Auf der Kanzel – Hinweise nicht nur für Predigt-Anfänger (1)

Einige praktische Tipps aus vierzig Jahren Erfahrung im Hören und Halten von Predigten: Was man im Blick haben sollte, wenn man Wort Gottes verkündigt.

Teil 1: Der Prediger und seine Zuhörer

1. Gewinne den Hörer

Die meisten Menschen kommen zum Gottesdienst, weil sie eine Predigt hören wollen. Das darf den Prediger nicht dazu veranlassen, seine Zuhörer nachlässig zu behandeln. Die Predigt ist so etwas wie eine geführte Wanderung zu einem Aussichtspunkt. Der Prediger ist der Führer, und die Hörer sollen von Anfang an den Eindruck gewinnen, dass sie an die Hand genommen werden und zu diesem Aussichtspunkt kommen, auch wenn zwischendrin der Weg etwas öde ist. Die ersten Minuten der Predigt sind wichtig für die Haltung der Hörer, ob sie diesen Weg willig mitgehen. (Etwas anders ist es, wenn die Erfahrung vorliegt, dass der Prediger in der Regel wirklich gut predigt. In diesem Fall kann er fast beliebig beginnen.)

Der Hörer soll in der Einleitung schon etwas davon ahnen, dass er in den nächsten Minuten eine Botschaft hören wird, die zumindest dem Prediger wichtig ist. Deshalb gehören an den Anfang auch keine Entschuldigungen über die eigene Anwesenheit.

2. Liebe zum Hörer

Es mag sein, dass man sich über Probleme in der Gemeinde ärgert. Man hört von Sünden oder ist enttäuscht, dass so wenig Wachstum zu sehen ist. Vielleicht zeigen sich immer wieder die gleichen Unarten und bringen uns auf die Palme. Wie berechtigt die Gründe sein mögen: Sie dürfen sich nicht als Bitterkeit oder Vorwurf in der Predigt wiederfinden. Etwa so: „Ihr habt doch keine Ahnung…“, “Es hat doch keinen Zweck…”, ”Darüber reden wir nun schon seit 15 Jahren…”, “Was wollt ihr eigentlich…”. Die Kanzel ist auch kein geeigneter Ort, um sich über eine mangelhafte Zuhörerzahl zu beklagen. Damit beschuldigt man die Falschen.

Nein, vor dem Prediger sitzen keine Gegner, sondern Menschen, die er mit viel Geduld und Liebe von einem geistlichen Anliegen überzeugen will.

3. Mehr Stoff als Zeit

Was tut der Prediger, der Predigtstoff für 40 Minuten hat, aber nur 25 Minuten Predigtzeit zur Verfügung hat? Die eleganteste Variante: Die für 40 Minuten vorgesehenen Inhalte unauffällig kürzen und in 25 Minuten an den Mann bringen.

Vermeiden sollte man diese Unarten:

  1. Der ständige auffällige Blick zur Uhr (der den Vorwurf enthält: Warum gebt ihr mir nur so wenig Zeit!).
  2. Der immer wiederkehrende Hinweis, dass man aus Zeitgründen leider nicht mehr sagen kann. „Ich würde gerne, aber ich habe ja nur 25 Minuten…“. Natürlich kann erwähnt werden, was in einem bestimmten Zusammenhang auch bedenkenswert wäre, man sollte aber vermeiden, dass diese Hinweise den Charakter einer Klage haben.
  3. Eine eindringliche Aufzählung der Punkte, die man leider alle weglassen muss.

Positiv ausgedrückt: Wir wollen die zur Verfügung stehende Zeit als Geschenk ansehen und gut nutzen.

4. Mehr Zeit als Stoff

Wenn es genau anders ist, also mehr Zeit verfügbar ist, als ich mit meinem Predigtstoff vernünftig füllen kann, dann gibt es nur eine Lösung: Schluss machen, wenn alles gesagt ist! Keine endlosen Wiederholungen, keine verkrampften Dehnübungen, bei denen alle Hörer Mitleid mit dem Prediger bekommen; keine Wanderung zu weiteren Bibelstellen, die zwar irgendwie die Zeit füllen, aber die Botschaft nicht klarer machen.

5. Keine Predigt gegen bestimmte Zuhörer!

In der Regel dürfen Beobachtungen und Nöte durchaus die Wahl der Predigttexte beeinflussen. Auch Erfahrungen in persönlichen Gesprächen können verwendet werden, um die geeigneten Inhalte zu finden („Im Gespräch mit …kamen wir auf folgende Frage…“). Falsch ist aber, wenn ich bestimmten Personen etwas in der Predigt mitteile, was besser in das persönliche Gespräch gehört. Besonders schlimm wird es, wenn nahezu jeder im Raum weiß, wer gemeint ist.

In diesem Rahmen müssen Prediger, die in einer für sie fremden Gemeinde sprechen, wachsam sein. Sie können über ein bestimmtes Problem informiert und zum Dienst gebeten werden. Die Gefahr besteht, dass man auf diese Weise einseitig informiert wird und sich damit zum Knecht bestimmter Interessen macht. Wer zu Konfliktsituationen Stellung nimmt, sollte zuerst beide Seiten gehört haben.

Genauso falsch ist es auch, sich als Beteiligter in einer Konfliktsituation mit Hilfe der Predigt Recht verschaffen zu wollen. Unfair ist dabei, dass sich der oder die Konfliktpartner nicht rechtfertigen können und alle Zuhörer einseitig beeinflusst werden.

6. Sachliche Argumentation statt polemischer Abwertung

Manchmal ist es erforderlich, etwas gegen andere Kirchen, Religionsgemeinschaften, Ideologien oder Sekten zu sagen. Dabei ist es dringend erforderlich, den Irrtum in der Sache klar zu beschreiben, zugleich aber den Eindruck der Arroganz, der Geringschätzung der anderen, zu vermeiden. Die Erfahrung zeigt, dass Anhänger einer bestimmten Kirche oder einer Lehre so etwas wie eine „Zuhörblockade“ haben, wenn der Prediger verächtlich macht, was ihnen heilig ist. Selbst sachlich korrekte Argumente werden dann kaum gehört.

7. Die Verwendung der Bibel fördern

Falls es zu unserer “Gemeindephilosophie” gehört, dass die Zuhörer die Bibel mitbringen und verwenden, kann der Prediger das fördern oder auch unterdrücken. Das beginnt damit, dass wir bei der Textlese erst zu lesen beginnen, wenn die Mehrzahl der Geschwister den Text gefunden hat. Wer den Text erst gefunden hat, wenn der Prediger spricht „…soweit Gottes Wort“, hat in der Regel den Anschluss verloren. Wenn er sich aufrafft, den Text selbst noch zu lesen, verpasst er aber, was der Prediger danach sagt und hat die nächste Lücke. Das ist kein guter Start.

Auch während der Predigt können wir helfen, die Bibel in die Hand zu nehmen und Beobachtungen am Text mit eigenen Augen zu sehen: „Wer die Bibel noch offen hat, sollte sich den Vers… anschauen und auf die Formulierung achten…“. Oder wir verweisen auf einen Satz und sagen: “Wer in seiner Bibel wichtige Sätze unterstreicht, sollte diesen auch markieren“. Oder wir verbinden es mit einer Frage: „Wer sieht die auffällige Steigerung im Vers…?“ Wir animieren also dazu, die Bibel nicht nur als Predigtgrundlage zu verstehen, sondern selbst mit ihr zu arbeiten.

8. Blickkontakt

Es gehört zum 1×1 der Kommunikation, dass man die Menschen ansieht, zu denen man spricht. Trotzdem kann man in dieser Frage verschiedene Eigenarten wahrnehmen. Manche blicken knapp über den Kanzelrand schräg nach unten auf den Fußboden. Andere zielen mit zusammengekniffenen Augen in eine der gegenüberliegenden Saalecken. Manche wiederum sehen zwar in Richtung Zuhörer, schauen sie aber nicht an, sondern blicken irgendwie durch sie hindurch, als würden sie versuchen, durch eine Flasche hindurch den Text auf der Rückseite zu lesen. Brillenträger sollen auf der Kanzel getönte Gläser vermeiden. Der Zuhörer sucht nicht den Kopf, sondern die Augen des Redners.

Wir sehen die Menschen an, zu denen wir sprechen. Nicht immer die Gleichen, auch nicht nur eine bestimmte Ecke im Saal, aber wir suchen den Blickkontakt, wann immer die Augen sich vom Konzept lösen können.

 

Fortsetzung folgt:

Teil 2: Der Prediger und seine Botschaft

Teil 3: Der Prediger und sein Arbeitsplatz