Belebung von Gott – kreative Gemeindepraxis

„Einen kleinen Augenblick Gnade, ein wenig Belebung“, dafür ist Esra in seinem Bußgebet in Kap.9,8-9 dankbar. „Gott hat uns nicht verlassen“. Und nochmal: „Er hat uns Belebung geschenkt, das Haus unseres Gottes aufzurichten und seine Trümmerstätte wiederherzustellen.“ – Wir sind heute in einer völlig anderen Situation als er – und doch spüren wir in vielen Bereichen den Bedarf an Belebung durch unseren Gott. Manches im Gemeindeleben hat gelitten im Lauf der Corona-Zeit – manches auch schon vorher … Der Kontakt zu einigen Geschwistern ist abgerissen. Für viele Kinder hat sich der Bezug zur Gemeinde oder zu ihren Freunden dort deutlich reduziert. Einiges an Gemeinschaft ist weggefallen, viel guter Input musste gestrichen werden.

Aber manche Gemeinden haben auch Belebung erlebt. Bei einem Zoom-Austausch von gut zwanzig Leitern aus verschiedenen freien Brüdergemeinden im Süden Deutschlands waren am 09.01.21 interessante Erfahrungen aus dem Gemeindeleben 2020 zu hören. Hier die interessantesten Auszüge:

Gemeindeleitung und Netzwerk

  • Die Einheit und Unterstützung im Gemeinde-Netzwerk: die Online-Angebote gerade während des ersten Lockdowns waren wichtig. Auch außerhalb des eigenen Netzwerks gab es gute Angebote, auf die manche Leiter ihre Gemeinden hingewiesen haben, solange sie als Gemeinde das technisch noch nicht leisten konnten.
  • Gemeindeglieder, die nicht zu den Gottesdiensten kommen konnten oder wollten, bekamen spätestens zum Jahresende eine Karte der Gemeindeleitung geschickt, um sie zu ermutigen. Die Leitung einer anderen Gemeinde hat sich die Geschwister aufgeteilt und jeden persönlich angerufen. Und noch woanders bekam jedes Gemeindeglied zu Ostern ein „Care-Paket“ für Leib und Seele von den Ältesten – kam gut an! Persönliche Ansprache, egal in welcher Form, ist wichtig!
  • Einheit trotz bestehender Meinungsvielfalt, auch in der Leitung, zu bewahren ist immens wichtig, um alle Geschwister beieinander zu halten und mitzunehmen.

Persönliche Beziehungen und Kleingruppen

  • Der Vorteil der kleinen Zellen – Hauskreise liefen an vielen Orten weiter und waren ein echter Segen für die beteiligten Geschwister. Sie haben sich gerade im Lockdown als starker Anker für Gemeinschaft und Stabilität erwiesen. Die Geschwister dort haben weniger, auch geistlich, gelitten. Mancherorts sind sie auch im Gemeindehaus abgehalten worden, unter den dort üblichen Hygienemaßnahmen für „gottesdienstliche Veranstaltungen“.
  • „2020 war ein gutes Jahr für Gemeindegründung„, meinte jemand aus einer jungen Arbeit. „Wir haben uns hauptsächlich auf private Kontakte konzentriert und sind mit den Leuten in die Tiefe gegangen.“ In den Corona-Monaten hat sich die Zahl der Interessierten und auch der Kleingruppen verdoppelt. Für Gottesdienste haben sie die Kleingruppen per Zoom gekoppelt. Nebenbei ist mit den Freunden der Kinder eine offene Teenkreisarbeit entstanden – sie suchen Ideen für Online-Spiele …
  • „Gemeinde liest Bibel“: gemeinsam 1-2 Monate lang das gleiche Bibelbuch lesen und dazu unaufwändige Beiträge von Geschwistern verteilen: eine Person liest den Text und ein (jüngerer oder älterer) Bruder gibt eine 3-5 minütige Videobotschaft, die jeder auf’s Handy geschickt bekommt.
  • Digitaler Adventskalender: Musikstücke, Lieder, Gedichte, Erfahrungsberichte, Bilder, Kinderbasteleiene etc. von Geschwistern sammeln und auf https://www.myadvent.net/de/ verfügbar machen.
  • Die Kleingruppen-Funktion von Zoom („breakout-rooms“) nutzen und die Geschwister nach dem Gottesdienst zum „Kirchen-Kaffee“ in zufällig zusammengesetzte Grüppchen einteilen. Natürlich ist es jedem persönlich überlassen, ob er sich in die kleine Gruppe einklickt – aber viele nutzen es gerne und lernen so auch immer wieder neue Leute ihrer Gemeinde (besser) kennen!

Veranstaltungen

  • „Wir mussten Flexibilität lernen“, z.B. Beerdigungen im kleinen Kreis mit Videoaufzeichnung für die anderen, Kinderstunden im Park …
  • Video-Übertragung in einen zweiten Raum ermöglicht es, auch mit Abstandsregeln einen Großteil der Geschwister bei den Gottesdiensten dabei zu haben. Die Alternative sind zwei Gottesdienste hintereinander zu feiern.
  • Eine Gemeinde hat das Brotbrechen in die Bibel- und Gebetsstunde unter der Woche verschoben und so sonntagsmorgens Zeit für einen „Familiengottesdienst“ nach der Predigt gewonnen. Da machen die Kindermitarbeiter im Gemeindesaal eine Kinderstunde – und weil die Eltern mit dabei sind, schaffen es auch die Kleinen, die notwendigen Abstände einzuhalten, ohne die Mitarbeiter verrückt zu machen. Der nun dreigeteilte Dienstagabend befriedigt nicht jeden der Erwachsenen, aber eine (fast) durchgängige Präsenz-Kinderstunde hat 2020 nicht jede Gemeinde hinbekommen!
  • Eine andere Gemeinde hat den Sonntagmorgen komprimiert: jeder Gottesdienst fängt mit einem Kinderprogramm an, gefolgt von einer kürzeren (25 min) Predigt und dem Brotbrechen.
  • In den etwas lockereren Monaten haben eine ganze Reihe von Gemeindefreizeiten stattfinden können. Trotz Berücksichtigung der jeweiligen örtlichen Hygienekonzepte waren es meist Oasen der Gemeinschaft und Ermutigung für die Geschwister!
  • Eine Gemeinde hat ihre „Anbetungsstunde“ (= das Brotbrechen, Abendmahl) komplett auf Zoom umgestellt. Anderswo wurde auch das eine Hybridveranstaltung – mit Schriftlesungen und Gebeten sowohl aus dem Gemeinderaum als auch aus dem digitalen Raum.
  • Da die Weihnachtsmärkte überall abgesagt waren, haben manche Gemeinden die Gutscheine und „Leben ist mehr“ Kalender weitflächig bei persönlichen Hausbesuchen verteilt. Ein Bruder baute ein Bücherregal auf seinen weihnachtlich geschmückten VW-Pritschenwagen und bekam dafür mehrfach eine Standgenehmigung in der Fußgängerzone.
  • Eine große Gemeinde hat neben der Gottesdienst-Teilnahme im Gemeindehaus und dem Zuschauen am Livestream noch Zoom als dritte Möglichkeit angeboten. Das bietet auch Geschwistern, die nicht in Präsenz teilnehmen können, einen (zumindest begrenzten) Ausweg aus der Anonymität des Livestreams.
  • Auch solche Veranstaltungen wie ein Gemeindeforum / eine Gemeindeversammlung lassen sich per Zoom machen – an einem Ort mit 40 Geräten lief das durchaus gut. An einem Ort werden Online-Gäste-Gottesdienste ausprobiert. Bibeltage ziehen online manchmal sogar noch mehr Zuhörer an, als normalerweise im Gemeindehaus zu diesem Anlass auftauchen. Wenn man Sonntagsmorgens damit beginnt und der Referent durch seine Predigt schonmal bekannt wird, lassen sich viele Leute auch an den folgenden 3-4 Abenden einladen.
  • Die Gebetsstunde per Telefonkonferenz – mit mehr Beteiligung als vor Corona.
  • Andere Gemeinden haben Openair für sich entdeckt: die Taufe am See, der Sonntag auf einer großen Wiese, mit E-Piano an der Autobatterie und Spielplatz nebenan, oder der Weihnachtsgottesdienst auf einem großen Parkplatz …
  • Viele ältere Geschwister sind auf digitalem Weg häufiger „in der Gemeinde“ als früher!
  • Veranstaltungen werden vielerorts aktuell stärker moderiert und besser vorbereitet. Oft werden auch neue Mitarbeiter gefunden, z.T. weil man aktiver in die Mitarbeit einlädt.
  • Viele Gemeinden sind durch Corona ins digitale Zeitalter katapultiert worden. Sie erreichen manche Leute, die nie (oder nicht mehr) in ihr Gemeindehaus kommen würden. Kreative Überlegungen („Könnte man Glaubensgrundkurse auch online anbieten?“) werden angestellt und Lösungen gefunden. Eine Gemeinde hat z.B. ihre älteren Geschwister mit Tablets ausgestattet und ermöglicht ihnen so die Online-Teilnahme an den Veranstaltungen. Manche haben dem Mangel an gemeinsamem Gesang gelegentlich eine virtuelle Chorproduktion entgegengesetzt: Musiker und Sänger schicken die Handyaufnahme ihres gemeinsamen Liedbeitrags einem Techniker, der alles zusammenschneidet und auf einen Bildschirm bringt.

Dabei gab es natürlich auch genügend …

… herausfordernde Beobachtungen und Fragen

  • Corona-Rückzug besonders älterer Geschwister, aber auch solcher, die schon länger innerlich „auf dem Zaun saßen“. Die Reaktion auf Corona sind sehr unterschiedlich: manche hängen ab (aus gesundheitlichen Gründen oder aus Bequemlichkeit) – manche machen mehr zusammen als früher!
  • Manche Geschwister, die die Coronamaßnahmen überflüssig fanden, sind in dieser Zeit in Gemeinden abgewandert, die diese laxer handhaben.
  • Manche Hauskreise haben gelitten. Die Teilnehmer sind der vielen Online-Treffen (auf der Arbeit etc.) überdrüssig geworden, und in Präsenz geht es zeitweilig nicht.
  • Wie (lange) ertragen wir es, nicht mehr gemeinsam singen zu dürfen?
  • Kinder- und Jugendarbeit, wo sie angeboten werden, werden manchmal nur mässig genutzt, weil die Kinder (und manchmal die Eltern …) keine Lust auf Maske etc. haben.
  • Großes Problem: wie kann man neue Leute integrieren bei den aktuellen Restriktionen? Die Hürden zur Gemeinschaft und Beteiligung sind hoch.
  • Wenn das Altenheim nebenan (oder der ganze Ort) zum Hotspot wurde, dann haben manche Gemeinden lieber zeitweilig auf ihr Recht zur Durchführung von Gottesdiensten verzichtet.
  • Wie sieht Gemeinde nach Corona aus? Was behalten wir davon? Was drehen wir zurück? Was sind die Erwartungen der Geschwister?

Verschiedentlich wurde festgestellt, dass wir es bei allen Schwierigkeiten doch trotzdem wirklich gut haben in Deutschland – und als Kinder Gottes nochmal mehr. Gott war gnädig! Obwohl soviel weniger bewusste Evangelisation passiert ist, sind an manchen Orten trotzdem Leute neu zur Gemeinde und zum Glauben gekommen. Und wir haben, bei allen Einschränkungen, weiterhin viele Möglichkeiten zur Nächstenliebe, zur gegenseitigen Ermutigung und Anteilnahme und zur Weitergabe von Gottes Wort. Gute Gründe zur Zuversicht!

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