„Blind date“ – Mal gespannt, wen wir heute kennenlernen!

Sieghard, was sind das für „blinde Verabredungen“, die da bei euch in der Gemeinde laufen?

Ein- bis zweimal im Jahr laden wir alle Geschwister ein, jemanden anders aus der Gemeinde zum Essen einzuladen oder zu besuchen. Und weil wir die Beziehungen zwischen den Generationen und außerhalb des eigenen Freundeskreises fördern wollen, losen wir das aus.

Man weiß also vorher nicht, bei wem man landet?

Richtig, du bekommst eine Stunde vorher einen Anruf mit einer Adresse und darfst dich überraschen lassen, wer da wohnt. Oder du bist gespannt, wen du nach dem Klingeln vor deiner Haustür entdeckst.

Wie funktioniert das praktisch?

Die Geschwister können auf vorbereiteten Zetteln angeben, ob sie jemanden einladen oder besuchen möchten oder zu beidem bereit sind. Außerdem machen sie ein paar Angaben zur Besucherzahl, Allergien und Haustieren. Dann kommen alle Zettel in eine Kiste und die Kinder einer Familie ziehen blind die neuen Kombinationen.

Keine Manipulation und Spezialwünsche?

Nur eine offizielle Regelung: Paare, die es schon einmal gab, werden wieder in die Kiste geworfen. Wir möchten, dass es jedes Mal neue Kombinationen gibt.

Und das machen die Leute mit?

Jeweils etwa die Hälfte der Geschwister. Es ist völlig freiwillig.

Wie sind die Rückmeldungen?

Naja, es kommt ganz gelegentlich vor, dass jemand nach einem Besuch feststellt, dass das eher anstrengend war – aber auch das gehört zu einer Gemeinschaft dazu. Viele waren aber positiv überrascht, wie die Leute wirklich sind, die man sonst nur mit dem Sonntagsgesicht kennt. Zum Beispiel einige ältere Brüder – man entdeckt, wie intensiv ihr Gebetsleben ist, oder wie anders sie sonst sind.

Und – bringt das was für`s Gemeindeleben?

Definitiv! Oft erfolgen Gegeneinladungen. Manchmal entstehen daraus Beziehungen, manchmal Gebetspatenschaften für Jugendliche. Dadurch wiederum wächst gegenseitiges Verständnis, z.B. für bestimmte Familiensituationen oder bei Krankheiten. Man wird mit dem Urteil etwas sorgsamer. Die Bereitschaft zu helfen wächst, gerade bei schwierigen Lebenssituationen: z.B. einkaufen mit alleinstehenden älteren Schwestern, Rasenmähen oder Glühbirnen auswechseln. Es fördert auch Gebet füreinander und man fragt nach, was es bewirkt hat. Selbst Asylanten machen mit als Gastgeber und Gäste. Das hilft ihnen und uns bei der Integration.

Einige Geschwister sind danach auch mehr motiviert, regelmäßiger zu den Veranstaltungen zu kommen, weil die Beziehungen wachsen. Wir stellen wirklich fest, dass diese Sache unser Gemeindeleben sehr befruchtet!

Das hört sich fast zu gut an – gibt es nicht irgendwelche Haken bei der Sache?

Naja, wie gesagt: Gelegentlich kommt es vor, dass das Gespräch eher schleppend oder schwierig verläuft. Manche laden deswegen immer zwei Ehepaare oder mehrere Jugendliche ein, dann reguliert sich das Gespräch leichter.

Welche Voraussetzungen sollten erfüllt sein, damit das auch anderswo gut klappt?

In einer Zeit offener Konflikte wäre es schwierig, da kann man keine Gespräche blind arrangieren.
Die Familie darf sich nicht manipulieren lassen.
Wenn sich jemand beschwert, wird er an die Ältesten verwiesen. Wir sagen dann manchmal: „Der Herr lässt uns schon mal üben. Wir kriegen nicht immer nur liebe Leute zum Liebhaben.“

Herzlichen Dank nach Wermelskirchen!

 

Das Gespräch führte Marco Vedder.

 

Meldezettel Blind-Date_1-3