Gut – schlecht – naja? – Geistliche Lieder beurteilen

Meinungsunterschiede über Gesang und Musik hat es immer schon gegeben. Im normalen Leben stört das niemanden, jeder sucht sich eben die Sender oder Konzerte, die ihm passen. In einer christlichen Gemeinde ist das schwieriger – da muss man sich einigen, was und wie man singen will. Und zwar über alle Grenzen von Generationen, kulturellen, familiären und geistlichen Prägungen hinweg. Leider ist es da dann bei manchen mit der „Demut und Sanftmut, mit Langmut, einander in Liebe ertragend …“ vorbei und es wird manchmal heftig gestritten, manchmal beharrlich gestreikt. Die Positionen und vorgebrachten Argumente auf allen Seiten wiederholen sich.

Für Mitarbeiter, die sich in ihrer Gemeinde mit dieser Diskussion konfrontiert sehen, bringen wir im Folgenden einen Artikel, der anhand von Kritik an dem neuen Liederbuch „Glaubenslieder“ (2015) wertvolle Gedanken zur Auswahl und Bewertung von geistlichen Liedern erläutert. Während die Kommentare und Reaktionen auf das Liederbuch zu gefühlt 95% dankbar und wohlwollend sind, gibt es doch an einigen Orten auch kritische Anfragen. Beim Nachdenken darüber verweist der Autor hauptsächlich auf die Heilige Schrift. Gelegentlich zeigt er aber auch durch Vergleiche mit älterem, durchweg akzeptiertem Liedgut, dass sich die grundlegenden Prinzipien der Liedauswahl nicht geändert haben, auch wenn sich manche Lieder heute „anders anfühlen“.

Die Redaktion

 

„Ich ermahne euch nun, ich der Gefangene im Herrn: Wandelt würdig der Berufung, mit der ihr berufen worden seid, mit aller Demut und Sanftmut, mit Langmut, einander in Liebe ertragend!
Befleißigt euch, die Einheit des Geistes zu bewahren durch das Band des Friedens:
Ein Leib und ein Geist, wie ihr auch berufen worden seid in einer Hoffnung eurer Berufung!
Ein Herr, ein Glaube, eine Taufe, ein Gott und Vater aller, der über allen und durch alle und in allen ist.“
(Epheser 4,1-6)

 

Glaubenslieder 2015 – ein „fataler Kompromiss“?

Seit Bekanntwerden des Liedschatzes der „Neuen Glaubenslieder“ im Frühjahr 2015 kursieren Be- und auch Verurteilungen durch die Reihen der Geschwister. Auch mit Kritik am Herausgeberkreis wird nicht gespart, zum Teil bis hin zu übler Nachrede und Verleumdung. Wie kam der Herausgeberkreis zu der Liedauswahl? Wurden biblische Maßstäbe angelegt oder nicht? Wurden Bedenken ernst genommen oder leichtfertig beiseite gewischt? Öffnet man sich für „falsche Lehren“, „Verführungen“ und „falsche Praktiken“, wie mancherorts behauptet wird, wenn man das Liederbuch benutzt? Ist das Buch ein „fataler Kompromiss“, wie man in einer Rezension lesen kann?

Kriterien zur Auswahl des Liedguts

Geistliche Lieder müssen nach ihren Inhalten anhand allgemein anwendbarer Prinzipien beurteilt werden. Wir sollten anstreben, biblisch fundiert vorzugehen und dabei Sachlichkeit und Sachverstand walten lassen. Die Übereinstimmung mit biblischen Aussagen ist von höchster Relevanz.

Das entscheidende Kriterium, ob ein Liedtext ungeeignet ist, ist die Antwort auf die Frage: Wird im Lied tatsächlich etwas ausgesagt (oder bewusst unterschlagen), was im Konflikt zu dem steht, was in der Bibel tatsächlich und klar gelehrt wird?

Dabei sei an folgende Rahmenbedingungen erinnert:

  • Bei Liedern handelt es sich oft um poetische Texte mit Bildern, Vergleichen und Anwendungen. Nicht jeder Liedtext kann/ muss daher eine 1:1 Entsprechung im biblischen Wortlaut haben. Bei für unsere Ohren neuen Liedtexten tun wir uns oft schwer damit. Bei bekannten Liedern denken wir über die Zulässigkeit von Bildreden weitgehend nicht mehr nach.
    Beispiel: Lied 85 Str. 2: „Alle Namen deiner Frommen trägst du jetzt auf deiner Brust.“ – Wo finden wir im NT diese Aussage bestätigt? Wie selbstverständlich akzeptieren wir die Symbolik des aaronitischen Priestertums in der Anwendung auf unseren Herrn und kämen nicht auf die Idee, das Lied abzulehnen (trotz Hebr 7).
  • Ein einziges Lied kann nicht alle heilsgeschichtlichen Aspekte abdecken. Es darf sich auf ein Thema konzentrieren. Zu behaupten, nicht genannte Wahrheiten würden damit abgelehnt, ist willkürliche Spekulation und hält einer genauen Prüfung nicht stand.
    Beispiel: In Lied 38 „Wirf Sorge und Schmerz“ geht es um das eng begrenztes Thema unseres Verhältnisses zu unserem Vater auch in Zeiten der Not. In diesem Lied wird nichts darüber gesagt, wie wir in dieses Kindschaftsverhältnis kamen; das Leiden und Sterben unseres Herrn Jesus Christus wird nicht erwähnt; die Wörter „Gott“, „Jesus“ und „Christus“ kommen nicht vor, nur einmal „Herr“. Und doch ist uns selbstverständlich klar, welcher „Herr“ gemeint ist, und dass alles nicht Erwähnte die Grundlage für die Wahrheit dieses Liedes ist.

Wir sollten daher ungeeignete Kriterien von uns weisen, da sie nicht wirklich der Ehre des Herrn dienen, sondern eher Unfrieden und Parteiungen fördern (vgl. Rö 16,17). Dazu zählen alle menschlichen und gemeindlichen Traditionen, Spekulationen, exegetische Spitzfindigkeiten und die Verallgemeinerung eigener Erfahrungen. Meiner Beobachtung nach ist vor allem eine falsch verstandene Absonderungslehre Ursprung vieler Bedenken bzw. Verurteilungen. (Die Schrift fordert uns zur Absonderung von der Sünde und dem System „Welt“ auf, doch niemals von Mitgeschwistern! Korrektive Seelsorge innerhalb der Ortsgemeinde ist hier nicht das Thema.)

Natürlich sollen wir wachsam sein und alles prüfen, was in den Gemeinden gelehrt und praktiziert wird. Doch wenn wir in 1 Thess 5,21 dazu aufgefordert werden, dann müssen uns das einzig zu(ver)lässige „Prüfverfahren“ und der Maßstab klar sein. Wonach bewerteten die Christen in Beröa die Predigten des Paulus? Nur Gottes Wort kann und muss der allein gültige Maßstab sein, den wir an alles anlegen, was wir beurteilen. Und so ist auch völlig klar, dass nicht darum gehen kann, etwas gutzuheißen, was die Bibel als Sünde oder Irrlehre bezeichnet. Aber wir wollen weder etwas vom Wort Gottes wegnehmen oder es entwerten noch etwas hinzufügen oder menschliche Gedanken (und seien sie noch so anziehend verpackt – vgl. Kol 2,4) auf die gleiche Ebene mit Gottes Wort heben. Und wenn Gott Lehrer und Hirten gegeben hat, so müssen sich auch ihre Aussagen immer am Wort Gottes messen lassen (vgl. 1 Petr 4, 11; Jak 3,1). Wer allerdings Erkenntnisunterschiede zum Kriterium für Trennung unter Geschwistern macht, dem sei mit 1 Kor 8,2 und 13,9 ins Gedächtnis gerufen, wie es um unser Erkennen bestellt ist.

Im Folgenden werde ich auf einige Bedenken eingehen, die in einigen unserer Gemeinden kursieren, wenn es um die Beurteilung bestimmter Lieder bzw. Liederbücher geht, und Impulse geben, sie von der Bibel her zu bewerten. Dabei ist es hilfreich, die Bibel und eine Ausgabe der neuen „Glaubenslieder“ zum Nachschlagen bereitzuhalten.

Zehn häufig geäußerte Bedenken und ihre Bewertung von der Bibel her

1.Behauptung:

Die Tradition wird nicht ausreichend gewahrt, denn man erkennt unzureichendes Bewahren des „alten Erbes der Brüderbewegung“, stattdessen Aufnahme von neuen Liedern, welche „dem Erbe der Brüderbewegung nicht entsprechen“, sondern „andere Wurzeln“ haben.

Bewertung:

Die überaus positive Beurteilung der eigenen Gemeindetradition und die Abgrenzung einer Gemeindegruppierung oder Bewegung gegenüber allen anderen (Exklusivität) wird auch als starkes Kriterium für die Abgrenzung beim Liedgut angeführt. Die bloße Zugehörigkeit oder eben Nichtzugehörigkeit zu einer Gruppe scheint ein höheres Gewicht zu haben als Inhalte und Übereinstimmung mit biblischen Wahrheiten. Eigene Traditionen werden zum Teil vorbehaltlos und ungeprüft gleichgesetzt mit biblischer Wahrheit. „Der Irrtum muss bei den anderen liegen“, so denkt man schnell – auch wenn man es meist nicht offen ausspricht.

  • Doch ist ein Lied allein dadurch für die Gemeinde heute geeignet, weil es ein bestimmtes Alter hat und die Großväter (im Glauben) es bereits gesungen haben?
  • Wollen wir behaupten, dass nur Lieder aus der Feder solcher Personen akzeptabel sind, die einer bestimmten Gemeindebewegung zugezählt werden?
  • Hat ein Liederbuch für die Gemeinde die Funktion eines Archivs für alte Lieder? Müssen Lieder erhalten werden, die selten bis gar nicht mehr gesungen werden?
  • Müsste das Liedgut nach dem Prinzip „Alte mit den Jungen“ (Ps 148,12+13) nicht zu einer gewollten Vielfalt innerhalb praktikabler Grenzen führen?
  • Wenn es tatsächlich ein „Erbe der Brüder“ gibt, welches es zu bewahren gilt, welche Dinge wären besondere Kennzeichen? Es sind Wahrheiten wie z.B
    • die Errettung allein durch Christus und sein Werk, die Gnade Gottes und den Glauben
    • die Liebe zu Gott dem Vater und zu seinem Sohn Jesus Christus und zu seinem zuverlässigen und irrtumslosen Wort
    • die Wirksamkeit und Leitung des Heiligen Geistes, der in uns Wohnung gemacht hat, im ganzen Leben, insbesondere aber auch durch unterschiedliche Gaben im Dienst für die Gemeinde
    • die Lehre vom einen Leib, der Gemeinde Christi, zu dem alle von neuem geborenen Gotteskinder gehören und bei dem Christus selbst das eine Haupt ist
    • das allgemeine Priestertum aller Gläubigen ohne die Notwendigkeit eines menschlichen Mittlers oder einer besonderen von Menschen eingesetzten klerikalen Hierarchie
    • die Erfüllung des Wunsches unseres Herrn, in besonderer Weise an ihn zu denken und seinen Tod zu verkünden durch die von ihm eingesetzten Zeichen bis er kommt
    • das Warten auf den wiederkommenden Herrn und die untrügliche Hoffnung auf einen neuen Himmel und eine neue Erde nach seiner Verheißung

Welches der Lieder in den Glaubensliedern 2015 widerspricht diesen Wahrheiten?

2.Behauptung:

Man muss Mt 12, 30 beachten: „Wer nicht mit mir ist, ist gegen mich, und wer nicht mit mir sammelt, zerstreut.“ Somit ist Trennung angesagt.

Bewertung:

Beachten wir beim Auslegen und Anwenden von Einzelversen den Zusammenhang. In Mt.12 geht es um eine Trennung zwischen Licht und Finsternis. Wollen wir behaupten, dass wir im Licht sind und andere Christen eigentlich noch in der Finsternis? Müssten wir ihnen dann nicht konsequenterweise auch die Errettung absprechen (vgl. 1 Petr 2,9; 2 Kor 6, 14)?

Beachten wir genauso eifrig auch Mk 9, 38-40? Die andere Art der Arbeitsweise wird von Jesus nicht verurteilt. Vergleiche auch Paulus in  Phil 1, 15-18.

3.Behauptung:

Lieder kommen aus einem „völlig anderen Geist“ oder aus „bösen geistlichen Einflüssen“.

Bewertung:

  • Wie viele Geister werden letztlich im Wort Gottes unterschieden, wenn man den „eigenen“ (Rö 8,16; 1 Kor 2,11) nicht zählt? Wie viel Quellen gibt es? Lassen wir Gottes Wort selbst sprechen in 1 Kor 12, 3 und 1 Joh 4, 1-3. Hier gibt es keine ungewisse Grauzone.
  • Wollen wir wirklich behaupten, manche Dichter seien nicht vom Geist Gottes geleitet worden? Von welchem Geist sind sie denn dann geleitet worden oder besser gesagt von wem dann in letzter Konsequenz? Deckt sich die kühne Behauptung der „bösen geistlichen Einflüsse“ mit den Aussagen der Bibel?
  • Ist man sich der letzten Konsequenz dieser Behauptung gegenüber anderen bewusst, die sich selbst ebenfalls als Glieder des einen Leibes sehen, dessen einziges Haupt Jesus Christus ist?

4.Behauptung:

Verwendete Begriffe und Formulierungen entstammen einer „anderen Geistesströmung“.

Bewertung:

  • Zum „Geist“ siehe voriger Punkt
  • Manche Christen neigen dazu, die Wortwahl in der von ihnen hauptsächlich verwendeten Bibelübersetzung als einzig zulässig anzusehen. Wir tun uns oft schwer, wenn eine Formulierung für unsere Ohren ungewohnt klingt, weil sie dem bei uns gebräuchlichen „offiziellen Sprachgebrauch“ nicht entspricht. Ob wir uns vielleicht manchmal – geprägt durch kulturelle und gemeindliche Herkunft – selbst Grenzen auferlegen, wo Gottes Wort uns Freiheit lässt?

Einige Beispiele für Kritik an Begrifflichkeiten, die in Liedern verwendet werden:

  • „erfüll mich neu mit deinem Geist“: Wie verstehen wir Eph 1,17; Eph 5,18?
    Was ist mit Lied 141 und dem Text von Rudolf Brockhaus „… erfüll mit deinem Geist die Seele deiner Knechte!“?
  • „Macht“ o. „Kraft“: Was sagen Eph 1,19; 6,10; Kol 1,11; 2 Kor 3,5; 4,7; 12,9+10; Kol 1,29; Offb 5,12 usw.?
    Viele alte Brockhaus-Lieder drücken diese Wahrheiten aus. Andere enthalten diese Gedanken ebenfalls, wie z.B. Lied 163 „…meine Stärke…“; Lied 205 „…aber du hast Kraft…“
  • „König“ o. „Reich“: Wie gehen wir um mit den Aussagen in Apg 1,3; 17,7; 28,23+31; Röm 14, 16-18; Kol 1,13; Kol 4,11; 1 Thess 2,12; Joh 18,36; 1 Tim 1,17; 1 Tim 6,15; 1 Pe 2,9; Off 1,5+6; 17,14; 19,16?
    Gerne singen wir mit Lied 126 vom „Königtum“. Gibt es ein „Königtum“ ohne König?
    Auch wenn wir nicht primär eine irdische Verheißung haben und nicht primär ein irdisches Königreich erwarten, so bleibt doch die biblische Tatsache unumstößlich bestehen, dass Jesus Christus König ist und bleibt und herrschen wird und wir mit ihm (Offb 5,10; 20,6; 22,5). Sprechen wir also von Erkenntnisunterschieden oder Irrlehren?
  • „Freund“: Haben wir Joh 15, 13-15 richtig verstanden? Wissen wir, was die Bibel meint, wenn sie von echter Freundschaft spricht (vgl. Spr 17,17; Jak 2,23)? Das hat nichts von salopper Plumpheit, sondern drückt innige Verbundenheit und respektvolle Vertrautheit aus. Carl Brockhaus sprach vom „Freund der Deinen“ (GL1/10) und Zinzendorf redet den Herrn Jesus in Lied 150 als „holder Freund“ an.
  • „Leidenschaft“: Hier spielt uns, wie zuvor, unser eingeschränktes Sprachverständnis einen Streich. Es bedeutet im jeweiligen Kontext eben nicht nur „böse Lust“, sondern – verwandt mit „Inbrunst“ – eine völlige Hingabe gemäß Mk 12,32f und Hl 8,6.
  • Die Verwendung des Namens „Jesus“ ohne direkte Kombination mit „Herr“ oder „Christus“ sei respektlos – Woher leitet sich diese Regel ab? Wenn nie vom „Herrn“ oder „Christus“ die Rede ist, dann ist es in der Tat bedenklich. Wir sollten jedoch auch hier den biblischen Befund berücksichtigen: Röm 3,26; 2 Kor 11,4; Eph 4,21; 1 Thess 1,10; 1 Thess 4,14; Heb 3,1; Heb 12,2; 1 Jo 4,3; 1 Jo 4,15; 1 Jo 5,5.
  • Die Aneinanderreihung von Eigenschaften und Namen Gottes sei gedankenloses Geplapper: Ohne Bedenken singen wir meist Lieder wie 15, 214, 223. Und haben wir diesbezüglich schon einmal Ps 18 und 84 sowie Offb 1, 4-8 gelesen? Wo sollen wir anfangen, wo aufhören? Vgl. auch Ps 40,6; bereits die Dichter der Lieder 1, 2, 17, 94 und vieler anderer mehr haben das erkannt.
  • «Krank» und «Heilen» — Beachten wir 1 Kor 11,30; Jak 5, 15+16 und denken wir nicht zwingend an unbiblische Praktiken.
  • „Geheimnis“ – „verborgen“ – „Christus in uns & wir in ihm“ – siehe Kol 2, 1-3; 1 Kor 2, 6-16; Eph 3, 14-21; Eph 5, 32; Rö 11,33; Joh 14, 23; Joh 17, 22; Röm 6, 4-6; Gal 2, 19-20; Kol 1,27; Phil 3, 10.

5.Behauptung:

«Ein fauler Baum kann nur faule Frucht bringen.»

Bewertung:

Ein beliebtes, weil vordergründig einleuchtendes Argument, ist die Anwendung des Bildes vom Baum und seinen Früchten. Man spricht von „anderen Wurzeln“. Daher könnten die Früchte einfach nicht gut sein, wird gefolgert. Ist dies die Kausalkette, welche wir in Gottes Wort finden?

Was genau lesen wir Mt 7,15-20? Was sollen wir beurteilen und worauf danach Schlüsse ziehen? Welche Reihenfolge wird uns in Gottes Wort angegeben? Sollen wir den Baum (oder die Wurzel) beurteilen und dann auf die Früchte schließen? Oder sollen wir die Früchte beurteilen, die uns dann erkennen lassen, wie es um den Baum bestellt ist?

Es heißt: „An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen“, nicht umgekehrt. Natürlich gibt es einen Zusammenhang, aber beachten wir unbedingt, was wir prüfen sollen. Merken wir, wie hier eine eigenwillige Auslegung nur dem Selbstzweck dient und dabei in die Irre führt?

6.Behauptung:

«Bestimmte Liedinhalte sind für unsere Gemeinden ungeeignet oder gar ungeistlich, manche ich-bezogen».

Bewertung:

Wer zieht hier welche Grenze zwischen „geeignet“ und „ungeeignet“ und mit welchem Maßstab? Dem der Tradition? „Das hat es bei uns noch nie gegeben“ (siehe oben) ist eine der denkbar schlechtesten Begründungen.

Die Psalmen bieten reichlich Anschauungsunterricht, was Inhalte geistlicher Lieder sein können (unter Berücksichtigung des heilsgeschichtlichen Kontexts):

  • Die Eigenschaften Gottes (Heiligkeit, Macht, Barmherzigkeit, etc.)
  • Die großen Taten Gottes (Schöpfung, Weltgeschichte, Heilsgeschichte, besonders aber in und durch Jesus Christus, in der Gemeinde und persönlich)
  • Den Dank für Seine Gaben für uns (materiell wie geistlich)
  • Unsere enge Beziehung zu Gott (vgl. Ps 18,1)
  • Unsere Erfahrungen mit Gott (in Freude und Leid)
  • Unsere Nöte und Sorgen, Bitten und Flehen, auch ganz persönlich (vgl. Ps 73)

Der Psalm als gesungenes Gebet dient als Vorbild (vgl. Apg 16, 25; Hebr 2, 12; Phil 4,6)

(Vergleiche auch Lied 223 „ Wir haben einen Felsen“ – „Wir haben, wir, wir…“ –  ist das Lied ich-bezogen oder zum Preise Gottes?)

7.Behauptung:

«Viele Lieder sprechen das Gefühl an und stehen damit im Widerspruch zur Aufforderung zur Nüchternheit.»

Bewertung:

Alle Lieder haben mit Gefühl zu tun. Das liegt im Wesen von Musik und ist auch biblisch belegt (Jak 5,13; 1 Sam 16,14-23; 2 Kö 3,14-15 und viele Psalmstellen). Wer singt Lied 126 auf einer Konferenz mit 1000 Teilnehmern ohne jegliche Gefühlsregung? Ist das unnüchtern oder gar Sünde? Oder ist es vielmehr der Ausdruck eines zutiefst mit Dank erfüllten Herzens, welches Gott anbetend preist?

Man kann hier „auf beiden Seiten vom Pferd fallen“. „Deutsche Brüder“ sind hier gleich doppelt „nüchtern“, im Vergleich zu wiedergeborenen Gotteskindern auf anderen Kontinenten, aber nicht zwingend im Sinne der biblischen Aussagen.

Natürlich kann das Gefühl bewusst und manipulativ von außen beeinflusst werden durch das gezielte Schaffen einer bestimmten Atmosphäre – z.B. durch Form und Gestaltung eines Raumes, Dekorationselemente, Beleuchtung, Gerüche, Klänge, gruppendynamische Prozesse, suggestive Rednern, etc. Dadurch sollen in der Regel die Voraussetzungen für die Vermittlung und leichte Aufnahme einer bestimmten Botschaft geschaffen werden (z.B. angebotene Produkte zu kaufen). Solche Praktiken sind ein alltägliches Phänomen, ohne das keine Werbung und kein Einkaufszentrum auskommt. Sie dienen einzig zu dem Zweck, die Wahrnehmung und Beurteilung zugunsten des Gefühls und zu Lasten des Verstandes zu verschieben. Solche Mittel und Methoden im geistlichen Bereich anzuwenden widerspricht tatsächlich biblischen Prinzipien nach 1 Thess 5,6 oder 1 Petr 5,8. Das im NT verwendete griechische Wort von „nüchtern“ steht im Gegensatz zu einem Rausch durch übermäßigen Genuss von Wein, wodurch klares Denken und rechte Beurteilung nicht mehr möglich sind.

Biblische Begriffe wie „Friede“ und „Freude“, aber auch „Traurigkeit“ sind hingegen Gefühle, die nicht menschlich manipulativ herbeigeführt werden, sondern Folgen von Gottes Wirken sind. Dieses Handeln Gottes kann durch den Heiligen Geist in mir bewirkt werden (vgl. Phil 4,7), u.a. auch durch das Beschäftigen mit der Person und dem Werk unseres Herrn Jesus Christus.

Beispiele:

  • Wer sich durch das Wirken des Heiligen Geistes vor Gott als Sünder erkennt und seine Verlorenheit begreift, wird dies nicht ohne innerste Gefühle tun können. Buße ist niemals allein eine Sache des Verstandes (vgl. 2 Kor. 2)!
  • Wer Jesus Christus in seinem Leiden im Garten Gethsemane und auf dem Weg ans Kreuz betrachtet, muss unweigerlich innerlich ergriffen sein beim Anschauen dieses Gehorsams und dieser Liebe. Fehlende Gefühle sind hier kein Zeichen von Nüchternheit, sondern eines gestörten Verhältnisses zum Herrn.
  • Wer die herrliche Tatsache der Erlösung durch Sein Blut ergriffen und begriffen hat, wird den Frieden mit Gott und die Freude darüber in seinem Inneren spüren. Die Freude über die Erlösung, Errettung oder Befreiung war im Alten wie im Neuen Testament immer nach außen sichtbar, teilweise sogar deutlich hörbar (vgl. Apg 3, 8f).

Viele weitere Aspekte von Gott gewirkten „Gefühlen“ ließen sich ergänzen. Und von Gott begabte Menschen haben versucht, diesen Gefühlen durch Lieder mit Texten, Melodien und Harmonien Ausdruck zu verleihen. Hier wird das Gefühl nicht von außen „gemacht“, um das Innere zu manipulieren, sondern kommt aus dem Inneren und wird dann nach außen getragen. Das von mir gesungene Lied ist ein äußerer Ausdruck dessen, was im Inneren geschehen ist oder der Heilige Geist währenddessen in mir wirkt.

So gesungene Lieder schaffen in der Gemeinde eine gottgewollte Verbindung zwischen Glaube, Verstand und Gefühl. Denn Gott hat uns ja als Einheit aus Geist, Seele und Leib erschaffen.

8.Behauptung:

«Hat ein Autor selbst oder haben Christen, mit denen er Umgang pflegt, einen vermeintlich ‚falschen‘ theologischen, gemeindlichen oder persönlichen Hintergrund, dann geht dieses ‚Böse‘ unmerklich auf die Sänger seiner Lieder über, ob sie es wollen und merken oder nicht.» (Die sogenannte „unmerkliche Verunreinigung“; das Lied selbst muss dabei nichts Verwerfliches beinhalten.)

Bewertung:

Was sind die biblischen Belege für diese (seit Mitte des 19. Jahrhunderts gepflegte) „Verunreinigungstheorie“, die im geistlichen Mäntelchen daherkommt? Ist das noch biblisches oder vielleicht eher mystisches Denken? Vergleiche dazu Kol 2,21-23!

Einige (Gegen-)Beispiele:

  • Wer vertritt die Taufe von Säuglingen durch das Singen der Lieder 93, 175, 227?
  • Wer wurde zum „Allversöhner“ durch das Singen des Liedes 22?
  • Wer wurde zum Anhänger des Papstes u. Marienverehrer durch die Lieder 5 u. 199?
  • Wer wurde zum Freimaurer durch Lied 220?

Wie bereits oben angemerkt liegt hier die große Gefahr darin, Erkenntnisunterschiede von Personen zum Maßstab für ein Lied zu machen, selbst wenn im Lied diese „mangelnde“ Erkenntnis gar nicht thematisiert wird. Bedauerlicherweise gewichtet man diese dann ähnlich stark wie unstrittige biblische Wahrheiten. In letzter Konsequenz könnte man so überhaupt keine von Menschen gedichteten oder komponierten Lieder mehr singen, da wir alle fehlbar sind und unsere Erkenntnis Stückwerk ist…

9.Behauptung:

«Sind Lehre oder Praxis in anderen Gemeinden, wo das Lied ebenfalls gesungen wird, unbiblisch, dann greift dieses ‚Falsche‘ durch das Singen jenes Liedes auch auf andere Gemeinden über.» (Dem vorigen Punkt sehr ähnlich, aber noch weitreichender in den angeblichen Auswirkungen. Hier stehen nicht die Komponisten oder Dichter im Vordergrund, sondern das Singen der Lieder durch andere.)

Bewertung:

Wenn diese Argumentation stimmt, müsste man dann nicht jegliches Handeln stoppen, wenn es andernorts falsch angewendet oder interpretiert wird? Wären das Ergebnis einer solchen Einstellung wohl lebendige Gemeinden zur Ehre Gottes?

Beispiele:

  • Einheit des Leibes: Drückt Lied 150 eine biblische Wahrheit (nach Joh 13-16 und 1 Kor 12) aus oder fördert es die Gefahr von Allianz und Ökumene? – Das sahen einige Personen um 1936 und 1945 so und verweigerten seinerzeit die Aufnahme des Liedes in die „Kleine Sammlung geistlicher Lieder“.
  • Mahl des Herrn: Ist das eine biblische Wahrheit und Aufforderung (Luk 22,15-20; 1 Kor 11,23), die wir praktizieren sollten? Oder betonen wir die Gefahr (1 Kor 11,20+28) oder gar den Missbrauch (Praxis der katholischen Kirche, auch bei Luther ‚Sakrament‘) und lassen es lieber sein?
  • Erhobene Hände: Biblische Aufforderung (1 Tim. 2,8; Ps 134,2) oder nur Kennzeichen einer bestimmten Gruppierung? Finden wir im Neuen Testament Vorschriften für eine bestimmte Körperhaltung bei Gebet oder Gesang?
  • Wiederholungen: Wie viel Text hatte das Lied der Mirjam (2 Mo 15, 20f)? Ist es wahrscheinlich, dass Lied und Reigentanz nach 10 Sekunden vorüber waren? – Wieviel Text wird uns in 2 Chr 5,13 überliefert? – Was machen wir mit den Wiederholungen in Ps 107 und 136 etc.? – Wiederholungen sind auch in Werken wie z.B. Bachs Weihnachtsoratorium oder Händels Messias ein gebräuchliches Ausdrucksmittel. Wiederholungen bestärken eine Aussage oder drücken im poetischen Text eine fortlaufende Tatsache aus. Und können wir nicht selbst entscheiden, ob wir ein einstrophiges Lied wiederholen?
  • Darbietung: Wenn wir an anderen Orten eine aus unserer Sicht zu lautstarke Darbietung, ein „unpassendes“ Arrangement, eine vermeintliche Selbstdarstellung von Musikern beobachten oder gar am selben Ort „zweifelhafte“ Belehrung weitergegeben wird, ist dann das dort gesungene Lied verantwortlich? Sind wir nicht in der Lage, zwischen gutem Inhalt (= Lied) und verfehlter Darbietung oder Interpretation zu unterscheiden?

10.Behauptung:

„Meine eigene Erfahrung ist Grund genug, dass andere meine Haltung teilen müssen.“

Bewertung:

Grundsätzlich sind wir alle geprägt durch unseren persönlichen, kulturellen und geistlichen Hintergrund in Elternhaus, Gesellschaft, Ausbildung und Gemeinde sowie durch die Gewohnheiten und Traditionen, mit denen wir zu tun hatten. Diese mögen sowohl wichtig sein als auch oftmals hilfreich. Dennoch stehen wir in der Gefahr, menschliche Gedanken und Traditionen als allgemeinen Maßstab auf die gleiche Stufe zu heben wie biblische Wahrheiten und sie auch so anzuwenden. Das geschieht besonders dann, wenn andere nicht nach unserer Vorstellung denken und handeln. Hier müssen wir häufig wieder einen klaren Blick dafür erhalten, was Gottes zeitloses Wort wirklich sagt, und es von menschlicher – auch gut gemeinter – Sichtweise trennen.

Das gilt besonders auch für schlechte Erfahrungen, die jemand in anderen Ortsgemeinden und Denominationen gemacht haben könnte. Diese sollten wir nicht ignorieren, sondern uns gegenseitig mit Liebe und Langmut begegnen. Selbstverständlich beachten wir Sondersituationen und nehmen Rücksicht im Sinne von 1 Kor 14,16 und Röm 14, 2+20-23. Anderseits ist „Schwachheit“ in der Bibel kein anzustrebender Dauerzustand. Gottes Plan ist vielmehr ein gesundes Wachstum gemäß Eph 4, 11-16 (vgl. auch Hebr 5,12ff). Wir wollen uns daher davor hüten, persönliche Erlebnisse zu verallgemeinern und daraus eine normierende Verbindlichkeit für andere abzuleiten. Röm 14,3+10 ermahnt ausdrücklich beide Seiten (vgl. dazu auch 1 Kor 8, 4-8; 10, 23+24).

„Abusus non tollit usum“ (lat.) – „Missbrauch hebt den (rechten) Gebrauch nicht auf“

Was ist unser Ziel?

Wie wollen wir nun mit unterschiedlichen Auffassungen innerhalb unserer Gemeinde umgehen? Streit kann nicht die Lösung sein. Wir sollten uns unter Gebet die Sicht eines Paulus aus 2 Kor 10 zu eigen machen, uns vom Herrn Demut erbitten und „jeden Gedanken gefangen nehmen unter den Gehorsam Christi“.

Wenn innerhalb einer Ortsgemeinde Unsicherheit über die Eignung eines bestimmten Liedes aufkommt, so kann man unter Beachtung von Philipper 2, 1-4 möglichst bald zu einer gemeinsamen Einschätzung anhand klarer biblischer Aussagen kommen. Bis dahin ist es förderlicher für den Erhalt des Friedens, wenn man ein Lied mal nicht (mit)singt anstatt im Streit zu enden oder gar ein ganzes Liederbuch abzulehnen. Einer, der ein Lied nicht mitsingen kann, soll schweigen dürfen. Aber er darf auch die anderen nicht zwingen, dieses Lied nicht singen zu dürfen.

Erinnern wir uns an die Tatsache, dass wir alle ausnahmslos Sünder waren und allein durch Gottes Gnade errettet sind! Freuen wir uns darüber, dass Gott „überall seine Leute hat“, mit denen wir gemeinsam die Ewigkeit verbringen werden. Freuen wir uns über die Vielfältigkeit der göttlichen Gnadengaben auch im musikalischen Bereich und loben wir freudig gemeinsam und ohne zweifelnde Überlegungen unseren Herrn Jesus Christus und unseren Gott und Vater. Lasst uns in der Praxis zeigen, dass es uns wirklich ernst ist mit den Aussagen in Eph 4,1-6, auch beim gemeinsamen Singen alter und neuer Lieder zur Ehre Gottes.

Thomas Hammer

Leserzuschriften

Erstmal vielen Dank für den Artikel. Als Ältester in meiner Gemeinde muss ich mich auch mit dieser Kritik auseinandersetzen. Vielleicht liegt mir das auch ein bisschen, weil ich Berufsmusiker bin. Ein Artikel, der gegen die „Glaubenslieder 2015“ geschrieben wurde, stand unter dem Bibelvers aus Amos 5,23 „Tu hinweg von mir den Lärm deiner Lieder.“ Gerade der Kontext dieses Verses hat mir ein wichtiges Kriterium für unseren Umgang mit Liedern geliefert. Gott ruft das abgefallene Volk Israel zur Umkehr auf ((Amos 5,4ff). Da sie aber nicht hören, lässt er ihnen sagen, dass er sowohl ihre Feste und Opfer (die er selbst im Pentateuch befohlen hat), als auch ihre Lieder nicht mehr annehmen kann. Die Art der Lieder ist hier womöglich genau so wenig schlecht, wie die biblisch gebotenen Feste und Opfer, aber die falsche Herzenseinstellung zu Gott macht sie für Gott unannehmbar.

Ich denke, dass Gott uns viele Gestaltungsmöglichkeiten in der Musik gibt, aber dass es um unsere (auch theologische) Einstellung zu Gott beim Singen der Lieder geht. Verstehen wir z.B. Jesus als König eines „Emerging Church Königs-Frieden-Reiches“ oder sehen wir in ihm den biblischen „Herrn“, der er jetzt schon für uns ist und der eines Tages in ganzer Fülle „König der Könige“ sein wird? Gerade die Streitigkeiten über äußerliche Erscheinungsform halte ich (in einem gewissen Rahmen) für eine fragwürdige Herzenseinstellung. Der daraus resultierende Streit zwischen Brüdern und die Verleumdung, die teilweise damit einhergeht, mag vielleicht schon selbst von einer Herzenseinstellung zeugen, die auch unsere theologisch korrekten Lieder für Gott unannehmbar werden lassen kann.

Johannes Dams

Finde diesen Artikel als sehr hilfreich. Könnte er als Sondernummer herausgebracht werden, da ich ihn gerne in Verbindung mit meinen vielen gemeindlichen Diensten weitergeben möchte!

Martin Vedder

Diesen Artikel hätte man optimalerweise 1-2 Jahre vor dem Erscheinen des neuen Liederbuches bringen können (Stichwort: abholen und mitnehmen). Das hätte uns das ein oder andere schwierige Gespräch gespart. – Anyway, ich finde das neue Buch sehr gut. Es ist so gut, dass sogar unsere Jugendgruppe (!) öfter daraus singt. Ein Dank an jeden, der hier mitgewirkt und dem Herrn dabei gedient hat!!

Torsten Rausch

Der Umgang mit solchen und anderen „zweifelhaften Fragen“ bereitet immer wieder Schwierigkeiten. Wir würden uns freuen über weitere Leserbeiträge, z.B. auch mit positiven Erfahrungen oder Schilderungen, wie sie in ihrer Gemeinde vorgegangen sind, um Geschwister nah am Wort und nah beieinander zu halten. 

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