Lügen über Gott – was machen wir damit?

Viele Gläubige schauen sich dieser Tage seinen Film an. Gelesen haben sein Buch Millionen. Geschrieben hat es ein Mann, der in seiner Kindheit und Jugend unglaublich tiefe Verletzungen davongetragen hat. Und der seinen sechs Kindern damit „von dem Gott erzählen wollte, der tatsächlich auftauchte, um mein gebrochenes Herz zu heilen – nicht von dem ‚Gott‘, mit dem ich in meinem modernen evangelikalen christlichen Fundamentalismus aufwuchs“ (S.236).

Begeisterung

Nicht nur in einer Gemeinde habe ich mittlerweile liebe Geschwister getroffen, die begeistert von der „Hütte“ erzählen. Wie wortgewandt William Paul Young da Fragen, Seelenzustände und innere Entwicklungen verständlich in Worte fasst, z.B. die dunkle Verzweiflung und unbeantworteten Fragen eines leidenden Sohnes und Vaters – wir fühlen uns verstanden. Wie nachvollziehbar über Hass und Vergebung nachgedacht wird – in Manchem hilfreich. Oder wie er die Kreativität, Weisheit, Güte, Geduld und vor allem die Liebe des dreieinen Gottes so gefühlvoll, facetten- und fantasiereich beschreibt – das ist ungewöhnlich. Young holt damit viele ab: solche, die bereits vorher hauptsächlich den liebenden Gott sahen und den Rest seiner Offenbarung nicht so ernst nahmen – aber auch solche, die, wie Young, von einem sachlichen, pflichtbetonten, oft gefühlsabweisenden Gemeindeleben geprägt sind und sich nach einer gefühlvolleren, ganzheitlichen Beziehung zu Gott sehnen. Und zwar nicht nur ehemalige Katholiken, wie wir sie in unserer Gegend viele haben, die Gott immer nur als strafenden, unnahbaren Richter präsentiert bekommen hatten – auch viele Evangelikale.

Viele Fragen

Seit das Buch 2007 auf den Markt kam, hat es sehr unterschiedliche Reaktionen hervorgerufen: Trost und Empörung, Dankbarkeit und Unverständnis. Es hat viele Fragen aufgeworfen. Jetzt läuft der Film – wie man hört, ebenfalls sehr berührend, aber auch nicht klarer. Wer die Dialoge in dieser fiktiven Geschichte aufmerksam verfolgt, kann allerdings bereits in diesem Werk ein aus meiner Sicht verformtes Gottesbild entdecken: z.B. wird Liebe gegen Gehorsam ausspielt, Beziehung gegen Gebote, und – hat er wirklich gesagt, dass jeder Mensch zu Gott gehört und, auch ohne persönliche Buße, bei Ihm sein wird?

Offene Karten

Spätestens seit zwei Monaten hat das Rätselraten ein Ende: Paul Young hat in „Lies we believe about God“ („Lügen, die wir über Gott glauben“ vom März 2017, die deutsche Übersetzung soll im September herauskommen) im Klartext geschrieben, was er glaubt. Vorweg erwähnt er zwar, dass „dieses Buch keine Präsentation von Gewissheit, sondern eher ein Vorgeschmack längerer Unterhaltungen“ sei. Aber er macht dennoch einige sehr unmissverständliche Aussagen.

Wie auch in der „Hütte“ (und vermutlich den beiden anderen Büchern, die ich nicht kenne) gibt es eine ganze Menge Nachdenkenswertes. Sehr bedauerlicherweise widerspricht er allerdings in einigen Kapiteln wichtigen, manchmal sogar grundlegenden Wahrheiten der Heiligen Schrift:

  • Eigentlich ist der Mensch gut
    „Gott ist gut – und ich bin es nicht“ sei eine gewaltige Lüge. Der Autor erzählt, dass er jahrelang von einem hartherzigen und selbstgerechten Missionars-Vater gedemütigt worden sei und dadurch das Gefühl bekommen hatte, nichts wert, nicht gut zu sein. Und dieser angeblich falsche Gedanke „Ich bin nicht gut“ würde in den konservativen Gemeindekreisen, in denen er aufwuchs, auch noch theologisch in Predigten und Liedern befeuert! Er hingegen ist zu der Überzeugung gekommen: „Ja, wir haben verkrüppelte Augen, aber wir haben keinen schlechten Kern. Wir sind wahr und richtig, aber oft unwissend und dumm, handeln aus dem Schmerz unserer Verdrehtheit, verletzen uns selber, andere und die ganze Schöpfung. Blind, nicht verdorben, ist unser Zustand.“ (S.35)
  • Jesus rettet alle
    S.117f: „Was ist das Evangelium? Die gute Nachricht ist NICHT, dass Jesus uns die Möglichkeit zur Errettung eröffnet hat und du eingeladen bist, Ihn in dein Leben aufzunehmen. Das Evangelium ist, das Jesus dich bereits in Sein Leben eingeschlossen hat, in Seine Beziehung mit Gott, dem Vater, und in Seine Salbung im Heiligen Geist. Die gute Nachricht ist, dass Jesus das ohne deine Zustimmung tat – und ob du es glaubst oder nicht, wird es nicht mehr oder weniger wahr machen.
    Was oder wer rettet mich? Entweder tat das Gott in Jesus, oder ich rette mich selbst. Wenn ich in irgendeiner Form teilnehme an dem vollendeten Werk der Errettung, das Jesus vollbracht hat, dann ist es mein Teil, der mich tatsächlich rettet. Rettender Glaube ist aber nicht unser Glaube, sondern der Glaube Jesu.
    Gott wartet nicht auf meine Wahl und „rettet mich“ dann. Gott hat entschieden und universal für die ganze Menschheit gehandelt. Unsere tägliche Wahl ist es, entweder zu wachsen und an dieser Realität Anteil zu nehmen oder weiter in der Blindheit unserer eigenen Unabhängigkeit zu leben.
    ‚Behauptest du gerade, dass jeder gerettet ist? Dass du an universelle Rettung glaubst?‘ Ja, genau das sage ich.“
    Young führt diesen Punkt noch weiter aus und widmet ihm am Ende des Buches einen achtseitigen Anhang. Die Lehre der Allversöhnung ist für ihn kein Nebengedanke, sondern ein sehr zentraler Inhalt, den er in seinen Büchern mit Entschiedenheit weiterträgt.
  • Auch in der Hölle wird man Gott nahe sein
    Logisch, dass Hölle dann natürlich auch keine Trennung von Gott bedeuten kann. Entweder – so seine Erklärung –, sie sei eine Schöpfung Gottes und könne uns damit laut Römer 8,38f nicht von Ihm trennen, oder sie sei keine Schöpfung Gottes und damit Teil Seiner Selbst: er schlage daher vor, „dass Hölle nicht die Trennung von Jesus ist, sondern der Schmerz, unserer Rettung in Jesus zu widerstehen und trotzdem nicht in der Lage zu sein, Ihm zu entkommen, der Wahre Liebe ist“ (S.137).
  • Mit dem Tod ist längst nicht alles aus
    In einem Gespräch brüskiert Young in Kapitel 21 einige gute Freunde mit der Feststellung: „Ich denke, Gott würde niemals sagen, dass, sobald du gestorben bist, dein Schicksal besiegelt ist und es nichts mehr gibt, was er für dich tun könne.“ (S.182) Sie argumentieren u.a. mit Hebräer 9,27, wie wir es tun würden, aber seine Überzeugung bleibt bestehen: „Persönlich glaube ich, dass die Idee, wir verlören beim physischen Tod unsere Fähigkeit zu wählen, eine signifikante Lüge darstellt, die aufgedeckt werden muss; ihre Auswirkungen sind vielfältig und weitreichend.“(S.185f) „Ich denke, dass das Ereignis des Todes eine Krise (krisis – das griechische Wort, wie in ‚Tag des … Gerichts‚) auslöst, einen wiederherstellenden Prozess, mit der Absicht uns zu befreien, in die Arme der Liebe zu laufen.“ (S.187).
  • Jeder ist ein Kind Gottes
    Mit der Analogie von Kindern einer menschlichen Familie und zwei Bibelversen begründet Young in Kapitel 24: „Jedes menschliche Wesen, das du triffst, mit dem du umgehst, auf das du reagierst und antwortest, das du unwirsch oder mit Freundlichkeit und Barmherzigkeit behandelst: jedes einzelne ist ein Kind Gottes. … Jedes menschliche Wesen ist mein Bruder, meine Schwester, meine Mutter, mein Vater – ein Kind Gottes.“ (S.206) Und dass es einen Unterschied zwischen Geschöpf und Kind Gottes gebe, hat er bereits eine Seite vorher vom Tisch gewischt. Er meint, was er sagt.
  • und niemand war jemals von Gott getrennt
    Und schließlich erklärt er in Kapitel 27, dass „Trennung ein fundamentaler Baustein jeder Religion“ sei. Wenn man von einer „Trennung“ ausgehe, sei man jeder Person mit guter oder schlechter Motivation ausgeliefert, die die ‚geheime‘ Formel gefunden habe, wie man über die Grenze zu Gott kommen könne. „Viele ‚meiner Leute‘ glauben, dass die folgende Feststellung in der Bibel steht, aber das tut sie nicht: ‚Du hast gesündigt, und du bist getrennt von Gott‘.“ (S.230f) Und weiter unten: „Wenn Trennung eine Lüge ist, bedeutet das, dass niemand jemals von Gott getrennt war? Genau das heißt es. Nichts kann uns trennen von der Liebe Gottes (Rö 8,38f)“ (S.232)

Zu diesen eindeutig unbiblischen Überzeugungen, die Paul Young in seinen Büchern transportiert, kommt seine Vorgehensweise. Manchmal gründet er sich auf die Schrift. Aber oft genug zeichnet er auch ein Zerrbild und zieht daraus Unterstützung für seine gegenteilige Auffassung. Oft spielt er Gottes Wunsch nach einer liebevollen Familienbeziehung zum Menschen aus gegen andere Elemente seines Wesens und seiner Beziehung zu uns. An einigen Stellen zieht er eine nicht einfache, aber biblische Grundaussage in Zweifel, indem er sie mit einer Vielzahl von schwierigen Fragen abschiesst. Und schlussendlich gilt für ihn die Liebe als der alles definierende Faktor, dem sich alle anderen Aussagen der Heiligen Schrift unterzuordnen haben.

So darf die Bibel nicht mehr meinen, was sie sagt.

Was machen wir als Mitarbeiter und Leiter christlicher Gemeinden damit?

Würden wir so jemanden einladen …?

… um in unserer Gemeinde ein Seminar oder auch nur eine Predigt zu halten? Jemandem mit solch einem „anderen Evangelium“ würden die meisten Leser wohl, wie Paulus, „die Gelegenheit abschneiden“, sich bei uns als Gesandte Christi profilieren zu können (2.Kor.11,4.12).

Paul Young ist ein unabhängiger Denker mit einem Herzen für verletzte, Trost suchende Menschen. Von solch einer Kombination kann man gewöhnlich sehr profitieren. Vor allem, da er selber durch sehr schmerzhafte Erfahrungen gegangen ist und dennoch an Gott festgehalten hat. Kann er nicht doch gute, lehrreiche Lektüre für uns oder unsere Geschwister sein?

Einige von uns sollten ihn wohl lesen, um die ehrlichen Fragen, die er thematisiert, und seine spezielle Art, mit ihnen umzugehen, zu verstehen. Es wird uns wieder begegnen im Denken von Geschwistern. Ansonsten leben wir in einem freien Land und wollen niemandem seine Lektüre vorschreiben. Aber vor einem leckeren Müsli, das mit ein bisschen unauffälligem Rattengift angereichert wurde, würden wir zumindest warnen, nicht wahr? Angesichts der wohl aufrichtigen Suche von Paul Young, sein Leben mit Gott zu führen, und angesichts etlicher Geschwister, die sein Buch als Segen und geistliche Ermutigung erlebt haben, macht es mich traurig, dennoch feststellen zu müssen, dass Young in seinen Büchern bewusst und aktiv Irrlehren (= Verstöße gegen grundlegende Aussagen der Heiligen Schrift) verbreitet. Wer seine Gedanken ungefiltert übernimmt, wird in einigen wesentlichen Punkten unbiblisch denken, ungesund leben und möglicherweise sich selber oder andere in die Gottesferne manövrieren, die Young leugnet. Und was die starken Seiten seiner Bücher angeht: wollen wir uns von jemandem, der bei den Grundlagen des Heils unbiblisch denkt, in anderen Bereichen christlichen Lebens oder Lehre prägen lassen? Wieviel Ausgewogenheit haben wir dort zu erwarten?

Die Frage ist, was „Habt Acht auf … die ganze Herde … Wacht!“ (Apg 20,28-31) konkret bei jedem von uns vor Ort bedeutet. Da gibt es unterschiedliche Ansätze:

  1. Kein Handlungsbedarf – unsere Geschwister lesen sowas nicht. (Wirklich?)
  2. Wir belehren unsere Geschwister systematisch und umfassend – damit sollten sie immun gegen so etwas sein.
  3. Wir werden die kritischen Themen in unseren Predigten der nächsten Zeit nochmal aufgreifen und biblisch erklären. Aber der Schwerpunkt wird auf positiver biblischer Lehre liegen, wir wollen falsche Gedanken nicht unnötig interessant machen.
  4. Wir hören uns in den Hauskreisen und bei den jungen Leuten mal um, ob das Buch oder der Film Thema ist und was die Leute so darüber denken. Dann reden wir persönlich darüber.
  5. Bei uns haben das auch einige gelesen/gesehen. Wir wollen einen Themenabend für Interessierte ansetzen unter dem Motto „Lügen über Gott – Hilfe und Verwirrung aus der Hütte“.
  6. Oder: …

Es gibt auch noch eine zweite Schiene

… über den aktuellen Anlass von Youngs Werken hinaus. Aufmerksamen Beobachtern fällt auf, dass der Typus des „verletzten Evangelikalen“ in den letzten Jahren häufiger vorkommt. Wahrscheinlich gab es sie immer schon, nur hörte man von ihnen nicht – sie verschwanden einfach, in anderen Gemeinden, oder in der Welt. Manche haben dann woanders ein gesundes Gottesbild und Heilung gefunden. Andere haben sich ein eigenes Gottesbild gebastelt, mit dem sie dann zurecht kamen. Ein paar von denen findet man jetzt in Buchregalen, Zeitschriften und auf Websites, so wie William Paul Young. Und sie stoßen in der Christenheit auf großes Interesse! Wieso gibt es solch einen großen Resonanzboden für ihre gefühlvoll-gefährliche Mischung aus Wahrheit, Hoffnung und Lüge? Vielleicht gibt es auch heute noch zuviele christliche Kreise, wo zwar die Gnade zur Errettung verkündet wird, aber das Leben in der Gemeinde anschließend recht gnadenlos vonstatten geht. Wo von Liebe geredet wird, aber man Fehler besser nicht zugibt. Wo Grüppchenbildung oder Sünden wie Unfreundlichkeit toleriert werden – und selber klarkommen muss, wer davon betroffen ist.

„Auf die Herde achten“ bedeutet auch, den Geschwistern in Lehre und Leben ein Gottesbild „vor Augen zu malen“ (Gal 3,1), das so ausgewogen wie möglich all das beinhaltet, was Er uns über sich selber offenbart. Seine Allmacht und Gerechtigkeit, und ebenso auch seine Liebe und Gnade. Geistliche Leiter werden nicht immer verhindern können, dass einzelne Geschwister eigenwillige Wege gehen. Aber sie können in der Gemeinde für eine Atmosphäre sorgen, in der aufrichtig nach Gott dürstende Geschwister Heilung finden und eine gesunde, liebevolle und gehorsame Beziehung zu Ihm leben können.

Uns interessiert, wie Mitarbeiter in verschiedenen Gemeinden damit umgehen. Wir freuen uns über Kommentare unten und werden ggf. in einigen Wochen eine erweiterte Version dieses Artikels anbieten.

PS: Keine Angst, www.gesunde-gemeinden.de soll nicht das nächste Portal der „christlichen Wächterszene“ werden. Aber das Wachen ist normaler Teil christlicher Leitertätigkeit. Und da dieses Thema tatsächlich in unseren Gemeinden auftaucht, sehen wir eine Verantwortung, es auch anzusprechen. Was jede Gemeinde damit macht, steht in der Verantwortung der jeweiligen Leiterschaft.

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