Chancen und Aufgaben von Brüdergemeinden für heute und morgen (Was mich bewegt)

Ich erlebe Brüdergemeinden sehr unterschiedlich. Sie sind nicht homogen. Und doch haben sie alle etwas gemeinsam. Statements von außen machen das deutlich: „Das sind doch die, wo die Frauen nichts sagen dürfen.“ „Die feiern doch jede Woche Abendmahl.“

Typisch ist auch die Aussage, die man manchmal in Vorstellungsrunden hört: „Ich gehöre zu einer Brüdergemeinde, aber nicht zu so einer richtigen.“

Haben wir vielleicht Probleme mit uns selbst oder unserer Vergangenheit? Wissen wir, warum wir sind, wie wir sind? Wichtig ist, dass wir uns immer wieder erinnern, wo wir herkommen und uns bewusstmachen, was wir als nächstes erwarten.

Unsere Geschichte

Im Januar sagte ein Bruder in einem Workshop zu diesem Thema: „Die Jugend hat kein Interesse an unserer Geschichte. Ihr sind authentische Vorbilder wichtiger. Glaubwürdiges Christsein ist gefragt.“ Richtig! Aber genau das hat ja mit unserer Geschichte zu tun. Die Männer der ersten Stunde waren echte Kämpfer, authentische Christen, die ihren Glauben ernst nahmen.

Um zu verstehen, was uns als Brüdergemeinden ausmacht, ist es wichtig zu wissen, wo wir herkommen.

Wenn wir heute sagen, wir müssen tun, was unsere Väter taten, dann tun wir gerade nicht, was unsere Väter taten, denn sie taten nicht, was ihre Väter taten. Das heißt: Sie forschten in der Heiligen Schrift und versuchten umzusetzen, was der Geist Gottes ihnen beim Studium der Bibel klarmachte. So entstand die Brüderbewegung.

In Deutschland entstanden seit 1843 erste Brüdergemeinden. Durchschlagskraft erhielt die junge Bewegung durch die zahlreichen Reisen und den Besuch vieler Konferenzen des Lehrers Carl Brockhaus, der dann auch 1853 in Elberfeld einen Verlag gründete.

Es wurde eine Zeitschrift „Botschafter des Heils in Christo“ herausgegeben, es entstand ein eigenes Liederbuch und eine eigene Bibelübersetzung, die bis heute als eine der wortgetreuesten deutschen Übersetzungen weit über den eigenen Kreis hinaus anerkannt wird, die Elberfelder Bibel. So war unsere Bewegung von Anfang an durch intensives Arbeiten an und mit der Bibel gekennzeichnet.

Die so ganz anderen Zusammenkünfte (im Vergleich zur Staatskirche) ergaben sich nicht aus dem Wunsch, es mal anders machen zu wollen, sondern aus dem intensiven Forschen in der Heiligen Schrift. Bis heute muss die Bibel allein Grundlage all unserer Entscheidungen sein, ansonsten entziehen wir uns selbst den Boden unter den Füßen.

Trotz aller Unterschiede zwischen offenen und geschlossenen Brüdern und den Turbulenzen durch die nationalsozialistische Herrschaft, gab es nach dem Krieg bis heute theologische Grundsätze und Prinzipien, die unsere Bewegung prägen:

1. Die Liebe zu Gottes Wort

Wir bekennen uns zur Verbalinspiration und zur Irrtumslosigkeit der ganzen Heiligen Schrift. Das war übrigens in der Gründungsphase für alle freikirchlichen Bewegungen ganz normal. Heute bilden wir mit diesem Bekenntnis eine Ausnahme. Dazu gehört auch die Tatsache, dass es nur eine Wahrheit gibt. Heute gibt es Trends in der evangelikalen Welt, dass es angeblich mehrere Wahrheiten geben kann. Die Bibel sei mehrdeutig zu lesen und zu verstehen.

Die Liebe zu Gottes Wort ist eine große Chance. Liebe zu Gottes Wort gibt uns Stabilität und Sicherheit. Diese Sicherheit ist notwendig. Nur so können wir flexibel in der Form und stabil im Inhalt sein.

Gottes Wort bleibt ewig gleich. Kultur ändert sich, aber nicht die Bibel. Die Bibel macht uns bezüglich des Gemeindelebens, der Abläufe der einzelnen Zusammenkünfte etc. relativ wenige Vorschriften. Deshalb ist sie auch in allen Kulturen anwendbar. Sie lässt uns große Freiheit in der Gestaltung, nennt uns aber klare Eckpunkte und Ordnungen, die unabhängig vom Zeitgeist ihre absolute Gültigkeit haben. Sollte heute eine Anweisung nicht mehr gelten, sagt die Bibel das selbst. Unser HERR sagt z.B.: „Den Alten ist gesagt, ich aber sage euch…“

2. Die regelmäßige Mahlfeier

In der Regel feiern wir jeden Sonntag das Mahl des Herrn. Jeder wiedergeborene Christ ist dazu eingeladen. Wir verstehen das Mahl nicht als Sakrament, sondern allein zum Gedächtnis an den gestorbenen und auferstandenen Herrn Jesus Christus. Wer teilnimmt, soll keiner Irrlehre anhängen und einen ordentlichen Lebenswandel (Römer 12,2) führen.

Nach meiner Kenntnis gibt es keine Gemeindegruppe, in der die Mahlfeier einen solchen Stellenwert hat. Und das ist eine besondere Chance. Wir schätzen die sonntägliche Mahlfeier als eine ganz besondere „Stunde“. Aber leider gibt es auch kaum eine Stunde, wo wir uns so „steif “ und „traurig“, so festgefahren, so auf den bewährten Ablauf bedacht verhalten. Damit setzen wir ein kostbares Erbe aufs Spiel, wenn wir den Vorwurf bekommen: Alles ist so todernst, das ist ja eine Trauerfeier. Von Siegesfeier und Freude keine Spur. Man singt zwar „Freudig preisen wir Herr Jesus“, aber die Gesichter sprechen eine andere Sprache.

Das Mahl des Herrn kann in der Form unterschiedlich gefeiert werden, die Form muss aber zum Inhalt passen. Es ist eine Siegesfeier! „Lasst auch uns Festfeier halten“ – schreibt Paulus. Es gibt für das Mahl des Herrn keine Liturgie. Die einzigen Vorgaben, die wir haben, ist folgende Reihenfolge: Der Herr dankt, bricht das Brot und reicht es seinen Jüngern und dann nimmt er den Kelch und reicht ihn ebenfalls seinen Jüngern.

Wir haben die Möglichkeit – ja wir sehen sogar die Notwendigkeit – die Mahlfeier um die eigentliche Handlung herum ganz frei zu gestalten. Wir betonen: Im Inhalt stabil, in der Gestaltung flexibel – unter Leitung des Heiligen Geistes. Das betrifft auch den Gesang. Ob mit oder ohne Begleitung, ob älteres oder neueres Liedgut hängt von der Situation ab. Änderungen sollten nie zum Streit führen und immer dem Ziel der Mahlfeier dienen: Tut es zu meinem Gedächtnis!

3. Allgemeines Priestertum und Geistesleitung

Jedes Kind Gottes kann jederzeit priesterlich vor Gott treten. Wir brauchen keine Mittler und unterscheiden nicht zwischen Klerus und Laien. Und jedes Kind Gottes hat zum Zeitpunkt der Bekehrung und Wiedergeburt den Heiligen Geist empfangen und darf sich im Alltag wie am Sonntag vom Geist Gottes leiten lassen. Geistesleitung beginnt nicht beim Eintritt in den Gemeindesaal, sondern sollte unser Leben prägen. Die bruderschaftliche Leitung und Gestaltung der Gottesdienste soll die Umsetzung des allgemeinen Priestertums ermöglichen und fördern.

Allgemeines Priestertum bedeutet nicht allgemeines Rednertum. Gott hat seiner Gemeinde Gaben gegeben. Diese gilt es zu erkennen, zu betätigen, zu fördern, zu trainieren und unter Leitung des Heiligen Geistes einzusetzen.

Geistesleitung zeigt sich auch in Spontanität, darf allerdings nicht in Unordnung und Unzumutbarkeit ausarten. Geistesleitung ersetzt nicht die sorgfältige Vorbereitung auf die Zusammenkünfte. Eine gute Predigt zieht nach wie vor – gerade junge – Menschen an.

4. Die Selbstständigkeit der Ortsgemeinde

Die Gemeinden, die 1949 aus dem Bund austraten, wollten einerseits frei vom »Bund« sein und andererseits auf keinen Fall zurück in die exklusive Enge. Bis heute verstehen sich die Gemeinden der ›Freien Brüder‹ als eine Art offenes Netzwerk. Sie arbeiten bei gemeinsamer geistlicher Ausrichtung zusammen, ohne sich dabei sonst üblicher kirchlicher Strukturen zu bedienen. Die Brüder lehnten hierarchische Ämter, Wahlen, demokratische Mitbestimmung und Dachverbände ab.

Wir haben einen Blick für die Einheit des Leibes und pflegen entsprechende Gemeinschaft ohne allen Trends zu folgen. Hierin liegt eine besondere Stärke, die wir leider aber immer wieder als eine Schwäche unserer Bewegung erlebt haben, weil eine falsch verstandene Absonderung zur Verinselung geführt hat.

5. Mission und Diakonie haben einen hohen Stellenwert

»So sind wir nun Gesandte an Christi statt, indem Gott gleichsam durch uns ermahnt; wir bitten für Christus: Lasst euch versöhnen mit Gott! « (2. Korinther 5,20). Die Liebe zu Gott zeigt sich im Dienst der Versöhnung. Die Weitergabe des Evangeliums war und ist ein wichtiges Anliegen. Es ist erstaunlich, wie viele Missionswerke aus der Brüderbewegung heraus entstanden sind!

Evangelisation und Mission sind klare Aufträge für Gottes Gemeinde in dieser Welt – verbunden mit Diakonie. Unsere diakonische Arbeit muss immer in Verbindung mit der Verbreitung des Evangeliums stehen. Andernfalls werden wir unserem Auftrag in dieser Welt nicht gerecht. Ohne Diakonie verliert Evangelisation an Glaubwürdigkeit. Ohne Evangelisation wird Diakonie geistlos und kann zur gottlosen Nächstenliebe ausarten.

6. Heilsgeschichtliches Denken und die Naherwartung des Herrn Jesus

Dieses wertvolle Erbe verdanken wir den Vätern unserer Bewegung, die sich stark für das prophetische Wort interessierten. Sie erkannten, wie wichtig es ist, zwischen Israel und der Gemeinde zu unterscheiden. Die Sicht für die Heilsgeschichte und die Haushaltungen hat nicht nur unsere Theologie, sondern die ganze evangelikale Welt beeinflusst.

Gottes Wort ist eine fortschreitende Offenbarung an uns (siehe Epheser 3,3ff / Kolosser 1,25-27 / Hebräer 1,1-2).

Wenn wir aufhören in diesem Sinne heilsgeschichtlich zu denken und zu lehren, wird das Auswirkungen auf unsere Gemeindepraxis haben, z.B.:

  • Zunahme des Wohlstandsevangeliums mit dem Anspruch der irdischen Segnungen.
  • Eine andere Einordnung der zeichenhaften Gnadengaben.
  • Haltung gegenüber Israel (die Gemeinde als Fortsetzung Israels).
  • Die Förderung der Lehre von der Verlierbarkeit des Heils.

Heilsgeschichtliches Denken sorgt dafür, dass das Geschichtsbewusstsein und gleichzeitig die Erwartung unseres wiederkommenden Herrn lebendig bleiben. Denn wer über Heilsgeschichte nachdenkt, denkt auch an die Vollendung seiner Geschichte (1. Thessalonicher 4,15-18). Wir leben zukunftsorientiert und ermutigen uns gegenseitig, dass unser Herr kommt.

Wie geht es weiter?

Wir sind eine Bewegung. Wir sind in Bewegung. Meine Frage: Bewegt uns, was Gott bewegt? Bewegen wir uns auf ihn und sein Wort zu?

Von Mose lesen wir: „Er aber führte das Volk aus dem Lager hinaus, Gott entgegen…“ (2. Mose 19,17). Das sollte, nein das muss auch Ziel und Aufgabe unserer Bewegung sein! Die erste Generation hatte dieses Ziel. Deshalb konnte der HERR diese Bewegung auch segnen und gebrauchen. Wir sind nun die x-te Generation. Wir sind reich beschenkt. Wie gehen wir mit unserem Erbe um?

Was ich beobachte

Offen für alles – Anpassung an den Mainstream

Diese neue, gefährliche Offenheit liegt begründet in einer Gier nach Anerkennung in unserer Gesellschaft. Wenn wir an unseren bibeltreuen Standpunkten weiterhin festhalten, verlieren wir vordergründig die Akzeptanz der Gesellschaft und der hohen Theologie. Gemeinde Gottes in der Endzeit hat den Mut zur geringeren Größe. Das macht das Sendschreiben an Philadelphia deutlich (s. Offenbarung 3,7ff ).

Gesetzliche Enge

Wir müssen fragen: Was ist Tradition? Was ist biblische Lehre? Traditionen kann man ändern, biblische Lehre nicht. Traditionen dürfen nicht zum Dogma erhoben werden. Traditionen sollten wir allerdings nicht ändern um des Änderns willen, sondern wenn wir etwas finden, was den Inhalten besser als das bisher praktizierte entspricht. Denn das Neue ist Morgen wieder eine Tradition.

Falsch verstandene Absonderung

Viele Jahre haben sich Brüdergemeinden dadurch definiert, dass sie betonten, was sie nicht sind: nicht-kirchlich, nicht-charismatisch, nicht-weltlich, nicht-bibelkritisch – das ist alles richtig, aber ein gemeinsames Feindbild reicht nicht, um eine Bewegung lebendig zu erhalten. Deshalb lasst uns bewusst sagen, wofür wir sind und nicht in erster Linie wogegen.

Geringschätzung unseres Erbes / Überheblichkeit und Stolz

Beide Verhaltensweisen sind schlechte Ratgeber für den Fortbestand bibeltreuer Gemeinden. Hochmut kommt vor dem Fall. Und Geringschätzung eines Erbes macht arm. Wir dürfen nie und nimmer Christen anderer Gemeindeformen geringschätzen. Ich habe in den letzten Jahren viele kennengelernt, die Gemeinde ganz anders verstehen und festgestellt, dass sie in Hingabe ihrem Herrn gegenüber leben und mir ein Vorbild sind. Das heißt nicht, dass ich alles gutheiße, wie sie Gemeinde leben, aber ich wertschätze sie als Person.

Der Mensch im Mittelpunkt / Christus in der Mitte

Damit wird man anfällig für neue, gefühlsmäßig schöne aber nicht unbedingt biblisch begründete Praktiken und Inhalte. Die Wahrheitsfrage steht nicht mehr vorne an, sondern: Was funktioniert und gute Gefühle macht, muss wahr sein. Deshalb müssen wir dringend die Tatsache in den Fokus rücken, dass Gemeinde Gott gehört und dazu da ist, ihn zu ehren. Wenn wir das ausstrahlen, wird das immer positive Auswirkungen auf suchende Menschen haben.

Änderungen sollten nie zum Streit führen, sondern immer Gottes Ziel dienen.

Halten wir noch einmal fest: Die erste Generation hat gelebt, was sie gelehrt hat. Aus der Erkenntnis biblischer Lehre entstand eine Bewegung. Bewahren ist gut und nützlich, aber wer bewegen will, darf nicht beim Bewahren stehen bleiben. Und das ist unsere alte wie neue Herausforderung.

 

Literatur:

  • Selbstverständnis und Struktur der Freien Brüdergemeinden. ÜA im November 2014
  • Hohage / Jaeger / Pletsch / Ziegeler : Die Bibel im Brennpunkt. CV 2014
  • Jaeger / Pletsch: Biblische Lehre kompakt. CV 2011
  • Jordy: 150 Jahre Brüderbewegung in Deutschland. CV 2003
  • Jordy / Pletsch: Weil er Gemeinde baut (60 Jahre Freier Brüderkreis). CV 2009
  • MacDonald, W.: Achte auf den Unterschied. CV 1975 / erweiterte Auflage 2008
  • Was uns die Bibel lehrt (Biblische Standpunkte von Brüdergemeinden). CV 2001
  • www.bruederbewegung.de