Auf der Kanzel – Hinweise nicht nur für Predigt-Anfänger (2)

Einige praktische Tipps aus vierzig Jahren Erfahrung im Hören und Halten von Predigten: Was man im Blick haben sollte, wenn man Wort Gottes verkündigt.

Teil 2: Der Prediger und seine Botschaft

1. Habe ich eine Botschaft auszurichten?

Für eine Einleitung in eine Bibelstunde ist diese Voraussetzung nicht zwingend, wohl aber für eine Predigt: Was möchte ich den Hörern sagen? Was sollen sie mit nach Hause nehmen? Was sollen sie am Mittagstisch sagen, wenn irgendwer fragt, worum es heute in der Predigt ging? Wenn ich keine Botschaft auf dem Herzen habe, brauche ich nicht auf die Kanzel zu steigen. Man sollte deshalb in der Vorbereitung nicht darum beten, dass man die Stunde irgendwie füllt, sondern dass man im besten Sinn Prophet ist: Gottes Wort in die konkrete Situation sprechen.

Daneben ist es immer ein wichtiges Ziel, die Person Jesu groß zu machen. So wichtig es sein mag, dem Hörer eine konkrete Handlungsanleitung mit auf den Weg zu geben, bei einer Predigt, die Gott und sein Wesen zum Inhalt hat, kann man darauf verzichten. Die Vorstellung von Gott zu verbessern ist ein ausreichendes Predigtziel.

2. Beschränke dich in der Wahl der möglichen Anwendungen

„Wer auf den Hirsch zielt, lässt den Hasen laufen.“ (Alois Henhöfer)

Manche Bibeltexte sind reich an denkbaren Anwendungen. Es ist nicht falsch, im Rahmen einer Predigt davon mehrere aufzugreifen – für Brüder am Anfang der Predigtpraxis ist das oft sogar nötig, um die Zeit gut zu füllen. Wer allerdings das Langzeitgedächtnis seiner Hörer im Visier hat, sollte sich beschränken. Lieber ein oder zwei Anwendungen mit Begründung, Beispielen, Hindernissen und Folgen beschreiben, als viele nur kurz berühren. Der Zuhörer leistet in der Regel die Arbeit der Übertragung in die konkreten Situationen des Lebens nicht selbst. Es ist die Aufgabe des Predigers, verkündigte geistliche Wahrheiten auf das Leben anzuwenden.

3. Betone das wirklich Wichtige

Ganze Teile der Predigt sind „Füllmaterial“: Einleitung, Erklärung von Zusammenhängen, historische Fakten, theologische Exkurse, Beispiele usw. Das ist normal und entspricht den Regeln der Kommunikation. Predigt kann nicht nur aus großkalibrigen Lehrsätzen bestehen. Damit diese, wenn sie dann gesagt werden, auch verstanden werden, brauchen sie viele vorbereitende Worte.

Also: Die Bauteile einer Predigt haben nicht alle das gleiche Gewicht. Die wichtigen Gedanken, die Zielsätze, auf die wir minutenlang hin predigen, müssen auf irgendeine Weise aus dem üblichen Redefluss herausgehoben werden: Durch die Stimme (Betonung, Lautstärke, Tonfall), durch einen „Weckruf“ („Wahrlich, ich sage euch…“), durch eine einprägsame Illustration oder durch Wiederholung. Das wirklich Wichtige darf nicht im Gleichmaß der sonstigen Worte untergehen!

4. Zwinge dich, über den gewählten Text auch zu reden

Man beobachtet auch bei im Predigtdienst erfahrenen Brüdern gelegentlich eine merkwürdige Entwicklung: Sie sprechen zwar über unterschiedliche Texte, finden in allen diesen Texten aber immer wieder die gleichen (Lieblings-) Gedanken.

Frage: „Worüber hat XY am Sonntag gepredigt?“ Antwort: „Wie immer – über die Endzeit und kreuz und quer durch die Bibel.“

Wenn diese Erscheinung auftritt, hat sie immer die gleiche Ursache: Man nimmt den Text nicht ernst. Er hat nur die Funktion eines Sprungbrettes. Man hüpft los, von einem Bibeltext zum nächsten oder von einem theologischen Hobby zum nächsten. Es ist einfach ein Mangel an Exegese und Meditation, der dazu verleitet, überall ähnliche Gedanken zu finden.

5. Wieviel weitere Texte darf man neben dem eigentlichen Predigttext verwenden?

Natürlich benötigen wir für manche Texte eine Ergänzung durch weitere Verse oder Textpassagen. Wir kennen das Prinzip, dass sich “Schrift durch Schrift” auslegt und wenden es auch an. Manchmal liefern andere Texte einfach eine einleuchtende Erklärung oder sind ein gutes Beispiel. Wie viele weitere Texte aber kann man im Rahmen einer Textpredigt anwenden?

Bei einer Textpredigt sollten wir nicht mehr als zwei bis drei zusätzliche Stellen lesen (bei denen auch die Hörer mitlesen sollen). Wenn wir wirklich mehr benötigen, sollten wir andere Texte einfach zitieren.

6. Übe es, den Bibeltext gut zu lesen

Viele Bibeltexte sind sehr schön anzuhören – wenn sie gut gelesen werden. Übe es, Bibeltext betont und ausdrucksstark zu lesen. Schon die richtige Betonung kann das Verstehen des Textes fördern. Es kann eine Hilfe sein einmal zu hören, wie ein Profi Bibeltext liest. Es sind inzwischen mehrere Hörbibeln auf dem Markt, die in dieser Hinsicht eine Fundgrube sind. Lies den Text eher etwas langsam. Der Prediger ist nicht auf der Flucht und es gibt keinen Grund, eilig durch den Text zu stolpern.

 

Siehe auch:

Teil 1: Der Prediger und seine Zuhörer

Teil 3: Der Prediger und sein Arbeitsplatz