine außerordentlich hohe Zahl an Zitaten aus dem Alten Testament. Es ist schwer, eine genaue Zahl anzugeben, da diese Zitate sehr unterschiedlich verwendet werden. Die Bandbreite reicht von einer entfernten Anspielung bis zu einem eindeutigen Zitat, das genau eingeführt wird mit Angabe der Quelle – von hier rühren die oft nicht geringen Unterschiede in den Erklärungen zu diesem Thema. (…)

Man kann aber ohne Übertreibung sagen, dass mehr als 9% des Neuen Testaments aus Zitaten oder direkten Anspielungen auf das Alte Testament bestehen (…) Einige Bücher wie die Offenbarung, die Briefe an die Hebräer und an die Römer sind beinahe durchtränkt mit alttestamentlichen Sprachformen, Anspielungen und Zitaten. (…) Wenn wir uns daran erinnern, dass zur Zeit des Neuen Testaments das Alte Testament nicht millionenfach gedruckt wurde, sondern nur als teure Handschrift zu erwerben war, so sind diese Tatsachen noch eindrücklicher.(…)

Von den 22 Büchern, die der hebräische Kanon zählt, gibt es nur 6 (Richter/Ruth, Hoheslied, Prediger, Esther, Esra/Nehemia und Chronik), auf die nicht ausdrücklich verwiesen wird. (…) Dabei ist zu bemerken, dass das ganze Neue Testament kein einziges ausdrückliches Zitat aus den Apokryphen des Alten Testaments enthält, welche die römisch-katholische Kirche als kanonisch betrachtet. Man kann diese Auslassung kaum als zufällig ansehen.

2. Die Autorität der Bezugnahmen auf das Alte Testament

Vom Anfang bis zum Ende des Neuen Testaments wird dem Alten Testament uneingeschränkte Autorität beigemessen. Wenn die neutestamentlichen Autoren etwas aus dem Alten Testament zitieren, so ist das immer normativ. An keiner Stelle bemerken wir die Tendenz, die Wahrheit irgendeiner Aussage des Alten Testaments in Frage zu stellen, darüber zu diskutieren oder sie zu verwerfen. Es gibt Stellen, die angeblich beweisen sollen, dass der Herr und die Apostel die Autorität des Alten Testaments manchmal in Frage stellten. Aber wenn man sie genauer untersucht, merkt man, dass sie im Gegenteil die Feststellung unterstützen (und keineswegs untergraben), dass der Herr und die Apostel die Heilige Schrift als Gottes Wort akzeptiert haben. (…) Es ist bemerkenswert, dass die neutestamentlichen Autoren und Jesus selber manchmal nicht zögerten, ihre ganze Argumentation auf ein einziges Wort aus dem Alten Testament zu stützen oder sogar auf die grammatikalische Form eines Worte.

Besonders aufschlussreich sind die Formeln, durch die die Verfasser des Neuen Testaments ihre Zitate einführen. (…) Diese Formeln betonen stark den göttlichen Ursprung des Alten Testaments und nehmen gewöhnlich Bezug auf Gott als dessen Autor. An einigen Stellen wird Gott als der Sprechende genannt – und zwar nicht nur, wenn das im Alten Testament schon ausdrücklich so steht, sondern gelegentlich sogar auch dann, wenn das AT-Zitat an sich ein Wort ist, das ein Mensch aussprach und manchmal an Gott richtete. Diese Worte „können nur unter der Annahme, dass die ganze Heilige Schrift eine Aussage bzw. eine Rede Gottes ist, als Gottes Aussage behandelt werden“ (1). Oft werden alttestamentliche Stellen einfach der Heiligen Schrift zugeschrieben, welche auf diese Art als Sprecherin personifiziert wird. (…) Warfield bemerkt: „Diese Handlungen konnten nur deshalb der Heiligen Schrift zugeschrieben werden, weil der Schreiber so sehr die Gewohnheit hatte, eine Stelle der Heiligen Schrift mit Gott als dem Sprechenden gleichzustellen, dass es ganz natürlich war, zu sagen: ‚Die Schrift sagt‘, wenn man in Wirklichkeit meinte: ‚Gott, wie es in der Heiligen Schrift geschrieben steht, hat gesagt.‘“ (2)

In einer Anzahl von Stellen erscheinen die göttliche und die menschliche Autorschaft Seite an Seite. (…) Diese Stellen liefern den klaren Beweis dafür, dass man die „Oberaufsicht“ Gottes nicht so verstand, als würde sie die menschliche Tätigkeit und die Eigentümlichkeiten der Verfasser auslöschen. Vielmehr hat Gott durch die verantwortliche und persönliche Arbeit von Menschen, die er für dieses heilige Werk berief und vorbereitete, für eine vollkommen angemessene Darstellung der Wahrheit gesorgt.

Die Einführungsformeln der Verfasser des Neuen Testaments offenbaren ihre Überzeugung, dass die Heilige Schrift „ewig aktuell“ ist. Dies zeigt sich besonders in den vielen Fällen, in denen das einführende Verb in der Gegenwartsform steht. (…)

Die neutestamentlichen Autoren verwendeten Zitate in ihren Predigten, Geschichten, Briefen und Gebeten. Sie setzten sie ein, wenn sie sich an Juden oder Griechen wandten, an Gemeinden oder Einzelne, an Freunde oder Gegner, an Neubekehrte oder reife Christen. (…) Sie waren immer und überall bereit, auf die unüberwindliche Autorität der Heiligen Schrift hinzuweisen.

Jesus Christus selber ist ein äußerst fesselndes Vorbild in dieser Hinsicht. (…) Jesus hat das Alte Testament immer wieder gebraucht und seine Autorität bedingungslos bestätigt.

3. Die (mangelnde?) Genauigkeit der alttestamentlichen Zitate

Wenn man die neutestamentlichen Zitate sorgfältig mit den ursprünglichen, alttestamentlichen Texten vergleicht, entsteht jedoch eine Schwierigkeit. Es scheint nämlich, als ob die Verfasser des Neuen Testaments sehr frei zitierten, und zwar sowohl in Bezug auf die äußere Form als auch auf die innere Bedeutung der alttestamentlichen Texte. Gegner der Verbalinspiration haben öfters diesen Einwand vorgebracht, und zwar vor allem in zweifacher Form:

  1. Da die neutestamentlichen Autoren nicht darauf geachtet haben, in völliger Übereinstimmung mit dem ursprünglichen alttestamentlichen Text zu zitieren, wäre es nicht möglich, dass sie die Lehre der vollen Inspiration vertraten. Sie hätten sonst größeren Respekt vor dem Buchstaben der Heiligen Schrift an den Tag gelegt.

  2. Es wäre nicht möglich, dass die neutestamentlichen Verfasser durch den Geist Gottes geleitet waren, wenn sie das Alte Testament „ungenau“ zitierten in bezug auf die Form oder „unrichtig“ in bezug auf den Sinn oder beides.

Das erste Argument greift vor allem die Inspiration des Alten Testaments an, das zweite die des Neuen. Beide können entkräftet werden, wenn man zeigen kann, dass die neutestamentliche Art zu zitieren vollkommen geeignet ist und in Einklang steht mit der größten Hochachtung für die angeführten Texte.

3.1. Prinzipien zur Form der Zitate

Es muss zugegeben werden, dass nicht jedes der folgenden Prinzipien sich auf jeden Fall anwenden lässt, aber ich bin der Meinung, dass sie je nachdem einzeln oder in Kombination miteinander in fast allen Fällen eine sehr befriedigende Erklärung scheinbarer Widersprüche liefern, und in allen Fällen eine mögliche Lösung bieten.

3.1.1. Die Verfasser des Neuen Testaments mussten ihre Zitate übersetzen (vom Hebräischen ins Griechische).

Ausführlich erklärt Professor Nicole die Herausforderungen, die sich dadurch ergeben. Es lag zwar eine griechische Übersetzung des Alten Testaments vor, die von den neutestamentlichen Autoren offensichtlich auch benutzt wurde (die sogenannte Septuaginta/ LXX), die jedoch an manchen Stellen das Original sehr frei wiedergibt und/ oder vom Masoretischen Text abweicht.

Es wäre unannehmbar, wenn sie aus diesen Fehlern einen Nutzen gezogen hätten. Wir finden jedoch im Neuen Testament kein Beispiel einer Schlussfolgerung oder Anwendung aufgrund der Septuaginta, die nicht auch vom hebräischen Text her beibehalten werden kann. (…)

Ihre [der Verfasser des NT] Bereitschaft, die LXX trotz ihrer gelegentlichen Schwächen zu gebrauchen, lehrt uns jedoch folgende wichtige Lektion: Die Grundbotschaft, die Gott mitteilen will, kann sogar durch eine Übersetzung vermittelt werden, so dass man eine Übersetzung gebrauchen kann, insofern sie mit dem Original übereinstimmt. Es wäre jedoch gefährlich, ein Argument auf irgendeinen Teil der LXX-Zitate zu stützen, der weder mit dem hebräischen Original noch mit der Intention der neutestamentlichen Autoren übereinstimmt.

3.1.2. Die Autoren des Neuen Testaments hatten beim Zitieren nicht die Regeln, die heute für wissenschaftliche Arbeiten gelten.

Insbesondere hatten sie keine Interpunktion wie: Anführungszeichen (um Zitatbeginn und -ende zu kennzeichnen), keine Auslassungszeichen, keine Klammern (um eigene Anmerkungen kenntlich zu machen) und keine Fußnoten (um die Herkunft der Zitate anzugeben). Ihre Art zu zitieren entsprach der damals üblichen und muss nicht heutigen Vorstellungen entsprechen.

3.1.3. Die neutestamentlichen Autoren paraphrasierten manchmal ihre Zitate.

Nicole geht auf verschiedene Zusammenhänge ein, in denen der alttestamentliche Text paraphrasiert wiedergegeben wird, und liefert fünf Gründe dafür, warum eine wörtliche Wiedergabe nicht immer vonnöten (oder sogar weniger sinnvoll) ist.

3.1.4. Oft gehen die neutestamentlichen Autoren nur andeutungsweise auf das Alte Testament zurück, ohne die Absicht zu haben, es zu zitieren

Es ist ganz natürlich, dass von Jugend auf durch das Wort Gottes geprägte Menschen spontan Redewendungen und Denkarten benutzen, die an das Alte Testament erinnern.

3.1.5. Die neutestamentlichen Autoren überliefern manchmal Worte, die andere zitiert haben.

3.1.6. Andere Prinzipien, deren Anwendung begrenzt bleiben muss:

  • Es ist möglich, dass die Texte im Laufe der Überlieferung verändert wurden
  • Wie in anderen inspirierten Texten wurde auch in den Zitaten die Persönlichkeit der Autoren respektiert
  • Der Geist Gottes hatte die Freiheit, die Ausdrücke, die er im Alten Testament inspiriert hatte, zu modifizieren

3.2. Scheinbare Bedeutungsänderung der alttestamentlichen Stellen

Es wurde manchmal behauptet, die neutestamentlichen Verfasser hätten die Grundgesetze einer gesunden Hermeneutik missachtet, sich einer künstlichen und rabbinischen Exegese schuldig gemacht und auf diese Weise öfters die Bedeutung der alttestamentlichen Stellen, die sie zitierten, verdreht. (…) Es gibt hoffentlich nur wenige Christen, die sich anmaßen würden, ihre eigene Interpretation als normativ hinzustellen, wenn sie derjenigen des Herrn Jesus oder seiner Apostel direkt widerspricht. (…) Viele haben erkannt, dass (trotz einiger schwieriger Stellen) die Auslegung des Alten Testaments durch das Neue ein helles Licht auf die Bedeutung des Alten wirft. (…) In einigen Stellen des Alten Testaments ist die Verbindung zum Neuen Testament so offensichtlich, dass es kaum möglich ist, an ihrer Anwendung zu zweifeln oder an der Tatsache, dass die Autoren des Alten Testaments einige Ereignisse oder Prinzipien des Neuen Bundes voraussahen. Dies ist jedoch nicht in jedem Fall notwendig.

Während die Lehre der Verbalinspiration verlangt, dass wir jede neutestamentliche Interpretation einer alttestamentlichen Stelle als legitim annehmen, so bedeutet das jedoch nicht, dass wir eine solche Interpretation notwendigerweise als die einzig mögliche ansehen, oder als würde sie die volle Bedeutung der alttestamentlichen Aussage wiedergeben. In vielen Fällen macht das Neue Testament eine besondere Anwendung alttestamentlicher Prinzipien, deren Erfüllung in mehr als in einem einzigen Ereignis besteht. (…) Viele Stellen werden im Neuen Testament zitiert, weil sie die neutestamentliche Situation ausgezeichnet charakterisieren, und nicht unbedingt als erfüllte Weissagungen.

4. Schlussfolgerung

(…) Wer die Bibel studiert, ist nicht verpflichtet, eine Lösung für alle Schwierigkeiten zu geben, denen er dabei begegnet. Es ist besser, Fragen ungelöst zu lassen, als zu einer gezwungenen oder gekünstelten Exegese zu greifen. Auch wenn für ein Problem keine Lösung angeboten wird, heißt das noch nicht, dass das Problem unlösbar wäre. (…)

Es war mir ein Vorrecht, viel Zeit in der Betrachtung aller Zitate des Alten Testaments im Neuen zu verbringen. Dieses Studium hat mich zu dem Schluss geführt, dass die in diesem Artikel erwähnten Grundsätze in jedem Fall eine mögliche Erklärung der Schwierigkeiten bieten, und zwar in vollkommener Harmonie mit der Lehre der biblischen Unfehlbarkeit. Ich behaupte keineswegs, dass sich alle Schwierigkeiten leicht auflösen lassen oder dass wir die letzte Antwort auf jede Frage besitzen würden. Für jeden mir bekannten Fall gibt es aber mögliche bzw. plausible Erklärungen. Daher wurde dieser Artikel auch mit einiger Zuversicht geschrieben. In Wirklichkeit erweisen sich gerade die Stellen, die als die schwierigsten gegen die volle Inspiration ins Feld geführt werden, eher als Bestätigung statt als Invalidation dieser Lehre, wenn man sie genauer untersucht. (…)

„Was aber zuvor geschrieben worden ist, das wurde zu unserer Belehrung aufgeschrieben.“
(Römer 15,4)

 

Fußnoten:

(1) B. B. Warfield, The Inspiration and Authority of the Bible, S. 143
(2) Ebd., S. 229

 

Hier der vollständige Artikel mit vielen Beispielen aus dem NT
(gekürzt/ zusammengefasst von Stefanie Vedder)